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Handyhersteller Was eine Nokia-Übernahme durch Microsoft bringen würde

Könnte der Softwaregigant Microsoft mit einer Übernahme des angeschlagenen Handyherstellers Nokia die Probleme beider Unternehmen im Mobilfunkgeschäft lösen?

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Neuer Nokia-Vorstandschef Quelle: dpa

Als Stephen Elop schon einmal Chef eines Unternehmens wurde, endete seine Mission mit einer Überraschung. Erst beförderte der Aufsichtsrat den gebürtigen Kanadier vom einfachen Vorstand zum Vorstandsvorsitzenden. Drei Monate später verkündete Elop, sein damaliger Arbeitgeber Macromedia, der Entwickler des Internet-Videoformats Flash, werde für rund 3,4 Milliarden Dollar an das US-Softwarehaus Adobe verkauft. Elop selbst blieb auch danach an Bord – immerhin hatte er die Übernahme maßgeblich miteingefädelt.

Wiederholt sich jetzt die Geschichte von vor fünf Jahren – nur diesmal beim finischen Handyhersteller Nokia? Dorthin wird Elop, bisheriger Chef der Officesparte beim US-Softwareriesen Microsoft, in dieser Woche wechseln. Das hatte Nokia Ende vorvergangener Woche verkündet. Der Clou wäre nun eine baldige Übernahme von Nokia durch Microsoft.

Microsoft's Erfüllungshilfe

„Darüber wurde in Redmond definitiv schon diskutiert“, will Toan Tran, Analyst beim US-Investmentberatungshaus Morningstar, aus der Microsoft-Zentrale in Redmond im US-Bundesstaat Washington erfahren haben. Konkret habe zur Debatte gestanden, ob Microsoft sich einen Handyanbieter wie den Black-berry-Hersteller Research in Motion (RIM) oder eben Nokia einverleiben solle, so Tran. Der 46-jährige Elop mit dem Bürstenhaarschnitt wäre dann eine Art Erfüllungsgehilfe seines bisherigen Arbeitgebers. Als Microsoft-Manager vereinbarte er schon im August 2009 mit den früher verfeindeten Finnen eine überraschende Partnerschaft. Im Rahmen dessen hat Microsoft seine mobilen Office- und E-Mail-Programme auch auf den Nokia-Smartphones lauffähig gemacht. Nach der Ablösung des glücklosen Nokia-Chefs Olli-Pekka Kallasvuo durch Elop wäre die Übernahme durch Microsoft der krönende Schlusspunkt.

Fragt sich nur, ob beide Unternehmen überhaupt zueinander passen würden – und sich gegenseitig helfen könnten, ihre jeweiligen Probleme zu beheben. Denn nicht nur Nokia leidet massiv, seitdem das Internet mobil wird und Player wie Apple und Google den Finnen das Geschäft mit webfähigen Geräten, den Smartphones, abgraben.

Auch Microsoft-Chef Ballmer weiß bis heute keine Antwort auf den Erfolg des iPhones von Apple und das Handybetriebssystem Android von Google, auf das sich gleich eine Vielzahl von Herstellern wie Samsung oder Motorola stürzen. Dadurch bröckelt die in den vergangenen Jahren mit viel Aufwand erkämpfte Position von Microsoft bei Smartphones bedrohlich: Laut Marktforschungshaus Gartner halbierte sich der Marktanteil von Windows Mobile zwischen 2007 und heute auf unter fünf Prozent.

Bei Experten ist umstritten, ob der Kauf von Nokia vor allem Microsoft nützen würde. „Das wäre ein Desaster“, sagt etwa Charles Wolf, Technologieanalyst bei der US-Investmentbank Needham und Gegner der Übernahmethese. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ballmer so dumm ist, das zu tun.“ Nokia müsse aktuell zu viele Problemen auf einmal bewältigen, ob im Wettbewerb mit Apple und Google bei Smartphones oder mit Billiganbietern bei Einsteigerhandys in Asien. Morningstar-Analyst Tran dagegen glaubt, Microsoft könnte sich für einen Kauf von Nokia durchaus erwärmen: „Um in dem Geschäft wettbewerbsfähig zu sein, muss Microsoft auch über Hardware verfügen, um die gesamte Gerätenutzung zu kontrollieren.“ Das habe Apple beispielhaft vorexerziert.

Ungleiches Paar

Eine erste Vorentscheidung für einen möglichen Einstieg bei Nokia dürfte der 11. Oktober markieren: Voraussichtlich an jenem Tag will Microsoft-Chef Steve Ballmer auf einer großen Launch-Party in New York seine neue Mobilsoftware Windows Phone 7 vorstellen. Ende Oktober sollen die ersten Geräte mit der verbesserten Software dann in Europa in die Läden kommen, erst ein bis zwei Wochen später im Heimatmarkt USA, so ein Kenner aus dem Microsoft-Umfeld. Die koreanischen Anbieter Samsung und LG sowie HTC aus Taiwan wollen mehrere Geräte mit dem neuen Microsoft-Betriebssystem vorstellen, so ein Insider. Auch der Computerbauer Dell will mit Microsoft paktieren, schafft es laut Branchenkreisen aber nicht mehr, die eigenen Geräte rechtzeitig zum Marktstart fertig zu haben.

Start des neuen Handy Windows

Entscheidend wird sein, ob sich die Installation der neuen Microsoft-Mobilsoftware auf LG-, Samsung- und HTC-Smartphones in hohen Absatzzahlen niederschlägt. Einerseits will Ballmer mehr als eine halbe Milliarde Dollar in den kommenden Monaten in die Vermarktung stecken. Andererseits sind Analysten skeptisch. Laut einer kürzlich veröffentlichten Prognose von Gartner soll der Microsoft-Marktanteil bei Handybetriebssystemen trotz allem bis 2014 weiter auf dann unter vier Prozent fallen (siehe Grafik).

Trifft die Prognose auch nur ansatzweise ein, könnte eine Übernahme von Nokia durch Microsoft, die dem Softwarekonzern eine eigene Handyproduktion bescherte, schnell näher rücken. Zwar sagte Microsoft-Chef Ballmer noch vor Kurzem: „Ich denke nicht, dass Übernahmen die richtige Strategie für uns sind.“ Denn dann, so Analyst Tavis McCourt von der US-Investmentbank Morgan Keegan, drohte er nach heutigem Stand alle bisherigen „Partner auf der Geräteseite zu verprellen“. Doch der schwindende Marktanteil würde Ballmer laut McCourt vermutlich zum Umdenken zwingen. Schneller könnte Microsoft gar nicht zu einer ernst zu nehmenden Größe im Handygeschäft aufsteigen.

Denn zumindest an Masse fehlt es Nokia beileibe nicht. Allein im zweiten Quartal dieses Jahres verkauften die Finnen mehr als 110 Millionen Mobilgeräte weltweit – mehr als die nächsten drei Verfolger Samsung, LG und RIM zusammen. Auch Nokia brächte es Vorteile, wenn die Finnen sich Microsoft verschrieben. Denn das Nokia-eigene Handybetriebssystem Symbian, das insbesondere im Vergleich mit Apple und Google als veraltet gilt, ist ein wichtiger Grund für den Rückwärtsgang im Geschäft mit Smartphones. Dort fiel der Marktanteil von 65 Prozent im Jahr 2007 auf nunmehr 40 Prozent, Tendenz weiter fallend. Zwar haben die Finnen auf der hauseigenen Messe Nokia World in London in der vergangenen Woche nach langer Entwicklungszeit eine neue Version und neue Handys präsentiert. Doch ob diese den Rückstand zu Apple und Google aufholen können, ist fraglich.

Microsoft-Vorstandschef Quelle: dapd

Denn bis zuletzt dominierten in der Nokia-Führungsspitze Handwerker, die schöne Handys zusammenschrauben können, aber wenig vom Programmieren bedienerfreundlicher Software verstehen. Hier könnte Microsoft Nokia helfen; im Gegensatz zu Symbian ist Windows Phone 7 eine völlige Neuentwicklung. Im Falle eines Zusammenschlusses könnte Microsoft versuchen, seine neue Smartphone-Plattform Windows Phone 7 auf die Nokia-Handys zu bringen. Das würde die Reichweite der eigenen Software deutlich erhöhen. Dadurch würde Microsoft wiederum mehr Softwareentwickler ermutigen, auch Apps für Windows-Handys zu entwickeln.

Schon heute verfügt Microsoft über eine gigantische Entwicklergemeinde und dürfte für Windows-Handys schnell eine große Zahl von mobilen Softwareanwendungen, sogenannte Apps, an den Start bekommen. Auch auf diesem Gebiet hinkt Ovi, der App-Store von Nokia, weit abgeschlagen hinterher: Apple kommt auf über 250 000 Apps für das iPhone, Google auf mehr als 80 000 Android-Programmschnipsel. Nokia veröffentlicht keine Zahlen, dürfte aber bestenfalls auf 10 000 kommen. Weil Microsoft-Chef Ballmer um die Bedeutung der Apps weiß, will er neben den 500 Millionen Dollar für Werbung ohnehin eine weitere halbe Milliarde Dollar in die Hand nehmen, um App-Entwickler für Windows Phone 7 zu bezahlen.

Handy-Fertigung auslagern?

Der Niedergang von Nokia spielt Microsoft-Chef Ballmer insofern in die Hände, als er den Handyriesen dadurch vergleichsweise preiswert übernehmen könnte. 2009 betrug die operative Marge im Nokia-Handygeschäft nur noch knapp 12 Prozent – gegenüber 17 Prozent im Jahr 2008. Entsprechend sackte der Börsenwert ab. In den vergangenen drei Jahren gab die Nokia-Aktie um rund 70 Prozent nach. War Nokia noch vor zehn Jahren mit einem Börsenwert von über 300 Milliarden Euro eines des wertvollsten Unternehmen Europas, beträgt die Marktkapitalisierung aktuell nur noch knapp ein Zehntel. Leisten könnte sich Microsoft eine Übernahme deshalb allemal. Der Börsenwert von Nokia entspricht ungefähr den Beträgen, die Microsoft gerade flüssig hat.

Könnte Microsoft bei Nokia auf offene Türen stoßen? Immerhin hatte zuletzt auch der mittlerweile geschasste Vorstandschef Kallasvuo dem Unternehmen einen Radikalumbau weg vom Gerätebauer hin zum Softwareunternehmenverordnet. Schon berichten Nokia-Mitarbeiter, die Softwerker hätten bei ihnen inzwischen die Macht übernommen; die lange so dominante Hardwarefraktion warte nur noch auf ihre Vorgaben. Diesen Kurs dürfte der neue Chef Elop als langjähriger Software-Mann weiterführen oder verstärken.

Dennoch bleiben auch diverse Zweifel an der industriellen Logik eines Zusammenschlusses von Nokia und Microsoft. So stammen beispielsweise rund 30 Prozent des Nokia-Umsatzes aus dem extrem kriselnden Geschäft mit Netzwerk-Hardware aus dem Joint Venture Nokia Siemens Networks. Für derlei hat Microsoft keine Verwendung. Wollten die Amerikaner den Klotz loswerden, dürfte es schwer sein, wegen des harten Wettbewerbs mit chinesischen Netzausrüstern einen Käufer zu finden.

Viel Zeit kann sich Elop an der Nokia-Spitze nicht mehr lassen, um den Handy-riesen interessant für Microsoft zu machen. Denn der Anfang der vergangenen Woche zurückgetretene Nokia-Smart-phone-Chef Anssi Vanjoki schloss im letzten WirtschaftsWoche-Interview nicht mal mehr aus, dass sich Nokia langfristig komplett aus der Handyproduktion zurückzieht (WirtschaftsWoche 49/2009). Zwar folgte das Dementi aus der Konzernzentrale prompt. Doch solche Gedankenspiele gibt es bis heute im Nokia-Vorstand. Wird die Software zum entscheidenden Kriterium beim Handykauf, lässt sich die Geräteproduktion getrost auslagern. 

Vielleicht fädelt Elop, wenn er in dieser Woche in Espoo nahe Helsinki antritt, ja auch einen ganz anderen Deal für seinen Ex-Arbeitgeber ein. Nokia könnte auch der größte und wichtigste Lizenznehmer von Windows Phone 7 werden. „Ich freue mich darauf, mit ihm in seiner neuen Position bei Nokia zusammenzu-arbeiten“, schrieb Elops Ex-Boss Ballmer in einer offenen E-Mail an die Microsoft-Mitarbeiter vieldeutig. So oder so gilt also: Mach’s noch einmal, Stephen.  

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