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Abweichung in Millionenhöhe Hat Hochtief-Tochter Verluste kaschiert?

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Die Vorgesetzen legten die Prognosen zu hoch an

Bei Global Tech I hakt es auch aus anderen Gründen. Der Windpark in der Nordsee steht kurz vor der Fertigstellung der 80 Windmühlen mit einer Gesamtleistung von 400 Megawatt. Haupteigner sind die Stadtwerke München und zwei weitere regionale Energieversorger. Die gemeinsame Projektgesellschaft Global Tech I Offshore Wind hat Hochtief Anfang 2014 gekündigt, weil der Bau nicht planmäßig fortgeschritten sei. Mit der Fortführung wurde die dänische Fred. Olsen Windcarrier beauftragt.

Ursprünglich vereinbartes Vertragsvolumen waren 175 Millionen Euro. Nun streiten die Ex-Partner um Nachtragsforderungen, ein Schiedsverfahren läuft. Das könnte ein Grund sein, warum die verantwortlichen Manager aktuell von einem Verlust bei dem Projekt ausgehen.

Aber auch bei den Zukunftsprognosen für beide Projekte liegen ihre Einschätzungen um fast elf Millionen Euro unter denen der Vorgesetzten, geht aus der Mail hervor.

Käufer gesucht

Das gilt auch für Baltic II. Den Windpark mit ebenfalls 80 Mühlen und 288 Megawatt Gesamtleistung baut Hochtief mit seinen Spezialschiffen seit gut einem Jahr in der Ostsee, 32 Kilometer nördlich der Insel Rügen. Auftraggeber: der Energieriese EnBW, Auftragsvolumen: 191 Millionen Euro. Die Inbetriebnahme von Baltic II verschiebt sich wegen Verzögerungen bei einem Projektpartner, der das Umspannwerk baut, voraussichtlich bis April 2015. Aber sein Baltic-II-Part auf hoher See, erklärt Hochtief, „läuft planmäßig“.

Angesichts der Schwierigkeiten sucht Hochtief-Chef Fernandez einen Käufer oder Partner für seine leidende Offshore-Sparte. Das dürfte durch die Debatte um die Bewertung der Projekte und durch den Abgang der Top-Manager schwieriger werden.

Nicht nur in diesem Teil seines Europa-Geschäfts kann der ACS-Statthalter die Probleme nicht mehr kaschieren. Dem schrumpfenden Europa-Geschäft Hochtief Solutions mit derzeit noch 8600 Mitarbeitern hat Fernandez 2013 einen radikalen und umstrittenen Umbau verordnet. Im Juni vergangenen Jahres warnten vier Solutions-Top-Manager Fernandez per Brief, bei der „angestrebten Organisationsveränderung gehen wir davon aus, dass wir Schlüsselpersonal verlieren und somit laufende wie zukünftige Projekte gefährden“.

Auch diese vier Führungskräfte sind nicht mehr bei Hochtief. Der Brain Drain ist ungebrochen. Rund 50 hoch qualifizierte Führungskräfte wechseln in diesem Jahr allein zur österreichischen Porr-Gruppe, rund 25 zum Bremer Baukonzern Zech.

Weitere interne Schriftstücke belegen, dass das inzwischen zu chaotischen Zuständen führt. Jürgen Fath, Geschäftsführer der 5700 Mann starken Solutions-Einheit Hochtief Infrastructure, zu der auch die Offshore-Sparte gehört, schrieb Ende Juni Brandbriefe an Vorgesetzte und Mitarbeiter. Das Arbeitspensum auch infolge personeller Veränderungen, die „geplant wie auch nicht geplant“ waren, habe „ein inzwischen nicht mehr tolerierbares Ausmaß bei uns und unseren Mitarbeitern angenommen“. Und weiter: „Zufriedenstellende arbeitsvertragliche Regelungen“ seien „zu einem Großteil noch immer nicht getroffen“.

Die knapp gewordenen personellen Ressourcen der Niederlassungen ersticken laut Fath in Bürokratie und Eigenverwaltung. Berichtswesen und Audits erforderten „einen überproportionalen Zeitaufwand, da Systeme, Prozesse und Richtlinien nicht voll funktionsfähig bis nicht existent oder nicht bekannt“ seien.

Um Personalkapazitäten für das operative Geschäft freizuschaufeln, zieht Fath im Bereich Nordwesteuropa, für den er kommissarisch zuständig ist, die Reißleine: „Es werden keine Niederlassungsabschlüsse für Juli und August 2014 durchgeführt“, verfügt er und empfiehlt für den Streitfall: „Verweisen Sie auf mich als Verantwortlichen.“ Sogar die Erstellung des Quartalsabschlusses für September ist keine Selbstverständlichkeit mehr: Fath macht deren Umfang „abhängig von der bis dahin vorhandenen Prozessstabilität“.

Industrie



Jurist Maaß rät: „Hochtief muss sicherstellen, dass auf dieser Basis eine ordnungsgemäße Rechnungslegung überhaupt noch möglich ist.“

Fernandez hatte im Juli verkündet: „Die Division Hochtief Europe haben wir mit der weitgehend abgeschlossenen Restrukturierung von Hochtief Solutions auf einen erfolgreichen Weg gebracht.“

Die Hochtiefler erleben ihr Unternehmen offenbar ganz anders.

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