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Handelskonzern Geheimplan soll Metro die Wende bringen

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metrokunden

Doch reicht das alles? Die Metro-Zentrale ist nicht für ihre Geduld bekannt. Fraszczak ist bereits der vierte Geschäftsführer seit 2003. Noch öfter wechselte die Strategie: Mal wurde der „Markt der Zukunft“ ausgerufen, mal „Deutschland positiv“ beschworen; „Leitplanken“ wurden eingezogen und „Destinations“ gesetzt. Nun also „2010plus“.

Ob Metro mit den neuen Läden und dem Lieferservice einen Coup oder Flop gelandet hat, wird sich indes frühestens Ende des Jahres zeigen, wenn die Testphase ausläuft. Und dann? Selbst bei einem Erfolg der Testgeschäfte können die alten Märkte nicht einfach ersetzt oder geschlossen werden. Etliche Immobilien gehören den Metro-Aktionären Otto Beisheim und der Familie Schmidt-Ruthenbeck. Auf ihre Mieteinnahmen dürften die Metro-Granden auch in Zukunft kaum verzichten wollen. Doch auf den riesigen Flächen funktioniert das neue Konzept nicht. Ein ehemaliger C&C-Chef, der die Befindlichkeiten kennt, schlägt eine radikale Lösung vor. Einen Teil der Fläche würde er „zumauern“. Dann „kommt niemand auf die Idee, dort Ware hinzustellen, die kein Mensch kauft“.

Von einem solchen Schritt ist Fraszczak weit entfernt, aber auch er weiß, dass an den großen Märkten vorbei kein Ausweg aus der Krise führt.

Traditionsmarkt mit gefährlicher Hanglage

Der Druck steigt. Auch die Manager des internationalen C&C-Geschäfts sind alarmiert. So habe es bei der Planung der drei Testfilialen „regelrechte Rangeleien“ um die Frage gegeben, ob die Märkte nicht besser im Ausland eröffnen sollten, berichtet ein Insider. Zwar ist der Konzern international bestens aufgestellt. Metro-Großmärkte gibt es in 29 Ländern der Welt.

Der zuständige Konzernvorstand Frans Muller jettet rund 150 Tage im Jahr um den Globus, um das Großmarktreich zu steuern, das für 33,1 Milliarden Euro und damit rund die Hälfte des Konzernumsatzes verantwortlich ist. Doch bei seinen Touren musste Muller zuletzt auch einige Baustellen besichtigen. Die Landesgesellschaft in Großbritannien soll schon 2007 Verluste geschrieben haben. In Italien brachte ein Betrugsskandal das Geschäft ins Schlingern. Und ob die bisherigen Boomregionen Asien und Osteuropa der Konjunkturkrise trotzen, ist offen.

Die Lage auf dem Heimatmarkt verdient allerdings besondere Aufmerksamkeit. Viele reife Märkte in Westeuropa werden in den kommenden Jahren wohl vor ähnlichen strukturellen Problemen stehen, wie man sie heute schon in Deutschland besichtigen kann: Die Zahl unabhängiger Lebensmittelhändler sinkt hierzulande beständig. Die zehn größten Ketten von Edeka bis Tengelmann kontrollieren 86 Prozent des gesamten Marktes. Bei traditionellen Metro-Kunden wie Tankstellen, Kiosken und Hotels herrscht seit Jahren Flaute. Und auch Restaurants und Kneipen haben seit 2001 kräftig Umsatz eingebüßt.

Die Kundenbasis erodiert, die Preise sind zu hoch, die Sparmöglichkeiten ausgereizt. Um die Schieflage der deutschen Märkte zu erleben, genügt eine Fahrt nach Wuppertal-Schwelm. Auf einer kleinen Anhöhe steht ein Metro-Markt, der wie ein Einkaufsrelikt aus den Siebzigerjahren wirkt. Aus der Ferne scheint das Gebäude nach hinten wegzurutschen. Drinnen gleicht der Fußboden einer Buckelpiste. Aus der Karnevalsabteilung schallt Partymusik. Und die DVD-Regale locken mit Highlights wie der Drei-Filme-Box „Po-Po Girls (deutsche Erotikstars zeigen sich von ihrer schönsten Seite)“.

In absehbarer Zeit dürfte es mit dem Einkaufsspuk vorbei sein. Nur wenige Meter von dem alten Markt soll ein neuer errichtet werden, heißt es im Unternehmen. Bau-Experten hätten bei dem Traditionsmarkt eine gefährliche Hanglage diagnostiziert – eine Einschätzung, die auch für die gesamte deutsche Großmarktsparte den Nagel auf den Kopf trifft.

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