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Handy-Scanner Ethikraster fürs Regal

Konsumenten sollen mit dem Handy prüfen können, wie nachhaltig Waren hergestellt werden. Neuer Öko-Gag oder Kampfansage an Umweltmuffel und rabiate Arbeitgeber?

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Barcodes Scannen

Maurice Stanszus kramt sein Handy aus der Hosentasche, hält die eingebaute Kamera auf den Strichcode einer Packung Persil und drückt ab. Wenige Sekunden später erscheinen auf dem Display fünf Vierecke. Jedes von ihnen leuchtet grün, weil Henkel in einer bestimmten Rangliste einen vorderen Platz einnimmt: etwa beim CO2-Ausstoß oder bei nachhaltiger Unternehmensführung.

Längst nicht so gut kommt der Filterkaffee Nescafé Gold von Nestlé weg. Der Schweizer Lebensmittelmulti erhält zwar ebenfalls grün für seine CO2-Einsparungen. Doch bei verantwortlichem Handeln gibt es nur gelb, weil die Eidgenossen in einer Rangliste des US-Magazins „Fortune“ lediglich im Mittelfeld landen. Rot handelt sich Nestlé ein, weil das Unternehmen in einem Schwarzbuch über Markenfirmen auftauchte – wegen angeblich international geächteter Vermarktungsmethoden bei Babynahrung, Ausbeutung und Kindersklaverei bei Rohstofflieferanten.

Konsumampel für´s Handy

Dass Verbraucher beim Einkauf Strichcodes fotografieren, um via Handy Produktinformationen einzuholen und Preisvergleiche anzustellen, gibt es schon länger. Neu ist, dass Konsumenten mit ihrem Mobilfunkgerät bald auch checken können, wie nachhaltig die Ware hergestellt wurde. Zu diesem Zweck hat Stanszus eine Art Ampel für Handys entwickelt. Der Service heißt WeGreen und soll Menschen mit Hang zu gesunden sowie umweltfreundlich und fair produzierten Produkten zu einem Konsum ohne Gewissensbisse verhelfen.

Stanszus, der Erfinder von WeGreen, war bis vor Kurzem Student. Auf die Idee kam er im Rahmen seiner Abschlussarbeit an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin mit dem Thema „Relevante CSR-Informationen für Konsumenten“. Daraus entwickelte der 24-jährige Wahl-Berliner das Projekt WeGreen, das vom Berliner Senat gefördert wird. WeGreen sammelt Bewertungen über die soziale Verantwortung von Unternehmen, die sogenannte Corporate Social Responsibility, kurz: CSR – also ob ein Unternehmen soziale und umweltpolitische Verantwortung zeigt.

Der neue mobile Ethik-Checker ist kein eigenständiges Computerprogramm. WeGreen ist Teil des kostenlosen Handy-Dienstes Barcoo, den das Berliner Startup-Unternehmen checkitmobile anbietet und der durch Einscannen von Strichcodes mit der Handy-Kamera funktioniert. Der kostenlose Service existiert seit Januar 2009 und wurde inzwischen mehr als 600 000-mal heruntergeladen.

Größter Knackpunkt ist die Bewertungsmethode. WeGreen vergibt selber keine Noten, sondern beruft sich auf angeblich renommierte, öffentlich zugängige Quellen. „Mit knapp 20 Quellen können wir rund 300 Unternehmen bewerten, darunter die größten Konsumgüterhersteller, die auf dem deutschen Markt wichtig sind“, sagt Stanszus.

Barcoo

Die Ampeln können nur so glaubwürdig sein wie die Autoren der Rankings. Sie bieten dem Verbraucher allenfalls Anhaltspunkte. So fließt in die Ampeln zum Beispiel das „Good Company Ranking“ ein: Es bewertet die nachhaltigen Aktivitäten der 90 größten europäischen Aktiengesellschaften. Erstellt wird die Übersicht von der Kirchhoff Consult in Hamburg, die viele der untersuchten Unternehmen auf ihrer Kundenliste hat.

Noch ein wenig ferner von der Wirklichkeit scheint das Ranking des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin, auf das sich WeGreen ebenfalls stützt. Denn das IÖW bewertet lediglich die Nachhaltigkeitsberichte der 150 größten Unternehmen Deutschlands, also nur, was diese über sich selbst veröffentlichen. Polarisieren werden auch Bewertungen, die aus Schwarzbüchern stammen.

Der WeGreen-Erfinder und seine Kollegen von Barcoo wissen um den Zoff, den sie mit ihrer Idee provozieren. Finanzkräftige Konzerne, die schlecht wegkommen, könnten die Ampel auf dem Handy gerichtlich in die Knie zwingen, befürchtet Stanszus. „Mir ist das Projekt zwar nicht bekannt“, sagt etwa Dominik Klepper, Nachhaltigkeitsexperte beim Markenverband. „Aber ich stehe Ampeln grundsätzlich skeptisch gegenüber, weil sie eine Verkürzung von Informationen darstellen, die auch für Verbraucher irreführend sein können.

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