WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Handy-Produktion Nokias knallhart kalkulierte Werksschließung

Seite 2/2

Auch aus Berlin ist Geld nach Bochum geflossen. Das Bundesforschungsministerium hat rund zehn Millionen Euro für Forschungs- und Entwicklungsarbeiten an Nokia in Bochum überwiesen. Das Geld floss unter der Bedingung, dass die Entwicklungen auch in Deutschland verwertet werden. Auch Berlin untersucht jetzt, ob Rückforderungen möglich sind.

Die meisten Subventionen müssen, Experten zufolge, allein schon deshalb abgeschafft werden, weil letztlich kein Wirtschaftsförderer genau überprüfen kann, ob sie für die Standortwahl eines Unter-nehmens ausschlaggebend sind. Nicht selten spielen Faktoren wie die Nähe des Marktes, die Qualifikation der Mitarbeiter, die Zulieferer oder die Transportwege eine mindestens ebenso wichtige Rolle.

Bei seinen Standortentscheidungen geht es auch Nokia nicht allein um Subventionen. „Natürlich gibt es Mitnahmeeffekte, doch das ist nicht der entscheidende Faktor“, sagt Telekommunikationsexperte Gerpott. Das Werk in Bochum „ist schon recht alt, wir hätten jetzt noch einmal investieren müssen“, sagt Nokia-Vorstand Juha Äkräs. Da in Rumänien ohnehin neue Kapazitäten aufgebaut werden, habe man sich gegen weitere Investitionen in Deutschland entschieden. „Wir müssen sehen, wo es für uns am günstigsten ist“, sagt Äkräs.

So werden die in Bochum bislang gefertigten Handys der mittleren Preisklasse künftig in Komarom in Ungarn gefertigt. Dort ist die „Fabrik der Zukunft“ entstanden, wie das Werk bei Nokia heißt und um dem herum sich zahlreiche Zulieferer angesiedelt haben, die hier ein Großteil des Bedarfs produzieren – vom Gehäuse, von elektrischen Bauteilen über die Tastatur bis hin zu Gebrauchsanweisungen und Verpackungen. „Das ist sehr wichtig, denn die Produktionsabläufe werden immer schneller“, sagt Michael Schröder, Analyst bei der finnischen Kaupthing Bank. In Bochum war es nach Angaben des Unternehmens nicht möglich, dieses Konzept umzusetzen.

Nun startet in Rumänien in den nächsten Wochen die Nokia-Handyproduktion in der neuen Fabrik in Cluj. Hier werden einfache Mobiltelefone für Schwellenländer gebaut, die bisher in Ungarn hergestellt wurden. Doch auch hier spielen Subventionen für Nokia ganz offensichtlich eine Rolle. 60 Millionen Euro investiert das Unternehmen in der Region, bis zu 3500 Personen sollen in Cluj einmal arbeiten. Um das neue „Nokia Village“ in Transylvanien ranken sich Spekulationen. Nokia soll ein 90-Hektar-Grundstück zu einem symbolischen Preis erhalten haben.

Die Chancen, dass Nokia seine Entscheidung zu Bochum überdenkt oder gar rückgänig macht, sind gleich null. Am Donnerstag wird Nokia neue Zahlen vorlegen. „Es könnte das beste Quartalsergebnis aller Zeiten sein“, sagt Greger Johansson vom Marktforscher Redeye.

Schon im dritten Quartal stieg der Gewinn um 85 Prozent auf 1,56 Milliarden Euro. Mit einem Marktanteil von fast 40 Prozent verkaufen die Finnen so viel Handys wie die Verfolger Samsung, Motorola und Sony-Ericsson zusammen. Dabei ist Nokia, auch dank der Größe, der mit Anstand profitableste Hersteller. Die Marge bei Mobiltelefonen liegt mit knapp 20 Prozent fast doppelt so hoch wie beim zweitgrößten Handyproduzenten Samsung.

Um solche Ergebnisse zu erzielen und weiter zu steigern, kalkulieren die Finnen knallhart. „Nokia schaut schon immer an jeder kleinen Stelle, wo sich die Effizienz noch steigern lässt“, sagt Analyst Schröder. Opfer dieses Kalküls sind nun die Bochumer Arbeiter, obwohl sie Gewinne erwirtschaftet haben. „Bochum konnte nicht genug zu den angepeilten Margen beitragen“, sagt Schröder.

Für den EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso trägt die europäische Förderpolitik keine Schuld an der Verlagerung der Bochumer Nokia-Produktion in den Osten. Dafür gebe es keine Förderung. „Richtig ist, dass wir die Infrastruktur in wirtschaftlich weniger entwickelten oder benachteiligten Regionen fördern. Auch in Deutschland!“, sagt Barroso.

Den Nokia-Beschäftigten, die demnächst ihre Jobs verlieren, stellt der Kommissions-chef Hilfen in Aussicht. „Ich verstehe die Betroffenheit der Menschen in Bochum“, sagt er. „Gerade weil wir auch um die Härten von Veränderungsprozessen wissen, stehen unser Sozial- und unser Globalisierungsfonds in Fällen zur Verfügung, in denen die Mitgliedstaaten solche Veränderungen nicht allein auffangen können.“

In Deutschland „profitieren“ davon bereits Arbeitnehmer, die ebenfalls Pech mit einem Handyproduzenten in Nordrhein-Westfalen hatten, dem taiwanesischen Konzern BenQ, der die Handyfabrik von Siemens in Kamp-Lintfort übernommen hatte und pleitegehen ließ.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%