Abgasskandal Anleger fürchten teure Diesel-Strafe für Fiat Chrysler

Die Aktie von Fiat Chrysler geht an den Börsen auf Talfahrt. Der Grund: Im Dieselskandal droht dem Autobauer in den USA eine hohe Strafe.

Die US-Umweltbehörden haben Fiat Chrysler bereits seit längerem wegen gefälschter Stickoxidwerte im Verdacht. Quelle: dpa

Rom/New YorkDie Angst vor teuren Folgen im Dieselskandal treibt die Anleger Autokonzerns Fiat Chrysler (FCA) um. Dabei geht es um Verhandlungen zwischen dem Konzern und dem US-Justizministerium im „Dieselgate“-Skandal, der die Gerichte seit mehr als einem Jahr beschäftigt. Nachdem die FCA-Aktie in New York bereits am Freitag eingebrochen war, ging es am Montag auch an den europäischen Börsen bergab.

Grund ist eine Meldung der Finanzagentur Bloomberg, laut der das Justizministerium Ende Januar dem Fiat-Konzern per Brief einen Kompromiss angeboten habe, um die Endlosgeschichte um gefälschte Emissionswerte der Modelle Jeep Grand Cherokee und Ram 1500 gütlich zu beenden.

FCA solle demnach künftig besser seine Dieselabgase kontrollieren und die 104.000 Autos, um die es geht, die zwischen 2014 und 2016 gebaut wurden, zurückrufen und nachrüsten. Als dritten Punkt spricht das US-Justizministerium laut Bloomberg von einer „substanziellen zivilen Strafe“, ohne jedoch die Höhe zu nennen. Und genau dieser Punkt scheint die Finanzmärkte zu beunruhigen.

Eine Verurteilung wegen des Verstoßes gegen das Luftreinhaltungsgesetz kann FCA bis zu 4,6 Milliarden Dollar Strafe kosten. Banken und Investoren hatten die Risiken bereits im vergangenen Jahr eingepreist. Wahrscheinlicher seien 445 Millionen Euro Strafe, schätzte ein italienischer Analyst vom Brokerhaus Websim. Barclays dagegen rechnet mit bis zu 800 Millionen Euro Strafe und Ausgleichzahlungen und hatte das Kursziel bereits entsprechend abgesenkt.

Bei der Automesse in Detroit Mitte Januar hatte sich FCA-Chef Sergio Marchionne noch optimistisch gezeigt, was die Verhandlungen mit den zuständigen Behörden betrifft. Fiat Chrysler habe seine Motoren nicht vorsätzlich manipuliert, sagte er. „Und wenn wir geschlampt haben, dann müssen wir eben dafür zahlen“, sagte er dort in einer Pressekonferenz.

Unter dem Druck der Märkte kann es nun zu einer schnellen Einigung kommen. Marchionne, der Ende nächsten Jahres den Konzern verlässt, hatte kürzlich gute Zahlen vorgelegt – zwei Tage vor dem Brief des US-Justizministeriums. Demnach stieg der bereinigte Betriebsgewinn 2017 um 16 Prozent auf gut sieben Milliarden Euro. Die Börsen notierten das mit einem Hoch. Das Problem besteht nun darin, ob FCA unter dem Druck von Sanktionen seine Finanzziele für das Jahr einhalten kann.

Erleichterung kann von einer weiteren Ausgliederung kommen: Nach der Ausgliederung von Ferrari Anfang 2016 und der späteren Zweitnotierung der roten Rennwagen in Mailand soll noch in diesem Jahr die Komponententochter Magneti Marelli an die Börse in Mailand gebracht werden.

Die Verhandlungen zwischen den FCA-Anwälten und dem Justizministerium würden weiter laufen, heißt es in italienischen Medien. Hier gehe es allerdings um eine Einigung im Zivilverfahren, nicht im Strafverfahren.

Nichts Neues gibt es dagegen im europäischen „Diesel-Krieg“, der noch länger andauert. Die Vorgeschichte: Der Streit eskalierte 2016, als Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt erst Fiat direkt angriff und sich dann bei der EU-Kommission über die italienischen Zulassungsbehörden beschwerte. FCA war nach Untersuchungen des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) in den Verdacht geraten, nach 22 Minuten die Stickoxid-Reinigung einzustellen – für die Deutschen eine unzulässige Abschalteinrichtung. Es geht um die Modelle 500X, Renegade und Doblò. Dobrindt forderte den Rückruf.

Die Italiener waren besonders verstimmt, dass die Vorwürfe aus Deutschland damals genau an dem Tag öffentlich wurden, als die deutsch-italienischen Konsultationen in Maranello stattfanden und als das Land unter dem Schock des zweiten großen Erdbebens in Mittelitalien ein paar Tage zuvor stand.

„Berlin soll sich um Volkswagen kümmern“, sagte Industrieminister Carlo Calenda. Sein Stellvertreter Riccardo Nencini sprach von „unverständlichem“ Insistieren der deutschen Regierung, schließlich habe das Verkehrsministerium alle Antworten gegeben.

Verkehrsminister Graziano Delrio wies jeden Vorwurf aus Deutschland zurück und nannte alle Anschuldigungen „völlig unzulässig“. Italien habe zugestimmt, einen Vermittlungsausschuss in Brüssel einzurichten, „denn wir haben nichts zu verbergen“, so Delrio. „Unsere Tests zeigen, dass es keinen illegalen Abschalteinrichtungen gibt.“ Und schließlich habe Italien auch keine zusätzlichen Untersuchungen bei Volkswagen gefordert, „wir haben ihnen vertraut”. Seit kurzem finden die Emissionstests immerhin nicht mehr im Labor, sondern auf der Straße statt.

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