WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Hans-Peter Villis im Interview "Kein Couponschneider"

Der Chef des süddeutschen Energiekonzerns EnBW, Hans-Peter Villis, über das drohende Ende des Atomkraftwerks Neckarwestheim I, eine weitreichende Kooperation mit dem italienischen Wettbewerber Eni und den stärkeren Schulterschluss mit dem französischen Großaktionär EdF.

Hans-Peter Villis Quelle: Oliver Rüther für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Villis, der Countdown läuft. In zwei Monaten, so sieht es das Ausstiegsgesetz aus rot-grüner Regierungszeit vor, müssen Sie Neckarwestheim I abschalten. Sehen Sie noch eine Möglichkeit, die Laufzeit zu verlängern, oder kalkulieren Sie mit einer Stilllegung im Frühjahr?

Villis: Die Bundesregierung hat erklärt, dass sie die Laufzeiten für Kernkraftwerke verlängern will. Dies ist energiewirtschaftlich und klimapolitisch wichtig und richtig. Hierfür bedarf es jedoch einer Gesetzesänderung und somit sind wir auf die Bundespolitik angewiesen. Wir selbst führen derzeit mit zahlreichen Politikern Gespräche zu diesem Thema. Darüber hinaus werden wir selbstverständlich alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um einen Stillstand von Neckarwestheim zu verhindern. Aktuell fahren wir den Block mit Minimallast. Dies führt dazu, dass sich die rechnerische Laufzeit von Neckarwestheim 1 mindestens bis in den Herbst hinein verlängert.

Hoffen Sie denn, die Erlaubnis zur Atomstromerzeugung auf Neckarwestheim I übertragen zu dürfen, damit diese Anlage länger läuft? Kann es noch Reststromübertragungen geben, beispielsweise von Stade oder von anderen AKWs?

Rechtlich wäre dies eine Möglichkeit. Ob eine solche Reststrommengenübertragung aber eine realistische Option darstellt, will und kann ich heute nicht abschließend bewerten.

Geht Neckarwestheim I vom Netz, entsteht bei EnBW eine Lücke, ohne dass Ersatz in Sicht ist. Die Abschaltung des Meilers würde Ihren Zwang verschärfen, EnBW als drittgrößten deutschen Stromversorger unabhängig von Kernkraft breiter aufzustellen. Stockt die Strategie?

Die EnBW verkauft tatsächlich mehr Strom, als sie derzeit selbst erzeugen kann. Diese Lücke wollen wir schließen. Und gerade in den letzten Monaten ist uns dies auch sehr erfolgreich gelungen. Unter anderem durch den Erwerb von Kraftwerken und Strombezugsrechten haben wir heute rund 2000 Megawatt installierte Leistung mehr in Deutschland zur Verfügung als noch vor einem Jahr.

Erfolgsaussichten sehen anders aus. Nehmen wir den Steinkohleverstromer Steag. Evonik hat jetzt Vorinformationen über den Verkauf an 50 Investoren verschickt – auch an Sie. Ist Steag für Sie interessant?

Die Steag ist ein großer Stromerzeuger, und wir brauchen noch Erzeugungskapazitäten. Ob Teile der Steag interessant sind, hängt davon ab, welchen unternehmerischen Einfluss ein Erwerb eröffnet. Ein großes Thema wird dabei sein, dass die Essener RWE mit der Steag eng verbunden ist. Die Steag macht größtenteils Lohnverstromung für RWE.

Lohnverstromung? Das hört sich nach Subunternehmen an...

...das würde die Steag nicht gerne hören wollen. Spaß beiseite: Die Steag und die EnBW würden sich sehr gut ergänzen, denn die Steag hat wenige Endkunden, und wir haben nicht genug Erzeugung, und deshalb kaufen wir Strom auch bei der Steag zu. Aber wir haben auch ein anderes Geschäftsmodell. Wir stellen unsere Erzeugung selbst in den Markt. Bei der Steag ist es meines Erachtens so, dass die RWE bestimmt, wie die Kraftwerke eingesetzt werden. Das wäre bei uns undenkbar. Deswegen müssten wir bei Interesse genau die Verträge angucken, die RWE mit der Steag hat.

Würden Sie die Steag als Ganzes erhalten?

Sicher nicht. Die Steag hat Kraftwerke im Ausland, zum Beispiel in Kolumbien und auf den Philippinen, die uns weniger interessieren. Auch bei den elf deutschen Steag-Kraftwerken müssten wir prüfen, welche interessant sind und welche wir auch kartellrechtlich erwerben dürften.

Ist eine Minderheitsbeteiligung denkbar, wie es Evonik offenbar vorschwebt?

Ich bin Unternehmer und werde bei der Steag nicht zum Couponschneider. Ich will energiewirtschaftliche Geschäfte generieren. Bei der Oldenburger EWE haben wir zwar auch nur 26 Prozent der Anteile, aber EWE und EnBW sind strategische Partner und können voneinander profitieren.

Eine andere Baustelle ist noch offen. Die Übernahme des Leipziger Gasversorgers VNG scheint am Widerstand der kommunalen Eigner zu scheitern.

Zum Vergleich: Es hat mehrere Jahre gedauert, bis es zur Partnerschaft zwischen der Ruhrgas und E.On kam. So lange wollen wir nicht warten. Seit wir die Option auf den Kauf der von EWE gehaltenen VNG-Aktien in Höhe von 47,9 Prozent haben, sind erst einige wenige Monate vergangen. Das ist keine Zeit, und wir haben auch keinen Zeitdruck. Wir können und wir werden in aller Ruhe prüfen und ausloten, welche Chancen sich aus dieser Option ergeben können. Uns geht es um den Ausbau unseres Gasgeschäfts, am liebsten mit der VNG beziehungsweise deren Gesellschaftern.

Hans-Peter Villis Quelle: Oliver Rüther für WirtschaftsWoche

Aber diese Optionen können Sie nicht realisieren, weil Sie im juristischen Gestrüpp hängen geblieben sind.

Nicht wir, sondern die EWE befindet sich derzeit in einem Schiedsgerichtsverfahren, da die Einhaltung eines Konsortialvertrags mit elf ostdeutschen Kommunen juristisch strittig ist. Das alles scheint juristisch höchst kompliziert. Bezogen auf die EnBW, kann ich nur sagen, dass wir durchaus von der VNG und ihren kommunalen Aktionären auch Signale empfangen, dass sie mit uns zusammenarbeiten wollen. Eine Mehrheit wollen sie nicht akzeptieren.

Weshalb kämpfen Sie um die VNG?

Kampf ist übertrieben. Wir verfolgen eine Option, um in den Besitz von langfristigen Gaslieferverträgen zu kommen. Daran ist die EnBW interessiert. Die VNG ist nach Ruhrgas und Wintershall der drittgrößte Gashändler in Deutschland. Aber auch die Gasspeicher sind für ein langfristiges Gasgeschäft interessant, ebenso die Pipelines. Auch die Gas-Explorationsfelder der VNG bringen zusätzliche strategische Perspektiven. Als EnBW müssen wir langfristig unsere Wertschöpfungskette im Gasbereich ausbauen, Richtung Gasquelle. Und da ist die VNG eine gute Gelegenheit, in Deutschland das Geschäft auf eine breitere Basis zu stellen. Kartellrechtlich können wir das. Wieso sollten wir dies dann nicht probieren?

Gute Frage. Was ist, wenn Sie scheitern?

Dann werde ich selber etwas im Gasgeschäft aufbauen – mit oder ohne VNG. Wir sind ja nicht unerfahren im Gasgeschäft. Wir haben eigene Gasgesellschaften und bauen mit unserem Partner EdF Gasspeicher. Auch die italienische Eni ist einer unserer Partner.

Was haben Sie mit der Eni vor?

Eni ist ja schon unser Partner bei der Gasversorgung in Süddeutschland. Wieso sollten wir diese Partnerschaft nicht weiter ausbauen. Wir könnten beispielsweise auch langfristige Gaslieferverträge mit den Italienern abschließen – als Alternative oder, falls es doch noch klappen sollte, als Ergänzung zur VNG.

Und wo holt die Eni das Erdgas her?

Die Eni hat Gasquellen unter anderem in Südeuropa und in Nordafrika.

Hans-Peter Villis Quelle: Oliver Rüther für WirtschaftsWoche

Gas aus dem politisch höchst unsicheren Nordafrika?

Warum denn nicht. Wir müssen langfristig und auch mutig vorausdenken. Und die Politik weist ja zu Recht immer wieder darauf hin, dass eine breite Streuung der Gasbezüge Lieferrisiken minimiert.

Wie soll das Gas zu uns kommen?

Der Transport wäre technisch kein Problem und könnte mit Schiffen erfolgen, wenn wir das Gas verflüssigen, oder über Leitungen. Die Pipelines müssten jedoch noch geplant werden. Wenn wir eine engere Kooperation zwischen Eni und EnBW durchdenken, fallen mir viele Möglichkeiten ein. Ich selbst bin für eine weitere Zusammenarbeit offen. Aber auch mit unserem Großaktionär, der französischen EdF werden wir weit enger operativ kooperieren als bisher. Die EdF ist bei der EnBW nicht nur auf die Rolle als Aktionär beschränkt, die EdF ist unser strategischer Partner, und da ergeben sich viele Möglichkeiten.

Was heißt das konkret?

Wir tauschen kerntechnisches Know-how und Erfahrungen aus. So stellen wir den technischen Betriebsleiter beim Bau des neuen Kernreaktors im französischen Flamanville. Dies freut uns und zeigt, dass unsere französischen Partner auch unsere Expertise schätzen. Die Kernenergie mag in Deutschland zwar politisch stark umstritten sein, aber unsere Reaktoren gelten unverändert als die weltweit mit am sichersten, und sie weisen eine hohe Verfügbarkeit auf. Dies hat auch mit Sicherheitskultur, der Technik und Wartung zu tun. Und sollten wir eines Tages ähnlich wie unsere deutschen Wettbewerber E.On und RWE auch im Ausland Kernkraftwerke bauen wollen, dann wäre die EdF für mich der natürliche Partner.

Wo will die EnBW Atomkraftwerke bauen?

Für mich käme in einem solchen Fall nur das benachbarte europäische Ausland infrage. Den Strom könnten wir dann versuchen über die Grenze nach Deutschland zu leiten

Bis wann könnten Sie sich das vorstellen?

Ich denke strategisch und in diesem Fall – wenn überhaupt – dann nicht unter 10 oder 15 Jahren.

Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%