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737-Max-Produktion gestoppt „Das System wird auf der Intensivstation am Leben gehalten“

Boeing pokerte darauf, dass Flugzeuge des Typs 737 Max bald wieder fliegen dürfen. Nun stehen rund 400 neue Modelle ohne Flugerlaubnis herum und der Konzern muss die Produktion vorerst stoppen. Quelle: dpa

Boeing muss die Produktion des Flugzeugtyps 737 Max vorübergehend einstellen. Im Interview erklärt Luftfahrt-Experte Heinrich Großbongardt, warum die Krise des US-Konzerns für Zulieferer und Airlines zum Problem wird.

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Boeing gerät zunehmend unter Druck. Nachdem sein Bestseller „737 Max“ im März die Flugerlaubnis wegen zwei Abstürzen mit 346 Toten verlor, wartet der Luftfahrtriese darauf, dass der Flieger wieder starten darf. Da sich der Prozess immer weiter verzögert, gab Boeing nun bekannt, die Produktion ab Januar vorübergehend zu stoppen. Laut dem Luftfahrt-Experten Heinrich Großbongardt werden die Folgen dieser drastischen Maßnahme schnell auf eine ganze Branche übergreifen und noch mehr als ein Jahr spürbar sein.  

WirtschaftsWoche: Herr Großbongardt, war der Produktionsstopp der Boeing 737-Max wirklich notwendig?
Heinrich Großbongardt: Boeing produziert schon auf Halde, seitdem im März das Flugverbot für die 737 Max erteilt wurde. Da stehen inzwischen rund 400 Flugzeuge bereit, die nicht an die Kunden ausgeliefert werden können und ein Kapital von rund 20 Milliarden Dollar binden. Auch ein Unternehmen von der Größe Boeings bringt das durchaus an seine Grenzen. Dass so viele Flugzeuge vorproduziert wurden, hat es bisher noch nicht gegeben.

Rund 80 Prozent der Teile für das Flugzeug kauft Boeing von Zulieferern. Was bedeutet der Produktionsstopp für die Unternehmen im Hintergrund?
Die Zulieferer werden nicht umhinkommen, ihre Produktion zu stoppen oder zumindest zurückzufahren. Das liegt an den Strukturen, die hinter dem Bau eines Flugzeugs stecken: Die Zulieferer produzieren schon heute Teile für eine Boeing, die erst nächstes Jahr geliefert wird. Deshalb kann man die Herstellung auch nicht einfach kurzfristig abstellen.

Könnten die Zulieferer nicht umdisponieren und andere Branchen versorgen?
Nein, das sind spezialisierte Unternehmen. Die beschäftigen keine Leiharbeiter, sondern hochqualifizierte Fachkräfte in deren Ausbildung jahrelang investiert wurde. Zulieferer sind auf deren Erfahrung angewiesen und können sie außerdem nicht so schnell ersetzen. Deshalb müssen sie den Produktionsstopp überbrücken und Konzepte entwickeln, wie sie die Mitarbeiter weiterhin beschäftigen können. Das wird nicht einfach sein, besonders weil ein Produkt wie die 737 für alle beteiligten Unternehmen ein nennenswerter Teil des Umsatzes ist. Mit vielen Pleiten rechne ich aber nicht, notfalls wird Boeing selbst einspringen. Ich denke, das System wird auf der Intensivstation am Leben gehalten, bis die 737 wieder fliegen darf, um es dann zu reaktivieren.

Welche Auswirkungen hat der Baustopp für die Fluggesellschaften?
Auf Dauer ist mit Engpässen bei den Airlines zu rechnen. Insgesamt wurden 800 Flugzeuge entweder nicht ausgeliefert oder stehen bei den Fluggesellschaften und dürfen nicht abheben. Sie wurden aber gekauft, weil immer mehr Leute fliegen und die Nachfrage steigt. Dass diese Flugzeuge derzeit nicht fliegen dürfen, wird im Luftverkehr sichtbare Spuren hinterlassen. Viele Airlines werden ihre Expansionspläne nicht umsetzen können, es wird zu Umsatzeinbußen und damit auch zu Gewinneinbrüchen kommen. Aber ich glaube nicht, dass es zu Preiserhöhungen kommt, die Verbraucher spüren werden.

Kann Boeings Erzrivale Airbus von den Schwierigkeiten des US-Konzerns profitieren?
Nein, ganz sicher nicht. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen ist Airbus für die nächsten sechs bis sieben Jahre ausgebucht. Wer heute einen Airbus A320 bestellt, der einer Boeing 737 Max am nächsten kommt, erhält ihn mit viel Glück im Jahr 2026. Zweitens betreffen die Probleme, die hinter dem Produktionsstopp stecken, nicht nur Boeing. Es wird bei der Zulassung neuer Flugzeuge zu Verschärfungen kommen, die sich auch auf Airbus auswirken.

Wann wird die US-Luftfahrtbehörde der 737 Max wieder eine Flugzulassung erteilen?
Frühestens Ende März, es könnte aber auch April werden. Das Problem ist, dass inzwischen so viel Vorsicht und auch Angst im Spiel ist, dass man die 737 mit spitzen Fingern anfassen wird. Außerdem bedeutet die Zulassung nicht, dass direkt alle Flugzeuge wieder starten werden. Die Zulassungsbehörden werden voraussichtlich von Piloten eine Schulung für das MCAS-System fordern, das bei den Abstürzen in die Kritik geraten ist. Solche Trainings finden in einem Simulator statt und für jedes Flugzeug braucht man etwa zwölf Piloten. Bis alle Piloten nachgeschult wurden, wird es sicherlich einige Zeit dauern.

Wie lange wird es dauern, bis Boeing wieder auf demselben Produktionsniveau ist wie vor dem Baustopp?  
Ich rechne damit, dass die Aufsichtsbehörde Ende März grünes Licht für die 737 Max gibt. Dann können die Schulungen für Piloten, die Anpassung der Produktionsabläufe und die Nachrüstung beginnen. Boeing muss ja jedes Flugzeug noch einmal modifizieren, egal ob es auf Halde produziert wurde oder schon ausgeliefert ist. Bis das alles durch ist und die Produktion sich wieder auf dem Niveau vor dem Baustopp befindet, dürfte es mindestens ein Jahr dauern.

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