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Industrie Völkerwanderung à la Siemens

Siemens soll wieder einmal umgebaut werden. Der Industriegigant will Megastädte bauen - und initiiert dabei eine Zersiedelung des eigenen Mitarbeiterstamms.

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Der Unruhestifter Betriebsrat Quelle: Frank Leonhardt dpa/lby

Nach dem Umbau ist vor dem Umbau. Das war bei Siemens in der vergangenen Dekade praktisch Dauerzustand, ob unter Heinrich v. Pierer und Klaus Kleinfeld oder dem amtierenden Vorstandschef Peter Löscher. Der gebürtige Österreicher hat das Tempo gegenüber seinen Vorgängern allerdings noch einmal beschleunigt: Zum Start des neuen Geschäftsjahres am 1. Oktober hat der 54-Jährige dem Münchner Elektro- und Industrieganten eine komplett neue Konzernstruktur verordnet – wieder mal.

Neben den drei Sektoren Industrie, Energie und Gesundheit soll ein vierter Geschäftsbereich namens Infrastruktur und Städte entstehen. Darin sollen Teile des Industrie- und des Energieportfolios gebündelt werden, um besser vom weltweiten Trend zur Bildung riesiger Städte zu profitieren.

Arbeitnehmervertreter machen Druck

Allein bei den Beschäftigten kommen die Pläne weniger gut an – sie fürchten einen Abbau von Arbeitsplätzen. "Unser Ziel lautet daher, einen Stellenabbau beim Übergang in die neue Unternehmensstruktur zu vermeiden", verspricht Peter Kropp, Sprecher des Siemens-Gesamtbetriebsrats in München. "Wir nehmen den Vorstand beim Wort, dass es sich um eine Wachstumsstrategie handelt." Mit insgesamt drei Betriebsvereinbarungen wollen die Arbeitnehmervertreter Druck machen. Jeder Mitarbeiter, so die Forderung, soll seinen Arbeitsplatz behalten, muss allerdings gegebenenfalls in eine andere Division oder einen anderen Geschäftssektor wechseln.

Kleine Völkerwanderung

Tatsächlich gleicht der anstehende Umbau in der betrieblichen Praxis einer Mischung aus Völkerwanderung und Zersiedlung: Rund 81 000 Mitarbeiter ziehen aus den Sektoren Industrie und Energie in die neue Infrastruktur-Sparte. Die drei betroffenen Divisionen Gebäudetechnik, Mobilität und Energieverteilung erzielen rund 16,4 Milliarden Euro Umsatz – gut ein Fünftel des Siemens-Gesamtumsatzes von rund 76 Milliarden Euro. Die zuvor in den Bereichen Mobilität und Energieverteilung gebündelten Geschäfte werden aufgespalten und auf neue Einheiten verteilt.

Aus drei mach vier

Dabei drohen Reibungsverluste im täglichen Geschäft. Beispiel: Die Aufteilung des Bereichs Mobilität in zwei eigenständige Divisionen – die Herstellung von Straßenbahnen und Schnellzügen einerseits, auf der anderen Seite die Verkehrslogistik inklusive der Systeme für die Bahnautomatisierung. "Ein Mobility-Kunde wie etwa ein Stadtbahnbetreiber muss künftig von verschiedenen Divisionen betreut werden – das dürfte zusätzlichen Abstimmungsaufwand erzeugen", fürchtet ein Arbeitnehmervertreter aus dem Siemens-Aufsichtsrat, der ungenannt bleiben will.

Nicht viel besser sieht es mit der Division Energieverteilung aus, die aus dem Energiegeschäft herausgelöst wird. Das schafft Probleme etwa bei Schaltanlagen, die Produkte aus der Energieverteilung (Sektor Infrastruktur) wie auch der Energieübertragung (Sektor Energie) benötigen.

Löscher hat den Umbauplan Ende März angekündigt und Mitarbeiter wie Investoren überrascht. Noch im November 2010 hatte er die Umbauphase nach seinem Amtsantritt Mitte 2007 für beendet erklärt: "Siemens ist wieder ein normales Unternehmen."

Analysten begrüßen das neuerliche Revirement: "Siemens hat früher als andere den Megatrend Städte erkannt. Hier die Angebotspalette zu bündeln ist positiv", sagt Thomas Wybierek von der Nord/LB. Die wachsende Abhängigkeit von der öffentlichen Hand durch den Aufbau einer eigenen Sektion Infrastruktur ficht Löscher und seinen neuen Spartenchef Roland Busch nicht an. "Städte investieren auch in Zeiten knapper Kassen."

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