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"Hindenburg"-Produzent Nico Hofmann "Es gibt eine eigene RTL-Dramaturgie"

Der millionenteure Katastrophenfilm "Hindenburg" soll zu einem Fernsehereignis werden. Der TV-Produzent Nico Hofmann erklärt, wie sich Produktionen für RTL von ARD-Filmen unterscheiden und wie er die Zukunft des Fernsehens sieht.

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Hofmann Quelle: Laif/Marcus Hoehn

WirtschaftsWoche: Herr Hofmann, kommende Woche zeigt RTL als einen seiner Programm-Höhepunkte Ihren Film-Zweiteiler "Hindenburg" über die Katastrophenfahrt des deutschen Luftschiffes 1937. Ist das Thema nicht eine olle Kamelle?

Hofmann: "King Kong" ist auch einige Male verfilmt worden und fasziniert Kinogänger bis heute. Der Brand der "Hindenburg" ist wieder etwas ganz anderes, dieses Drama ist für das Fernsehen noch nie in diesem Maßstab inszeniert worden. "Hindenburg" ist mit Kosten von über zehn Millionen Euro die teuerste TV-Produktion, die Teamworx bislang gestemmt hat. Wir haben zusammen mit RTL alles dafür getan, dass der Film ein Erfolg wird – das fängt schon beim Sendetermin an.

Wie das?

Der Februar ist ideal für unseren Film. Das Wetter ist garantiert schlecht, und der Fernsehkonsum liegt bis zu 50 Prozent über dem im Sommer. Ich liebe die Monate Februar und März – wir haben alle großen Quotenerfolge wie "Dresden" oder "Die Flucht" in dieser Zeit platziert. Außerdem ist "Hindenburg" ganz klar für den deutschen Markt konzeptioniert und sehr stark auf RTL zugeschnitten.

Woran merkt der Zuschauer das?

Es gibt eine eigene RTL-Dramaturgie – der Film hält den Zuschauer in einer Art Dauererregung, indem wir emotionale Kurven sehr präzise über zweimal 90 Minuten verteilt haben. Hätten wir den Film für das öffentlich-rechtliche Fernsehen gemacht, sähe er ganz anders aus – der ARD-Zuschauer ist im Schnitt älter und schaut langsamer. Neben der RTL-Version gibt es von "Hindenburg" eine englischsprachige Fassung, die ganz klar auf den Weltmarkt zielt.

Rechnet sich "Hindenburg" nur, weil Sie die Rechte auch ins Ausland verkaufen?

Nein, wir machen die Basisfinanzierung bei allen Projekten immer in Deutschland, der Film muss sich nach der ersten Ausstrahlung schon hier für uns rechnen. Den größten Beitrag hat RTL mit über fünf Millionen Euro geleistet. Aus dem Weltvertrieb rechnen wir mit mehr als zwei Millionen Euro. Daneben steckt mit über zwei Millionen Euro auch Geld aus der Filmförderung in dem Projekt.

Steuergelder für einen Film über ein verbranntes Luftschiff, muss das sein?

Wir geben im Zuge einer Produktion bis zum Dreifachen der Fördersumme wieder aus und zahlen die Beträge auch wieder zurück – Förderung ist in unserem Fall keine Einbahnstraße. Darauf können sich unsere Partner verlassen, wir haben uns in den vergangenen zehn Jahren zum europäischen Marktführer für diese Art von Event-Fernsehen entwickelt. Wir haben jedes Jahr zwei bis drei große Produktionen auf die Beine gestellt – nehmen Sie "Dresden", "Der Tunnel" oder den RTL-Erfolg "Der Vulkan". Diese Filme verkaufen wir im Schnitt in 70 bis 100 Länder. Das ist ein sehr lukratives Geschäft.

Ein Geschäft, so scheint es, das immer höhere Summen verlangt?

Im Genre der Event-Movies müssen Sie mittlerweile in der Fernsehproduktion auf ein Niveau kommen wie Kinoproduktionen in den USA. "Hindenburg" ist bei den Spezialeffekten absolut auf Hollywood-Niveau. Was heutzutage verlangt wird, kann man bei Roland Emmerich im Kino sehen…

...der deutsche Hollywood-Regisseur, der es bei Straßenfegern wie "Independence Day" gern mal richtig krachen lässt.

Emmerich war so begeistert von den Lavaströmen und herumfliegenden Steinbrocken in "Vulkan", dass er die gleiche Special-Effects-Firma auch für seinen Film "2012" eingespannt hat.

Lohnt sich die Produktion fürs TV überhaupt – warum machen Sie aus "Hindenburg" nicht gleich einen Kinofilm?

Das liegt schlicht daran, woher das Geld kommt – in diesem Fall von RTL. Wir sind eine Manufaktur, wer uns beauftragt, bekommt genau den Film, den er für sein Programm und seine Zuschauer passgenau einsetzen kann.

Bertelsmann

Mit welcher Zuschauerzahl rechnen Sie für "Hindenburg"?

Meine Quotenerwartung ist definitiv hoch. Damit RTL-Chefin Anke Schäferkordt und unser Produzent Sascha Schwingel, der für die "Hindenburg" verantwortlich zeichnet, glücklich sind, muss der Film deutlich über 25 Prozent Marktanteil landen.

Und wenn das nicht klappt?

Dann wird RTL seine Gesamtstrategie im Bereich Event-Fernsehen sicher nachdrücklich ändern. "Hindenburg" ist für RTL, für uns und für die ganze Branche ein Leuchtturmprojekt. Wenn "Hindenburg" nicht fliegt, wüsste ich ehrlich gesagt nicht, mit welchem Stoff wir bei RTL Erfolg haben sollten.

Die Zahl der fürs Fernsehen produzierten Filme in Deutschland ist stark gesunken. Setzt sich der Negativtrend fort?

Die Nachfrage nach Filmen und Serien hat in der Tat nachgelassen. Im Jahr 2000 haben vor allem RTL und Sat.1 noch sehr viele Movies produzieren lassen. Die Zeiten sind vorbei. Statt TV-Filme laufen dort nun vor allem Shows und Reality-Formate wie "Dschungelcamp" oder "Restauranttester". Aber auf den noch vorhandenen Programmplätzen schlagen sich Fernsehspiele sehr gut; gleichzeitig erleben wir gerade ein Comeback der deutschen Serie wie die Anwaltsreihe "Danni Lowinski". RTL und Sat.1 haben je drei bis vier neue Reihen beauftragt, das ist für die Produktionsbranche von erheblicher Wichtigkeit.

Allerdings profitieren offenbar nur wenige Produzenten davon, die Konsolidierung der Branche ist doch im vollen Gange?

Und sie wird sich weiter fortsetzen, weil der Anteil von Fernsehspielen und Serien nicht mehr steigen wird. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich das in den kommenden Jahren ändert.

Teamworx dagegen macht einen Jahresumsatz von etwa 70 Millionen Euro und wächst seit der Gründung 2001?

Zu Umsatzzahlen möchte ich mich grundsätzlich nicht äußern, aber gehen Sie davon aus, dass wir uns tatsächlich abkoppeln konnten von der allgemeinen Entwicklung. Wir wachsen seit Jahren und haben 2010 30 Projekte realisiert – darunter auch zwei bis drei große Einzelstücke wie die "Hindenburg".

Was macht Teamworx anders?

Wir rühren kein Projekt an, bei dem wir nicht in die Gewinnzone kommen. Deshalb sind wir auch eine der wenigen Firmen, die im Bereich der Großprojekte nicht defizitär arbeitet – viele andere drehen Event-Filme aus Renomeegründen und zahlen drauf. Das ist mit uns nicht zu machen: "Wir wollen etwas wie die ,Hindenburg‘, aber 30 Prozent billiger, als Sie vorschlagen" – solche Senderwünsche sind schlicht nicht realisierbar.

Warum nicht?

Wenn man eine bestimmte Produktqualität haben möchte, kostet das Geld – man kann nicht „Stalingrad“ bestellen und dann die Panzer nicht bezahlen. Allerdings gibt es in jeder Produktion bei den Kosten einen Spielraum von 20 bis 30 Prozent. Wir haben etwa das Budget des für das ZDF geplanten Dreiteilers "Unsere Mütter, unsere Väter" von 20 auf knapp 12,7 Millionen Euro gekürzt. Das erforderte aber klare Veränderungen im Drehbuch – in Absprache mit dem ZDF. Ich muss als Produzent hinter dem fertigen Film stehen können, denn im Alltagsgeschäft leben wir von unseren bisherigen Erfolgen.

Teamworx ist mit allen großen deutschen TV-Sendern im Geschäft – nur nicht mit dem Bezahlsender Sky. Warum nicht?

Wir wollen mit Sky ins Gespräch kommen. Ich bin ganz sicher, dass Bezahlfernsehen in Deutschland nur wirklich funktioniert, wenn Sky anfängt, eigenständiges Programm zu produzieren. Schauen Sie sich den Erfolg des Abosenders HBO mit Serien wie "Sex and the City" in den USA an. Zuschauerbindung erzielen sie nicht nur durch Hollywood-Ware, die früher oder später im Free-TV läuft. Deshalb wird niemand Sky-Abonnent. Aber in dem Moment, wo Sky drei-, viermal im Jahr ein Event wie "Hindenburg" ins Programm holt, sieht das sicher anders aus. Um sich wirklich abzuheben, braucht Sky ein starkes Eigenprogramm.

Sprechen Sie mit dem deutschen Sky-Chef Brian Sullivan?

UFA-Chef Wolf Bauer führt den Dialog; auch der Erfolg eines Films wie "Laconia", unserer ersten 13 Millionen Euro teuren Koproduktion mit einem englischen Partner, die Anfang Januar mit hervorragenden Quoten auf BBC2 lief und die die ARD im vierten Quartal zeigt, hilft mir womöglich an dieser Front.

Die Nutzung des Internets steigt weltweit weiter – laufen dem Fernsehen auf Sicht nicht die jungen Zuschauer davon und Ihnen die traditionellen Auftraggeber?

Wenn ich merken würde, dass die Zuschauer wirklich immer mehr reine Web-Inhalte konsumieren wollten, würden wir darauf reagieren. Aber das ist nicht der Fall. Bei aller Euphorie über Internet-Medien ist das traditionelle -Fernsehen für die meisten Menschen noch immer das Unterhaltungsmedium Nummer eins. Die Fernsehnutzung steigt weiter, jeder Deutsche schaut täglich im Schnitt mehr als drei Stunden Fernsehen, Tendenz steigend.

Aber die Zuschauer laden sich auch immer öfter Inhalte aus dem Netz herunter.

Stimmt, aber dabei handelt es sich vor allem um Programme aus den Mediatheken der Sender, und das sind alles hochkarätige Inhalte, die zuvor von RTL, Sat.1 oder dem ZDF bezahlt worden sind. Originäres Internet-Fernsehen im klassischen Sinn findet dagegen nicht statt. Ohne die TV-Sender könnten Sie das Thema komplett vergessen.

Und wenn jetzt ein finanzstarker Player wie die Deutsche Telekom von Ihnen ein Projekt wie "Hindenburg" will?

Das würde sich auch die Telekom nur leisten, wenn sie im Rahmen eines Verbundsystems etwa mit einem Pay-TV-Sender Erlöse generiert, um die Produktionskosten zu refinanzieren. Das könnte durchaus Zukunftsmusik sein.

Erwarten Sie ein engeres Zusammenwachsen von Internet und TV?

Höchstens in der Distribution der Inhalte. Es ist psychologisch ein gravierender Unterschied, ob jemand das Internet, den Computer und das Mobiltelefon benutzt oder fernsieht. Die Zeit des Fernseherlebnisses als "Lagerfeuer" der Nation ist längst nicht vorbei. Das Bedürfnis nach Erlebnissen und Geschichten, die Gemeinsamkeit stiften, nimmt im familiären Umfeld eher wieder zu.

Das müssen Sie ja auch sagen – es geht um Ihr Geschäftsmodell...

Nein, es geht mir um Inhalte, um die Nachhaltigkeit von Programmen, wir sind Erfinder von Programmen. Und ich sehe noch nicht, dass wir uns mit diesem Know-how des epischen Erzählens im Netz wiederfinden. Ich habe kein Interesse daran, YouTube-Beiträge von zweieinhalb Minuten Länge zu machen. Das sind bestenfalls Häppchen, visuelle Brausebonbons, die schmecken einmal kurz süß und sind dann schnell weg. Das Web muss seine eigenen fiktionalen Programmformen entwickeln; wenn wir hier neue Wege finden, sind wir als Fiction-Produzenten an vorderster Front gefragt.

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