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15 Jahre Mannesmann-Übernahme Wie der „Haifisch“ das „Hirn“ besiegte

Für 180 Milliarden Euro hat Vodafone im Jahr 2000 Mannesmann geschluckt. Die bis heute teuerste Übernahme riss ein wesentliches Stück aus der Deutschland AG. Zeitzeugen über einen Deal, der Deutschland durchschüttelte.

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Am 4. Februar 2000 stimmte der Mannesmann-Aufsichtsrat der Übernahme durch Vodafone zu. 15 Jahre später ist vom Traditionskonzern kaum etwas übrig. Quelle: ap

Düsseldorf Als das personifizierte Böse kann Chris Gent schlecht den Haupteingang nehmen. Das würde zu viel Aufsehen erregen. Und die Öffentlichkeit soll nichts von der heiklen Mission des Briten mitbekommen. Also wählt der Vodafone-Chef den heimlichen Weg über die Tiefgarage, um im November 1999 die Düsseldorfer Staatskanzlei zu betreten. Wenige Tage zuvor hatte es Gent gewagt, ein Übernahmeangebot für die Industrieikone Mannesmann abzugeben - ein Affront. Der geballte Zorn der Öffentlichkeit richtet sich gegen ihn. Und Gent weiß: Gegen den Protest der Politik ist der Deal kaum zu stemmen.

Im 11. Stock des gerade errichteten gläsernen Stadttors trifft der Vodafone-Chef deshalb auf Wolfgang Clement, den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen. „Ich war sehr aufgewühlt und stand voll hinter Mannesmann“, erinnert sich Clement an den hochkarätigen Besuch. Zur Überraschung des SPD-Politikers ist der Mann, den die Bild-Zeitung abschätzig „Haifisch“ nennt, aber keineswegs auf Klassenkampf gepolt. Im Gegenteil: Gent versichert, es werde keinen Wegfall von Arbeitsplätzen in der Region geben. Clement ist beruhigt. Auch weil er davon ausgeht, dass Mannesmann – 23 Milliarden Euro Umsatz, 130.000 Mitarbeiter weltweit und im Dax börsennotiert – in der Übernahmeschlacht die Oberhand behalten wird. Ein Irrglaube.

Keine drei Monate später, am 4. Februar 2000, stimmt der Aufsichtsrat von Mannesmann der Übernahme durch Vodafone zu. Das was niemand für möglich gehalten hatte, wird plötzlich Realität. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland kauft ein Investor gegen den Willen der Führungsgremien ein deutsches Unternehmen. Mit einem Volumen von 180 Milliarden Euro ist es bis heute weltweit der größte Deal überhaupt.

Außergewöhnlich an dem Untergang der Marke Mannesmann ist aber nicht nur die Rekordsumme des Deals, sondern auch, dass dem Konzernkonglomerat mit so klingenden Namen wie Röhrenwerke, der Waffenschmiede Krauss-Maffei oder den Luxusuhren-Herstellern Jaeger-LeCoultre sowie Lange&Söhne, schlussendlich der eigene Erfolg zum Verhängnis wird.

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    1890 von den beiden Brüdern Max und Reinhard Mannesmann gegründet, entwickelt sich das Unternehmen bald zu einem der größten Industriekonzerne Deutschlands. Quelle des Erfolgs: Nahtlose Stahlrohre, die besonders hohem Druck standhalten können. Anfang des 20. Jahrhunderts revolutioniert Mannesmann damit den Bau von Öl- und Gaspipelines und eröffnet ungeahnte Möglichkeiten beim Maschinen- und Anlagenbau.


    Mannesmann verliert den Nimbus der Unverwundbarkeit

    Ende der 1980er Jahre ebbt das stürmische Wachstum im Montangeschäft aber ab. Neue Geschäftsfelder müssen her. Da trifft es sich gut, dass das Monopol der Bundespost im Mobilfunkbereich fällt. Mannesmann erkennt das Potenzial und erwirbt 1990 die Lizenz zum Aufbau und Betrieb des ersten privaten Mobilfunknetzes namens D2 in Deutschland. Der Beginn einer goldenen Ära. Der Riese aus der Old Economy erfindet sich völlig neu und spielt plötzlich in der champagnergetränkten Welt der Yuppies, der New Economy vorne mit.

    Schon bald übertrumpft die Mobilfunksparte mit ihren atemberaubenden Gewinnspannen alle anderen Geschäftsbereiche. Klaus Esser, ab 1994 Mannesmann-Chef, wird in dieser Zeit zur prägenden Figur des Konzerns. Unter seiner Führung entwickelt sich die Stahlikone Mannesmann zum größten Mobilfunkanbieter Europas. Esser ist ein Kind des Ruhrgebiets, aber alles Kumpelhafte ist ihm fremd. Die Kapitalmärkte nennen ihn anerkennend nur das „Hirn“.

    Orange – ein junges, innovatives Mobilfunkunternehmen, das es zur Nummer drei im britischen Markt gebracht hat, passt perfekt in Essers Wachstumsstrategie. Eine Übernahme von Orange käme allerdings einem Frontal-Angriff auf Vodafone gleich, auf den die Briten reagieren müssten. Doch Esser schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass der britische Marktführer mit einer Übernahme auf Mannesmann kontern könnte, auf weniger als 50 Prozent ein. Und besiegelt für 30 Milliarden Euro den Kauf von Orange. Ein strategischer Fehler.

    „Die wirtschaftliche Elite dachte wohl, dass Mannesmann allein wegen seiner schieren Größe und immensen Bedeutung unangreifbar wäre“, sagt Ulrich Hocker, Präsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Doch es kommt anders: Vodafone steigert über kleinere Zukäufe von Beteiligungen über Monate hinweg Stück für Stück den Wert seiner Aktie. Das Ziel: Ein möglichst hoher Aktienkurs, der als Alternative zur Barauszahlung der Mannesmann-Aktionäre dienen kann. Am 14. November 1999 legt Vodafone ein erstes Übernahmegebot in der Höhe von 100 Milliarden Euro vor.

    Mannesmann-Chef Klaus Esser kündigt sofort Widerstand an. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder springt ihm bei. Die Mannesmann-Betriebsräte organisieren Protestveranstaltungen. Die Zeitungen können kaum alle Inserate drucken, die ihnen angeboten werden. Doch es hilft nichts. Als die Kooperationsbemühungen von Mannesmann mit dem französischen Medienkonzern Vivendi scheitern, bleibt Klaus Esser nichts anderes übrig, als seinen Widerstand gegen die Vodafone-Übernahme aufzugeben.

    Am 3. Februar im Jahr 2000 besiegeln Vodafone-Chef Chef Chris Gent und Mannesmann-Boss Klaus Esser den Jahrhundertdeal mit einem Handschlag, der Esser rund 31 Millionen Euro an Boni- und Abfertigungszahlungen einbringt. Und 2004 einen vielbeachteten Prozess wegen Beihilfe zur Untreue, der erst 2007 in letzter Instanz nach Zahlung einer Geldauflage in Höhe von 1,5 Millionen Euro eingestellt wird. „Aus der Deutschland-AG wurde mit Mannesmann ein riesiger Brocken gerissen“, sagt Wertpapierschützer Ulrich Hocker. Mannesmann verkörperte bis dahin den industriellen Kern der Deutschland AG – jenes engen Geflechts aus persönlichen Verbindungen und finanziellen Beteiligungen zwischen Banken, Versicherungen und Industrie, das die Wirtschaft nach 1945 so stark prägte.


    Was von Mannesmann übrig ist

    Kaum ein Gebäude repräsentiert die Industrie des Ruhrgebiets und das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit besser als das gläserne Mannesmann-Hochhaus in Düsseldorf. In dem Bau aus den 50er Jahren residiert mittlerweile das Wirtschaftsministerium von Nordrhein-Westfalen. „Mir blutet jedes Mal das Herz, wenn ich über die Rheinkniebrücke fahre und das Hochhaus ohne das Mannesmann-Logo sehe“, sagt Karl Heinz-Schmidt.

    Als Betriebsrat ist Schmidt hier ein- und ausgegangen. Heute arbeitet der baumlange Düsseldorfer mit dem markanten Schnauzbart zwar für den französischen Konzern Vallourec, der die Röhrenwerke in Düsseldorf-Rath übernommen hat. Aber Schmidt fühlt sich immer noch als Teil Mannesmanns. Schon sein Großvater war um die Jahrhundertwende bei den ersten Wälzversuchen dabei, sein Vater kannte nur diesen einen Konzern und mittlerweile arbeiten auch seine beiden Kinder in Nachfolgeunternehmen von Mannesmann. Dabei finden sich Überbleibsel des einstigen Industriejuwels heute schwer.

    Im Düsseldorfer Telefonbuch, in dem vor der Übernahme ganze Seiten unter dem Schlagwort „Mannesmann“ zu finden war, stehen heute nur noch drei Einträge. Die Zerschlagung von Mannesmann war radikal. Vodafone behielt einzig das Mobilfunkgeschäft D2. Alle übrigen Geschäftsfelder wurden verkauft. Wie viele Jobs die Zerschlagung gekostet hat, lässt sich nicht genau berechnen. Aber viele Mannesmann-Sparten haben sich nach der Übernahme erstaunlich gut entwickelt.

    Zu den Gewinnern gehören etwa die D2-Mitarbeiter mit dem Aufstieg von Vodafone in Deutschland. Die Röhrenwerke, die im Mannesmann-Konglomerat kaum noch Beachtung fanden, erlebten unter dem Dach von Salzgitter, dass die Werke zum Spotpreis von 1 Euro erwarb, eine neue Hochblüte. Mannesmann Sachs ging zu ZF Friedrichshafen, die Luxusuhren-Hersteller Jaeger-LeCoultre und Lange&Söhne wurden für 1,8 Milliarden Euro an den Richemont-Konzern veräußert, die Steuerungstechnik von Rexroth fand bei Bosch eine neue Heimat. Und dann wäre da noch diese Tradition.

    Einmal im Jahr organisiert Ex-Mannesmann-Betriebsrat Karl-Heinz Schmidt mit Kollegen eine Prunksitzung ehemaliger Mannesmann-Mitarbeiter zu Karneval. Am Samstag, den 14. Februar ist es wieder so weit. Regelmäßiger Gast der Feierlichkeiten ist auch Ex-Mannesmann-Chef Werner Dieter. Karl-Heinz Schmidt erinnert sich noch gut an die Worte seines ehemaligen Chefs bei seinem letzten Besuch von vor zwei Jahren: „Herr Schmidt, sorgen Sie dafür, dass diese Tradition erhalten bleibt. Es ist alles, was von Mannesmann noch übrig ist.“

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