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Höhere Mehrwertsteuer Chancen für Aldi & Co. in Großbritannien

Die Erhöhung der Mehrwertsteuer wird das krisengeschüttelte Konsumklima in England zusätzlich belasten, sagen die Experten der Managementberatung Sempora. Jetzt könnten sich für die deutschen Billigheimer auf der britischen Insel neue Wachstumschancen bieten.

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Eine Frau trägt in Köln Quelle: dpa/dpaweb

Einkaufen bei Tesco, Harrods oder Marks & Spencer wird wieder teurer. Jeder zweite Einzelhändler plane, die Mehrwertsteuererhöhung vollständig an die Endverbraucher weiterzugeben.

Nur knapp dreißig Prozent der Händler wolle das Preisniveau auf dem jetzigen Preisniveau halten. Sie rechnen dadurch mit Wettbewerbsvorteilen. Dies geht aus einer Befragung von über 100 Entscheidern aus Industrie und Handel im November und Dezember hervor, die von der Unternehmensberatung Sempora in Bad Homburg durchgeführt wurde.

Um den Konsum anzukurbeln und die schwächelnde Wirtschaft zu stärken, hatte die britische Regierung entschieden die Mehrwertsteuer in 2009 von 17,5 Prozent auf 15 Prozent zu reduzieren. Seit Jahresbeginn 2010 ist die Mehrwertsteuer wieder auf dem ursprünglichen Satz von 17,5 Prozent.

Margen unter Druck

Handelsunternehmen, die der Studie zufolge angegeben haben, ihre Preise auf dem aktuellen Niveau halten zu wollen, müssen dies jedoch finanzieren.

Erfahrungsgemäß ist davon auszugehen, dass Tesco & Co. dies nicht aus der eigenen Tasche tun, sondern die Hersteller zu Kasse bitten. Diese Thematik werden die Beziehungen zwischen Handel und Industrie belasten, und die Margen der Hersteller unter Druck setzen, schreiben die Experten von Sempora.

Vorausschauend haben die Konsumenten schon viele Käufe, insbesondere bei hochpreisigen Artikeln, noch im vergangenen Jahr vorgezogen. Zusätzlich wollen über 50 Prozent der Konsumenten, wie eine parallele Befragung von Endverbrauchern ergab, in 2010 ihre Ausgaben reduzieren. Eine Konsumflaute in den ersten Monaten des Jahres sei damit auf der Insel programmiert, so die Sempora-Experten.

Vorteil für Aldi

Desweiteren planen  54 Prozent der Konsumenten in 2010 genauer auf die Preise zu schauen und Discountmarken bzw. Handelsmarken zu verwenden.

„So werden die englischen Verbraucher in Richtung Discount getrieben – dieses Verhalten ist bisher in der britischen Bevölkerung weniger stark hinterlegt als in Deutschland,“ sagt Francis Prosser Managing Partner von Sempora Consulting  In London.

Dies könnte ein Vorteil für Aldi Süd sein, die derzeit knapp 500 Filialen in Großbritannien und Irland betreiben und auf einen Marktanteil von drei Prozent kommen.

Aldi hatte zu Beginn der Wirtschaftskrise gemeinsam mit anderen Billigmärkten wie Lidl deutlich zugelegt. "Die Leute dachten früher, dass Discounter Billigkram ist, aber in Deutschland gehen dort die schlauen Leute einkaufen. Im Großbritannien fängt das jetzt auch an", sagte Tony Baines, Einkaufs-Chef bei Aldi in Großbritannien, der britschen Zeitung "The Times" im Herbst 2008.

Das Wachstum, angefacht von preisbewussten Kunden, wurde jedoch abrupt gestoppt, als einheimische Einzelhändler wie Tesco den Markt mit eigenen Billigmarken besetzten.

Jetzt könnten sich für die deutschen Billigheimer neue Wachstumschancen bieten.

Mehrwertsteuererhöhung in UK

Eine Frau trägt in Köln Quelle: dpa/dpaweb

52 Prozent der befragten Entscheider aus Handel und Industrie gehen davon aus, dass die Mehrwertsteuererhöhung einen deutlich negativen Einfluss auf die  Umsätze im ersten Quartal haben wird. Insgesamt erwarten 45 Prozent der Unternehmen niedrigere Umsätze als  in 2010  – 65 Prozent erwarten einen niedrigeren Gewinn. Das Management ist nur in Teilen auf die Herausforderungen vorbereitet. Nur 50 Prozent  haben sich bisher intensiv mit dem Thema beschäftigt und fast Dreiviertel der Unternehmen wissen nicht wie der Wettbewerb reagieren wird. Auf Handelsseite planen 30 Prozent planen der Befragten die Preise deutlich stärker anzuheben als die 2,5 Prozentpunkte Mehrwertsteuererhöhung. Die Erwartung des Handels ist auch, dass die Industrie die eventuellen Margenbelastungen finanziert. Die Industrie hingegen möchte dem Handel keine Zugeständnisse machen. 36 Prozent der Händler wollen die Auslistung von Produkten in Betracht ziehen, die sich weigern bessere Konditionen zu gewähren. Dem gegenüber sehen 88 Prozent der Hersteller jedoch keinen Raum für Preisnachlässe. Eine Belastung der Beziehung zwischen Handel und Industrie ist somit programmiert.

Gewinner und Verlierer

Ein Drittel der Industrieunternehmen erwägen sogar die Preise deutlich stärker als den Mehrwertsteuereffekt zu erhöhen – auch wenn dies vielleicht den Absatz reduziert. Handel und Industrie sind gezwungen ihre Preisstrategien neu auszurichten. Preisschwellen müssen analysiert werden und manche Hersteller denken über neue Packungsgrößen nach, um das Preisbild im Markt halten zu können. Eines ist jedoch sicher – die Mehrwertsteuererhöhung wird den Konsum bremsen und allen Marktteilnehmern schaden. „Unternehmen müssen sich preisstrategisch auf diese Herausforderungen ausrichten. Die Erfahrung zeigt, dass die wenigsten dies rechtzeitig tun. Auch in Deutschland müssen wir davon ausgehen, dass eine weitere Mehrwertsteuererhöhung – besonders in Bereichen mit ermäßigten Mehrwertsteuersätzen - auf uns zukommt. Die Hersteller und Händler die gut vorbereitet sind, werden zu den Gewinnern gehören“, folgert Thomas Golly, Managing Partner von Sempora Consulting.

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