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Abweichung in Millionenhöhe Hat Hochtief-Tochter Verluste kaschiert?

Aufstand in der Offshore-Sparte des Essener Bauriesen Hochtief: Drei Topmanager werfen ihren Vorgesetzten vor, im Halbjahresbericht Verluste zu kaschieren. Die Anschuldigungen könnten den gesamten Konzern erschüttern.

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Die größten Baukonzerne Europas
Bauarbeiter arbeiten auf einem Gerüst Quelle: AP
Bauarbeiter arbeiten auf einer Baustelle des Konzerns Strabag Quelle: dpa
Platz 8: COLAS SADer französische Konzern hat sich auf Straßen- und Schienenbau spezialisiert. Der Name des Konzerns, für den 73.600 Menschen arbeiten, setzt sich aus den englischen Wörtern "cold" und "asphalt" zusammen. Umsatz 2012: 13 Milliarden Euro Quelle: dpa
Baukräne unter grauem Himmel Quelle: AP
Ein Bauarbeiter erhitzt auf einer Baustelle Rohre Quelle: APN
Bauarbeiter in einem neu gebauten U-Bahn-Schacht Quelle: dpa/dpaweb
Ein Arbeiter des Bauunternehmens Hochtief weist einen Container ein Quelle: dpa

In der Windenergiebranche gelten Martin Rahtge und Stefan Woltering als Koryphäen für Planung und Bau von Offshore-Windparks. Sie arbeiten in Hamburg als Manager-Tandem und haben dafür gesorgt, dass der Essener Baukonzern Hochtief beim Bau von Windparks auf hoher See als gute Adresse gilt. Nun haben beide gekündigt, wie Hochtief bestätigt.

Krachender könnte ein Abgang kaum ablaufen. Der WirtschaftsWoche liegen Hochtief-interne Schreiben vor, in denen Rathge, Woltering und ihr Geschäftsleitungskollege Gerd Kroll dem Management des übergeordneten Bereichs Hochtief Infrastructure (HTI) Vorwürfe machen, die den gesamten Konzern erschüttern können.

Die drei Offshore-Manager beschuldigen die Essener HTI-Chefs, Verluste der beiden Offshore-Projekte im Halbjahresbericht verschleiert zu haben. Es seien „auf Weisung der Geschäftsführung HTI nunmehr auch per 30.6.“ – also offenbar nicht zum ersten Mal – „erhebliche Vorgriffe vorgenommen“ worden, schreiben sie in einer Mail vom 30. Juni an HTI-Finanzchef Jörg Laue. Demnach wären erhoffte Gewinne verbucht worden, deren Eintreten unsicher ist. Die drei distanzieren sich: „Die Geschäftsleitung des Geschäftsbereichs Offshore trägt die Entscheidung der Geschäftsführung nicht mit.“

Die Hochtief-Dokumente zum Download

Der Sprengstoff dieser Zeilen ist gewaltig. Stimmen die Vorwürfe, wären die Zahlen zum Hochtief-Europageschäft zu korrigieren. Denn der Ende Juli veröffentlichte Halbjahresbericht suggeriert, dass dort der Verlust von 13,2 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2013 auf 6,5 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2014 sank. Hätte Hochtief die von Rathge, Woltering und Kroll für richtig gehaltenen Zahlen verwendet, wäre der Verlust der europäischen Bausparte jedoch gestiegen.

Abweichung in Millionenhöhe

Hochtief beantwortet die Frage, ob es interne Dispute zur Ertragslage der Offshore-Projekte gebe, mit „nein“. Die Bewertung sei „eng abgestimmt zwischen der Geschäftsleitung der Einheit Offshore, der Geschäftsführung von Hochtief Infrastructure und dem Vorstand von Hochtief“.

Die drei Offshore-Geschäftsführer aber gehen in ihrer Mail ins Detail. Sie beziffern das Ist-Ergebnis des Ostsee-Windparkprojekts Baltic II zum 30. Juni mit minus 0,5 Millionen Euro seit Baubeginn und das des Nordsee-Pendants Global Tech I mit minus 2,0 Millionen Euro. Übernommen in die Halbjahres-Gewinn-und-Verlust-Rechnung wurden aber, so die drei Offshore-Geschäftsführer, „weisungsgemäß“ positive Erträge von 4,375 Millionen Euro für Baltic II und von 6,067 Millionen für Global Tech I. Die Abweichung liegt insgesamt bei fast 13 Millionen Euro. Hochtief will dazu keine Details nennen: „Wir berichten nicht über Ergebnisse auf Projektebene.“

Wer Hochtief bereits verlassen hat

Unter dem Halbjahresbericht versichert der Hochtief-Vorstand um den Spanier Marcelino Fernandez Verdes „nach bestem Gewissen“, dass „der Geschäftsverlauf einschließlich des Geschäftsergebnisses und die Lage des Konzerns so dargestellt sind, dass ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild vermittelt wird“. Rathge, Woltering und Kroll stellen das mit ihrer Mail klar infrage.

Der Aktienrechtler Oliver Maaß von der Kanzlei Heisse Kursawe in München, der Hochtief seit der feindlichen Übernahme durch den spanischen ACS-Konzern 2011 beobachtet, hält eine Überprüfung des Vorgangs durch die Finanzaufsicht BaFin sowie durch deren vorgelagerte Instanz, die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung in Berlin, für unvermeidlich: „Sollten die im Halbjahresbericht genannten Zahlen nicht vertretbar sein, geht es hier um den Vorwurf der fehlerhaften Rechnungslegung, der Bilanzfälschung und des falschen Bilanzeids. Dies alles wäre strafbar und ein Fall für die Staatsanwaltschaft.“

Fehlerhaft informiert?

Maaß: „Würden sich Halbjahresbericht und Bilanz als falsch herausstellen, wären auch Schadensersatzklagen von Anlegern möglich. Der Aufsichtsrat müsste überdies prüfen, ob die geschäftsführenden Organe noch tragbar sind.“ Im Klartext: ob er den Vorstand abberufen müsste.

Der Vorstandsvorsitzende des Baukonzerns Hochtief, Marcelino Fernandez Verdes Quelle: dpa

Auch die Rolle der Wirtschaftsprüfer ist zu klären. Kennen sie die Haltung der Offshore-Manager? Maaß: „Wer sich als Wirtschaftsprüfer fehlerhaft informiert fühlt, muss sein Mandat niederlegen und darf nicht falsch testieren. Tut er es dennoch, greift sein Haftungsrisiko gegenüber dem geprüften Unternehmen und den Aktionären.“

Dass es in der Offshore-Sparte von Hochtief zum Krach kam, ist kein Zufall. Die Stimmung in der 350-Mann-Einheit ist am Boden. Fernandez plant dort einen nicht näher bezifferten Personalabbau. Die Abteilung ist nicht ausgelastet, weil der Windpark-Ausbau infolge der Verzögerungen bei der Energiewende auf längere Sicht stocken wird.

Die Vorgesetzen legten die Prognosen zu hoch an

Bei Global Tech I hakt es auch aus anderen Gründen. Der Windpark in der Nordsee steht kurz vor der Fertigstellung der 80 Windmühlen mit einer Gesamtleistung von 400 Megawatt. Haupteigner sind die Stadtwerke München und zwei weitere regionale Energieversorger. Die gemeinsame Projektgesellschaft Global Tech I Offshore Wind hat Hochtief Anfang 2014 gekündigt, weil der Bau nicht planmäßig fortgeschritten sei. Mit der Fortführung wurde die dänische Fred. Olsen Windcarrier beauftragt.

Ursprünglich vereinbartes Vertragsvolumen waren 175 Millionen Euro. Nun streiten die Ex-Partner um Nachtragsforderungen, ein Schiedsverfahren läuft. Das könnte ein Grund sein, warum die verantwortlichen Manager aktuell von einem Verlust bei dem Projekt ausgehen.

Aber auch bei den Zukunftsprognosen für beide Projekte liegen ihre Einschätzungen um fast elf Millionen Euro unter denen der Vorgesetzten, geht aus der Mail hervor.

Käufer gesucht

Das gilt auch für Baltic II. Den Windpark mit ebenfalls 80 Mühlen und 288 Megawatt Gesamtleistung baut Hochtief mit seinen Spezialschiffen seit gut einem Jahr in der Ostsee, 32 Kilometer nördlich der Insel Rügen. Auftraggeber: der Energieriese EnBW, Auftragsvolumen: 191 Millionen Euro. Die Inbetriebnahme von Baltic II verschiebt sich wegen Verzögerungen bei einem Projektpartner, der das Umspannwerk baut, voraussichtlich bis April 2015. Aber sein Baltic-II-Part auf hoher See, erklärt Hochtief, „läuft planmäßig“.

Angesichts der Schwierigkeiten sucht Hochtief-Chef Fernandez einen Käufer oder Partner für seine leidende Offshore-Sparte. Das dürfte durch die Debatte um die Bewertung der Projekte und durch den Abgang der Top-Manager schwieriger werden.

Nicht nur in diesem Teil seines Europa-Geschäfts kann der ACS-Statthalter die Probleme nicht mehr kaschieren. Dem schrumpfenden Europa-Geschäft Hochtief Solutions mit derzeit noch 8600 Mitarbeitern hat Fernandez 2013 einen radikalen und umstrittenen Umbau verordnet. Im Juni vergangenen Jahres warnten vier Solutions-Top-Manager Fernandez per Brief, bei der „angestrebten Organisationsveränderung gehen wir davon aus, dass wir Schlüsselpersonal verlieren und somit laufende wie zukünftige Projekte gefährden“.

Auch diese vier Führungskräfte sind nicht mehr bei Hochtief. Der Brain Drain ist ungebrochen. Rund 50 hoch qualifizierte Führungskräfte wechseln in diesem Jahr allein zur österreichischen Porr-Gruppe, rund 25 zum Bremer Baukonzern Zech.

Weitere interne Schriftstücke belegen, dass das inzwischen zu chaotischen Zuständen führt. Jürgen Fath, Geschäftsführer der 5700 Mann starken Solutions-Einheit Hochtief Infrastructure, zu der auch die Offshore-Sparte gehört, schrieb Ende Juni Brandbriefe an Vorgesetzte und Mitarbeiter. Das Arbeitspensum auch infolge personeller Veränderungen, die „geplant wie auch nicht geplant“ waren, habe „ein inzwischen nicht mehr tolerierbares Ausmaß bei uns und unseren Mitarbeitern angenommen“. Und weiter: „Zufriedenstellende arbeitsvertragliche Regelungen“ seien „zu einem Großteil noch immer nicht getroffen“.

Die knapp gewordenen personellen Ressourcen der Niederlassungen ersticken laut Fath in Bürokratie und Eigenverwaltung. Berichtswesen und Audits erforderten „einen überproportionalen Zeitaufwand, da Systeme, Prozesse und Richtlinien nicht voll funktionsfähig bis nicht existent oder nicht bekannt“ seien.

Um Personalkapazitäten für das operative Geschäft freizuschaufeln, zieht Fath im Bereich Nordwesteuropa, für den er kommissarisch zuständig ist, die Reißleine: „Es werden keine Niederlassungsabschlüsse für Juli und August 2014 durchgeführt“, verfügt er und empfiehlt für den Streitfall: „Verweisen Sie auf mich als Verantwortlichen.“ Sogar die Erstellung des Quartalsabschlusses für September ist keine Selbstverständlichkeit mehr: Fath macht deren Umfang „abhängig von der bis dahin vorhandenen Prozessstabilität“.

Industrie



Jurist Maaß rät: „Hochtief muss sicherstellen, dass auf dieser Basis eine ordnungsgemäße Rechnungslegung überhaupt noch möglich ist.“

Fernandez hatte im Juli verkündet: „Die Division Hochtief Europe haben wir mit der weitgehend abgeschlossenen Restrukturierung von Hochtief Solutions auf einen erfolgreichen Weg gebracht.“

Die Hochtiefler erleben ihr Unternehmen offenbar ganz anders.

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