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Hypo Real Estate Wieandts Rücktritt und die Folgen

Der Rücktritt Axel Wieandts, Chef der beinahe Pleite gegangenen Hypo Real Estate, sorgte für einen Paukenschlag, der noch vielen schaden wird, meint WirtschaftsWoche-Reporterin Anke Henrich.

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In der Pressekonferenz heute morgen bemühte sich Bernd Thiemann, Aufsichtsratschef der Bank, um Haltung  – ohne mit seiner Meinung hinterm Berg zu halten. Mit "Des Menschen Wille ist sein Himmelreich" kommentierte er Wieandts Abgang und fügte hinzu: "Wir sind überzeugt, keiner ist unersetzbar". Wieandt habe "den Aufsichtsrat gebeten, seinen Rücktritt anbieten zu dürfen", er sei nicht umzustimmen gewesen und der Aufsichtsrat sei betrübt, aber einstimmig seiner Bitte gefolgt.

Wieandt, aus alter Bankiers-Familie stammend und öffentlich die Zurückhaltung in Person, wechselte vor anderthalb Jahren von der Deutschen Bank zur HRE. Einerseits ein undankbarer Job: Die Hypothekenbank war mit mehr als 100 Milliarden Euro Steuergeld vor der Pleite gerettet worden und ist seit Herbst 2009 in Staatsbesitz. Absehbar war vom ersten Tag, dass der staatliche Bankenrettungsfonds Soffin die Alt-Aktionäre rausdrängen und selbst das Kommando als Alleinaktionär und Hüter der Steuer-Milliarden führen würde.

Statt Ruhm unrühmlicher Rücktritt

Kein Traumjob also, zumal die Chef-Gehälter im Haus wie bei allen staatlich geretteten Banken auf 500.000 Euro pro Nase pro Jahr gedeckelt wurden – siehe auch Commerzbank und WestLB. Andererseits: Wer das Debakel der HRE als Chef zu einem guten Ende führt, dem ist der Aufstieg in die Hall of Fame der deutschen Bankiers sicher. Und deshalb dürfte Wieandt den Job auch angenommen haben.

Jetzt wegen unüberbrückbarer Differenzen mit dem Soffin über die Steuerung der Bank und die Gehälter der Leitenden den Aufrechten zu geben, ist schwer verständlich.

Thiemann zeichnete heute die Gemengelage nach, zumindest das, was die Öffentlichkeit darüber wissen soll: Ohne kraftvolles Einschreiten gäbe es die HRE nicht mehr, der Soffin müsse deshalb darüber wachen, wie der Bankvorstand das Geldinstitut in Staatsbesitz steuert, damit die mehr als 100 Milliarden Euro-Anlage irgendwann in diesem Leben zurückgezahlt werden kann. Deshalb, so Thiemann, müssten in der Bank andere Abstimmungswege eingehalten werden, als in der privaten Wirtschaft. Die reine Bankbetriebswirtschaftslehre sei dort nun Mal nicht anwendbar – auch wenn über die Neuaufstellung des Immobilienfinanzierers Einigkeit herrsche.

Hoher Einsatz entwertet

Dem gegenüber habe "ein vorwärtsstürmender Vorstand" gestanden, der die Probleme der HRE nicht zu verantworten habe, aber ein solides Sanierungskonzept entworfen und begonnen habe, es erfolgreich umzusetzen. Dementsprechend müsse es auch möglich sein, Leistungsträger mit Hilfe von Boni oder Zuschlägen für ihre anspruchsvolle Arbeit so bezahlen zu dürfen, dass sie nicht zu Konkurrenz wechseln. Darüber sei man auch weiterhin mit dem Soffin im Gespräch.

Und jetzt? Wieandt hat die schwierige Lage der Bank noch verschlechtert und damit seinen eigenen, hohen Einsatz entwertet: Einen dauerhaften Nachfolger oder eine Nachfolgerin dürfte für das Haus nach dieser Art Abgang noch schwerer zu finden sein. Jeder wird sich fragen, was Wieandt so sauer aufgestoßen ist, dass er sich nicht an die Konvention gehalten hat: Aufsichtsrat informieren, Nachfolger finden und anschließend eine gemeinsame Erklärung von Aufsichtsrat und Vorstand veröffentlichen, man habe sich einvernehmlich auf eine frühzeitige Auflösung des Vertrags geeinigt.

Wieandt hat sich mit seiner stillosen Aktion in einer diskreten Branche auch selbst keinen Gefallen getan. Immerhin: Die Deutsche Bank, sein letzter und vielleicht auch nächster Arbeitgeber, dürfte das vermutlich nicht stören. Laut HRE hat er nicht angekündigt, wohin er wechseln möchte.

Der Soffin steht als bürokratischer, ahnungsloser Einmischer da – der er womöglich in Teilen ist. Aber er vertritt die Interessen der Steuerzahler, mithin könnte einiges gerechtfertigt sein, was Wieandt an dem verlängerten Arm der parlamentarischen Kontrolle gestört hat.

Auch die Skepsis der EU-Kommission in Brüssel, ob das Sanierungskonzept der HRE überhaupt tragfähig ist, dürfte dank Wieandt sicher nicht geringer geworden sein.

Bleibt noch das Raffke-Bild, das Wieandt hinterlässt – 500.000 Euro Jahresgehalt für ihn und laut Aufsichtsratchef Thiemann auch für seine Kollegen aus der zweiten Reihe reichen ohne zusätzliche "variable Gehaltsbestandteile" nicht aus, um Banker zur Arbeit zu motivieren? Dann sollte er das dem überweisenden Steuerzahler Mal im Detail erörtern, statt auf das Totschlagargument "Die anderen zahlen aber mehr" zu verweisen. 25 Millionen Euro hat die Bank als Verhandlungsmasse mit dem Soffin dafür ohnehin eingeplant.

Gewinne frühestens 2012

Dann und wenn man noch dazu weiß, dass der Soffin Herr im Haus ist, darf man den Job bei der HRE nicht annehmen.

Bleibe noch das Thema Abfindung für Wieandts Dienstvertrag: Aufsichtsratschef Thieme wollte der Bilanzpressekonferenz dazu ausdrücklich nichts Konkretes sagen, doch die Gespräche zu einer "Ausscheidungsvereinbarung" von Restgehalt bis Ruhegeld liefen. Wieandt hatte einen Fünfjahresvertrag.

Wieandts Erfolg: Unter dem Strich häufte die HRE bis zum Jahresende 2009 ein Minus von rund 2,2 Milliarden Euro an. Und freut sich, dass es nicht die erwarteten 2,6 Milliarden Euro sind. Im Vorjahr waren es noch 5,4 Milliarden Euro. Mit Gewinnen rechnet der Konzern frühestens im Jahr 2012. Im vergangenen Jahr drückte vor allem die weitere Vorsorge für den möglichen Ausfall von Krediten auf das Ergebnis. Seine Interims-Nachfolgerin Manuela Better, bislang im Vorstand zuständig für das Risikomanagement, erwartet weitere Verluste vor allem wegen der Einrichtung einer Abwicklungsanstalt (Bad Bank), in die problematische Kredite bis zu 210 Milliarden Euro ausgelagert werden sollen. Eine Verlängerung der staatlichen Hilfen sei notwendig.

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