A320neo ist überraschend effizient Airbus zwingt Boeing in die Offensive

Lufthansa und Airbus feiern die Übergabe des A320neo. Erzrivale Boeing hat das Nachsehen: Weil der Airbus-Flieger effizienter ist als erwartet, muss sich der US-Flugzeugbauer bei seinem 737Max anstrengen - und prüft einen völlig neuen Mittelstreckenstreckenjet.

Ein Airbus A320neo auf dem Rollfeld Quelle: AP

Bei den Treffen des PNAA genannten Verbands der Luftfahrtbetriebe aus dem Nordwesten der USA sind die Boeing-Vertreter normalerweise im Gute-Laune-Modus. Sie versprühen bärigen Optimismus und zeigen stolz Erfolge vor. Bei der jüngsten Veranstaltung, die Dienstag in Lynnwood auf halbem Weg zwischen Seattle und den Boeing-Fabriken in Everett stieg, gelang das nicht.

Der Mittelklasse-Flieger von Airbus
Mit dem Erstflug des Verkaufschlagers A320neo hat Airbus im Kampf um die Vorherrschaft bei Mittelstreckenflugzeugen ein Etappenziel erreicht. Der für bis zu 180 Passagiere konzipierte Flieger startete am Donnerstag in Toulouse zu einem für sechs Stunden konzipierten Erstflug. Quelle: dpa
Von der Weiterentwicklung der alten A320 erhofft sich der europäische Flugzeugbauer, mit besseren Verbrauchswerten den Erfolg in der am meisten verkauften Flugzeugklasse zu sichern. Durch neue Triebwerke und aerodynamische Flügelenden, Sharklets genannt, soll der Treibstoffverbrauch um 15 Prozent sinken. Quelle: REUTERS
Für das Flugzeug liegen nach Airbus-Angaben bisher knapp 2500 feste Bestellungen vor. Für die gesamte Klasse der Kurz- und Mittelstreckenmaschinen mit nur einem Mittelgang, zu der auch die A319 und die A321 gehören, sind gut 3300 Aufträge von mehr als 60 Kunden verzeichnet. Die US-amerikanische Airbus-Konkurrenz Boeing setzt in diesem Marktsegment mit der 737-MAX ebenfalls auf eine Neuauflage ihrer Mittelstreckenjets. Quelle: REUTERS
Airbus will die laut Listenpreis knapp 79 Millionen Euro teure A320neo auch am Standort Hamburg bauen. Die ersten Exemplare der 2010 angeschobenen Neuentwicklung sollen im kommenden Jahr an Qatar Airways und die deutsche Lufthansa ausgeliefert werden. Für die Testphase hat Airbus acht Flugzeuge konzipiert, sechs davon werden in Hamburg montiert. Auch die Auslieferung des ersten Exemplars an einen Kunden soll in der Hansestadt erfolgen. Quelle: dpa
Für die große Nachfrage nach der A320-Familie will Airbus die Produktion des Jets steigern. Derzeit werden monatlich 42 Maschinen in dieser Klasse gefertigt. Bis 2016 will Airbus vier Jets mehr schaffen und dann 46 Mittelstreckenflieger pro Monat bauen. Davon sind etwa 22 Flugzeuge für die Endmontage in Hamburg vorgesehen. Dort wird auch der Rumpf für alle Modelle der Familie gefertigt. Quelle: REUTERS
Der Start des A320neo sollte eigentlich im Internet per Livestream übertragen werden, unter anderem über das bekannte Online-Portal Youtube. Wegen rechtlicher Probleme mit dem Bildmaterial konnte der Stream in Deutschland aber nicht abgerufen werden. Quelle: REUTERS
Wegen starker Bewölkung – und den daraus resultierenden schlechten Aufnahmen – musste der Start um etwa eine Stunde nach hinten verschoben werden. Statt um 11 Uhr konnten die Piloten den A320neo erstmals um kurz nach 12 Uhr von der Startbahn im südfranzösischen Toulose abheben lassen. Quelle: Presse

Zunächst mussten Boeings Marketing-Mitarbeiter einräumen, dass Airbus im wachsenden Markt der größeren Mittelstreckenflugzeuge die neunfache Zahl an Maschinen verkaufte. Dann gestand der Konzern, er könne 2016 weniger Jets vom Typ 737 als im vergangenen Jahr ausliefern. Den Zulieferern fällt die Umstellung vom aktuellen NG-Modell auf die renovierte Max-Version schwer. Schließlich meldete der Konzern, dass der neue Chef Dennis Muilenberg bis zu 15 Prozent der Beschäftigten seiner Zivilflugzeugsparte entlassen könnte.

Wohl um die Stimmung zu retten sickerte am Donnerstag durch, dass Boeing den Bau eines neuen Mittelstreckenjets mit gut 200 Sitzen prüft, um die Lücke zu Airbus zu schließen. Basis des Neulings ist das Modell 757. Das haben die Amerikaner ursprünglich vor zehn Jahren eingemottet.

Den Grund für die leichte Panik der US-Luftfahrtriesen feiert Erzrivale Airbus am Freitag in Hamburg. Im Rahmen eines Festakts übergibt Airbus-Chef Fabrice Brégier auf dem Werksgelände in Finkenwerder offiziell das erste Exemplar des Modells A320neo an Lufthansa-Boss Carsten Spohr.

Aufträge von Airbus und Boeing im Vergleich

"Wir fliegen pro Sitz fast ein Viertel günstiger"

Mit dessen Laune dürfte es eigentlich auch nicht zum Besten stehen. Denn kurz vor Weihnachten erfuhr er, dass er die Maschine nicht nur sechs Wochen später bekommt als versprochen. Spohr kann den Mittelstreckenjet auf Monate nicht wie geplant einsetzen. Die Maschine muss wegen Kinderkrankheiten nach jedem Flug in die Werkstatt.

Tatsächlich wird Spohrs Stimmung wohl bestens sein. Bei den ersten Flügen hat sich der neue Jet sehr gut geschlagen. Als Lufthansa die Flieger 2011 bestellte, sollten sie dank eines neuen revolutionären Triebwerks im Betrieb 15 Prozent günstiger sein.

Wer den Flugzeug-Markt durchwirbelt
Japan: Mitsubishi Regional Jet Quelle: AP
Japan: Mitsubishi Regional Jet (MRJ)Der Großkonzern Mitsubishi Heavy Industry (MHI) will mit dem Jet zu einem vollwertigen Flugzeughersteller aufsteigen. Es sind Versionen mit 70 und 90 Sitzplätzen geplant, außerdem ist ein verlängertes Modell mit 100 Plätzen angedacht. Die Japaner werben damit, dass ihre Flugzeuge dank des Designs und vor allem eines neuen Triebwerks nicht nur weniger Sprit verbrauchen, sondern auch mehr Raum für Passagiere als die Rivalen bieten. Im zweiten Quartal 2017 soll das erste Flugzeug an die All Nippon Airways ausgeliefert werden. Quelle: AP
China: ARJ 21 Quelle: REUTERS
China: C919 Quelle: dpa
China: C919 Quelle: dpa
Russland: Iljuschin Il-114Dieses Flugzeug hat seinen Jungfernflug schon lange hinter sich: Als die Il-114 im März 1990 abhob, stand die Sowjetunion kurz vor dem Zerfall. Im Herbst 2015 wurde das Projekt aus der Mottenkiste geholt: Eine Produktionslinie soll aufgebaut werden, dafür muss aber der Motor auf den neuesten Stand der Entwicklung gebracht werden. Die Turboprop-Maschine aus dem Hause Iljuschin ist für den regionalen Flugverkehr geeignet und bietet lediglich 64 Plätze. Die staatliche Flugzeugbau-Holding Russlands hat aber auch einen größeren Flieger im Programm.... Quelle: imago
Russland: Superjet 100 Quelle: REUTERS

Das übertrifft der A320neo offenbar. „Nach den ersten Flügen können wir erkennen: Die Ersparnis liegt tatsächlich bei bis zu 17 Prozent“, freut sich Spohr im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. Das spart pro Jahr bis zu 180.000 Liter Kerosin zusätzlich. Und weil die Airline Toiletten und Küche an die Rückwand der Kabine gedrückt hat, ist Platz für zwei Sitzreihen mehr. „Damit fliegen wir pro Sitz sogar fast ein Viertel günstiger als bisher“, rechnet der Konzernlenker vor.

Das kann Spohr im Wettbewerb mit den Billigairlines gut brauchen. Mit den neuen Jets fliegt er trotz höherer Personalkosten im Konzern ähnlich günstig wie Easyjet oder Ryanair - zumindest bis die Ende 2017 ihre ersten Sparjets bekommen.

Nach einem solchen Erfolg des A320neo sah es lange nicht aus. Nicht nur dauerte die Entwicklung des Motors vom US-Konzern United Technologies und der Münchner MTU länger. Die zentrale Neuerung - ein gewaltiges Getriebe, das erstmals alle Teile Motors in der für einen niedrigen Verbrauch optimalen Geschwindigkeit drehen lässt – verträgt die hohe Betriebstemperatur bislang nicht so recht. Darum müssen die Piloten das Triebwerk vor dem Abflug drei Minuten bei geschlossenen Türen warm laufen lassen. Andernfalls könnten sich beim Start Teile verziehen.

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