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Handy-Produktion Nokias knallhart kalkulierte Werksschließung

Das bevorstehende Aus für die Nokia-Produktion in Bochum beweist grausam, wie sinnlos die in Europa gängige Subventionspraxis ist.

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Wer Spaß an zynischen Scherzen hat, der wird im Internet zurzeit hübsch bedient: Nur wenige Stunden nachdem der finnische Handyhersteller Nokia am vergangenen Dienstag die Absicht angekündigt hatte, sein Werk in Bochum zu schließen, setzte sich eine 13-jährige Bochumerin an den Computer und startete einen Boykott-Aufruf im Internet. „Ab sofort kein Nokia-Handy mehr kaufen!“, forderte sie unter dem Namen NoNoNokia in ihrem Blog. Die Zahl beifällig empörter Kommentare schwoll rapide an.

Für die eigentlich makabre Pointe sorgten jedoch andere – nämlich automatisch erstellte Werbe-Anzeigen ausgerechnet für Nokia-Handys unter den Zuschriften der Empörten. „Das Gedächtnis des Marktes ist kurz“, sagt Torsten Gerpott, Telekommunikationsexperte von der Universität Duisburg. Kaum jemand erinnere sich zum Beispiel, dass einst auch der US-Hersteller Motorola Arbeitsplätze vom norddeutschen Flensburg nach Asien verlagerte.

Tatsächlich ist die Flucht der Finnen zwar ein besonders grausames, weil nahes, aber doch nur eines von vielen Lehrbeispielen dafür, dass Subventionen wie Treibsand wirken. Unternehmen, die darauf gründen, wandern weiter und weiter, ohne je richtig wirtschaftlich Fuß zu fasssen. Siedeln sich Unternehmen vor allem der Subventionen wegen an, wird die Wettbewerbsfähigkeit damit nur vorübergehend gesichert – auch wenn Politiker das Gegenteil behaupten.

Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) hatte erst Dienstagmorgen um acht Uhr einen Anruf von Nokia erhalten, kurz bevor das Unternehmen seine Abwanderungspläne öffentlich machte. Dass Nokia in den vergangenen zehn Jahren der größte Subventionsempfänger des Landes gewesen war, zählte nicht.

Wirtschaftswissenschaftler wie Jürgen Donges, Direktor des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität Köln, fordern daher, sämtliche Subventionen an einzelne Unternehmen, Branchen und Regionen „bis auf null“ abzubauen. Denn was für Unternehmen rationales Kalkül ist, erweist sich in der Praxis als schnöde Wettbewerbsverzerrung. Sobald der staatliche Geldsegen ausbleibt, zeigt sich, dass die Produktion nicht profitabel genug ist. Bei Nokia in Bochum wurde jeder der 2300 Arbeitsplätze mit knapp 40.000 Euro subventioniert. „Subventionen sind in der Regel verlorenes Geld“, sagt Alfred Boss vom Kieler Institut für Weltwirtschaft, da sie Arbeitsplätze nicht dauerhaft sichern könnten.

Dass staatliche Finanzhilfen ein süßes Gift sind, dem viele erliegen, haben Unternehmen in den vergangenen Jahren zuhauf erlebt – egal, ob Zuschüsse oder Steuererleichterungen gewährt wurden. Im vergangenen Jahr etwa verlagerte der schwedische Konzern Electrolux die Produktion seiner AEG-Waschmaschinen von Nürnberg unter anderem nach Polen. 1700 Menschen verloren ihren Job. Die Nachbarn im Osten lockten mit niedrigeren Steuern. Polen kann sich das aber nur leisten, weil es selbst kräftig subventioniert wird. Das Land streicht jedes Jahr knapp zehn Milliarden Euro EU-Hilfen aus Brüssel ein.

Selbst innerhalb Deutschlands machten Kommunen und Wirtschaftsförderer böse Erfahrungen mit der Wirkungslosigkeit von Subventionen. Nach der Wende zogen Unternehmen in Scharen in die ehemalige DDR und versenkten nicht selten Summen in zwei- oder gar dreistelliger Millionenhöhe in Projekte wie den Lausitzring oder Cargolifter, beide in Brandenburg. In den früheren Montagehallen des geplanten Zeppelin-Produzenten Cargolifter befindet sich heute ein Tropenspaßbad – das seine Kosten aber auch nicht einplantscht.

Nokia strich in Deutschland Fördermittel in großem Stil ein, investierte dafür aber auch 378 Millionen Euro. Aus Töpfen der NRW-Regionalförderung sind nach Angaben des Landeswirtschaftsministeriums 60 Millionen Euro in das Bochumer Werk geflossen. Die Bindungsfrist war Mitte 2007 abgelaufen. Die Landesregierung prüft nun, ob Nokia die damit verbundenen Auflagen erfüllt hat. Immerhin hatte sich das Unternehmen verpflichtet, 2800 Arbeitsplätze zu schaffen und während des Förderungszeitraums zu erhalten. Sollte Nokia dagegen verstoßen haben, will das Wirtschaftsministerium in Düsseldorf die letzte Tranche von 17 Millionen Euro zurückfordern.

Auch aus Berlin ist Geld nach Bochum geflossen. Das Bundesforschungsministerium hat rund zehn Millionen Euro für Forschungs- und Entwicklungsarbeiten an Nokia in Bochum überwiesen. Das Geld floss unter der Bedingung, dass die Entwicklungen auch in Deutschland verwertet werden. Auch Berlin untersucht jetzt, ob Rückforderungen möglich sind.

Die meisten Subventionen müssen, Experten zufolge, allein schon deshalb abgeschafft werden, weil letztlich kein Wirtschaftsförderer genau überprüfen kann, ob sie für die Standortwahl eines Unter-nehmens ausschlaggebend sind. Nicht selten spielen Faktoren wie die Nähe des Marktes, die Qualifikation der Mitarbeiter, die Zulieferer oder die Transportwege eine mindestens ebenso wichtige Rolle.

Bei seinen Standortentscheidungen geht es auch Nokia nicht allein um Subventionen. „Natürlich gibt es Mitnahmeeffekte, doch das ist nicht der entscheidende Faktor“, sagt Telekommunikationsexperte Gerpott. Das Werk in Bochum „ist schon recht alt, wir hätten jetzt noch einmal investieren müssen“, sagt Nokia-Vorstand Juha Äkräs. Da in Rumänien ohnehin neue Kapazitäten aufgebaut werden, habe man sich gegen weitere Investitionen in Deutschland entschieden. „Wir müssen sehen, wo es für uns am günstigsten ist“, sagt Äkräs.

So werden die in Bochum bislang gefertigten Handys der mittleren Preisklasse künftig in Komarom in Ungarn gefertigt. Dort ist die „Fabrik der Zukunft“ entstanden, wie das Werk bei Nokia heißt und um dem herum sich zahlreiche Zulieferer angesiedelt haben, die hier ein Großteil des Bedarfs produzieren – vom Gehäuse, von elektrischen Bauteilen über die Tastatur bis hin zu Gebrauchsanweisungen und Verpackungen. „Das ist sehr wichtig, denn die Produktionsabläufe werden immer schneller“, sagt Michael Schröder, Analyst bei der finnischen Kaupthing Bank. In Bochum war es nach Angaben des Unternehmens nicht möglich, dieses Konzept umzusetzen.

Nun startet in Rumänien in den nächsten Wochen die Nokia-Handyproduktion in der neuen Fabrik in Cluj. Hier werden einfache Mobiltelefone für Schwellenländer gebaut, die bisher in Ungarn hergestellt wurden. Doch auch hier spielen Subventionen für Nokia ganz offensichtlich eine Rolle. 60 Millionen Euro investiert das Unternehmen in der Region, bis zu 3500 Personen sollen in Cluj einmal arbeiten. Um das neue „Nokia Village“ in Transylvanien ranken sich Spekulationen. Nokia soll ein 90-Hektar-Grundstück zu einem symbolischen Preis erhalten haben.

Die Chancen, dass Nokia seine Entscheidung zu Bochum überdenkt oder gar rückgänig macht, sind gleich null. Am Donnerstag wird Nokia neue Zahlen vorlegen. „Es könnte das beste Quartalsergebnis aller Zeiten sein“, sagt Greger Johansson vom Marktforscher Redeye.

Schon im dritten Quartal stieg der Gewinn um 85 Prozent auf 1,56 Milliarden Euro. Mit einem Marktanteil von fast 40 Prozent verkaufen die Finnen so viel Handys wie die Verfolger Samsung, Motorola und Sony-Ericsson zusammen. Dabei ist Nokia, auch dank der Größe, der mit Anstand profitableste Hersteller. Die Marge bei Mobiltelefonen liegt mit knapp 20 Prozent fast doppelt so hoch wie beim zweitgrößten Handyproduzenten Samsung.

Um solche Ergebnisse zu erzielen und weiter zu steigern, kalkulieren die Finnen knallhart. „Nokia schaut schon immer an jeder kleinen Stelle, wo sich die Effizienz noch steigern lässt“, sagt Analyst Schröder. Opfer dieses Kalküls sind nun die Bochumer Arbeiter, obwohl sie Gewinne erwirtschaftet haben. „Bochum konnte nicht genug zu den angepeilten Margen beitragen“, sagt Schröder.

Für den EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso trägt die europäische Förderpolitik keine Schuld an der Verlagerung der Bochumer Nokia-Produktion in den Osten. Dafür gebe es keine Förderung. „Richtig ist, dass wir die Infrastruktur in wirtschaftlich weniger entwickelten oder benachteiligten Regionen fördern. Auch in Deutschland!“, sagt Barroso.

Den Nokia-Beschäftigten, die demnächst ihre Jobs verlieren, stellt der Kommissions-chef Hilfen in Aussicht. „Ich verstehe die Betroffenheit der Menschen in Bochum“, sagt er. „Gerade weil wir auch um die Härten von Veränderungsprozessen wissen, stehen unser Sozial- und unser Globalisierungsfonds in Fällen zur Verfügung, in denen die Mitgliedstaaten solche Veränderungen nicht allein auffangen können.“

In Deutschland „profitieren“ davon bereits Arbeitnehmer, die ebenfalls Pech mit einem Handyproduzenten in Nordrhein-Westfalen hatten, dem taiwanesischen Konzern BenQ, der die Handyfabrik von Siemens in Kamp-Lintfort übernommen hatte und pleitegehen ließ.

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