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Agco-Chef Richenhagen "Man ist wirklich am Lenkrad"

Einst war er Religionslehrer, heute ist Martin Richenhagen Chef des drittgrößten Landmaschinenherstellers der Welt. Der Agco-Chef über deutsche Wurzeln und amerikanische Freiheiten.

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Martin Richenhagen Quelle: Getty Images/Photohek/Ute Grabowsky

WirtschaftsWoche: Herr Richenhagen, seit zehn Jahren arbeiten Sie in den USA. Vor zwei Jahren haben Sie die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Warum?

Richenhagen: Als Staatsbürger sind meine Erbschaftsteuern geringer. Außerdem bin ich flexibler. Ich habe jetzt beide Staatsbürgerschaften und kann mich so lange ich will in der EU und in den USA aufhalten.

Also nur ganz praktische Gründe, keine emotionalen?

Es ist schon gut, wenn man als CEO einer US-Firma Amerikaner ist. Noch immer werde ich von Amerikanern beglückwünscht, wenn ich erzähle, dass ich die Staatsbürgerschaft bekommen habe.

Fühlen Sie sich eher als Deutscher oder als Amerikaner?

Früher habe ich mich als Europäer gesehen, heute eher als Weltbürger. Ich bin ja immer irgendwo in der Welt unterwegs. Im Süden der USA fühle ich mich sehr wohl, das Leben ist angenehm. Man muss nur akzeptieren, dass man nicht in einem mittelalterlichen Ambiente einkaufen geht, sondern in einer Mall.

Wann sich Top-Manager frei fühlen
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Stimmt das Bild von Amerika als Land der unbegrenzten Möglichkeiten?

Mir hat das Land viel geboten. Ich durfte hier zum ersten Mal ein börsennotiertes Unternehmen führen. Ich bin Chairman und CEO, also Vorstands- und Aufsichtsratschef in einer Person. Das ist sehr praktisch. Man ist wirklich am Lenkrad, kann gestalten. Wenn es nicht klappt, ist man allerdings schnell wieder weg, wie man bei den früheren deutschen Chefs von Blackberry oder SAP gesehen hat. Die durchschnittliche Haltbarkeitsdauer eines CEO hier ist zweieinhalb Jahre. In Deutschland ist es nicht so volatil.

Für Sie wurde der American Dream wahr. Als Religionslehrer gingen Sie in die Wirtschaft, heute sind Sie ein erfolgreicher Fortune-500-CEO. Wäre das auch in Deutschland möglich gewesen?

Das glaube ich schon. Es ist aber tatsächlich so, dass man in den USA offener ist für Menschen mit anderem Hintergrund. Unser deutscher Bäcker in Atlanta ist eigentlich Kfz-Mechaniker. So etwas haben Sie in Deutschland nicht, wo die Handwerksberufe strikt reglementiert sind. Der Nachteil hier ist, dass viele Handwerker keine Ahnung haben von dem, was sie tun.

Die stärksten Traktoren der Welt
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Finden Sie bei Agco genügend qualifizierte Mitarbeiter in den USA?

Man muss etwas genauer hinschauen als in Deutschland, wo die Mitarbeiter in der Regel ihr Handwerk beherrschen, wenn sie eine Ausbildung absolviert haben.

Der Börsenwert von Agco hat sich seit Ihrem Amtsantritt 2004 verfünffacht. Wäre das auch passiert, wenn Agco seinen Sitz in Deutschland hätte?

Das ist möglich, so unterschiedlich sind die Verhältnisse nicht. Aber die Aktienkultur in den USA hat uns sicherlich geholfen. In Zukunft werden die niedrigeren Energiekosten auch ein Vorteil sein. Eine Reihe ausländischer Unternehmen wollen deshalb hier ihre Kapazitäten ausbauen.

Sind auch die bürokratischen Hürden für Unternehmen in den USA niedriger?

Baugenehmigungen zum Beispiel bekommt man schneller. Es gibt insgesamt weniger Bürokratie, aber die Lage verschlechtert sich gerade: Die Steuern steigen, der bürokratische Aufwand auch, die Gesundheitsreform bringt zusätzliche Lasten für Unternehmen. Ich bin dafür, dass jeder Amerikaner eine vernünftige Krankenversicherung bekommt, aber das darf nicht zulasten der Unternehmen gehen. Insgesamt hat sich unter Präsident Barack Obama die Stimmung in der Wirtschaft verschlechtert. Amerika ist heute kein Niedrigsteuerland mehr. Und es gibt wenig Hoffnung, dass Washington die Probleme angeht, denn die Regierung ist weitgehend blockiert. Das liegt vor allem an den Tea-Party-Leuten, die lieber über Glaubensfragen streiten, als sich mit politisch wichtigen Dingen zu befassen. Man muss befürchten, dass das bis zur nächsten Wahl so bleibt.

Was amerikanische Unternehmen stark macht

Landwirtschafts-Trend Roboter

Die amerikanische Autogewerkschaft UAW, vergleichbar mit der IG Metall in Deutschland, hatte bislang nicht viel Einfluss im Süden der USA, wo auch Sie produzieren. Das ändert sich gerade. Sehen Sie das als Bedrohung für den Standort?

Ich bin grundsätzlich für die Mitbestimmung in den Betrieben. Die UAW allerdings hat durch ihre extremen Lohnforderungen maßgeblichen Anteil am Niedergang der Autoindustrie in Detroit. Ich glaube nicht, dass es ihr gelingt, sich im Süden so breitzumachen und einen ähnlichen Schaden anzurichten. Im eigenen Unternehmen haben wir drei verschiedene Gewerkschaften, allerdings sind da nicht solche Hardliner dabei wie die UAW. Unser Betriebsratsvorsitzender kommt aus einer katholischen Gewerkschaft. Es ist fast immer möglich, mit Gewerkschaften konstruktiv zusammenzuarbeiten. Das ist uns in den USA, in Deutschland mit der IG Metall und sogar in Frankreich gelungen.

Reagieren Wirtschaft und Gewerkschaften in den USA besser auf Krisen?

In Deutschland will man Probleme immer gründlich lösen, man diskutiert, lamentiert und ist deprimiert. Amerikaner suchen lieber pragmatisch nach Lösungen.

Und haben Sie sich als deutscher CEO die Gründlichkeit schon abgewöhnt?

Ich bin gründlich. Mein Schreibtisch ist immer aufgeräumt. So wurde ich erzogen. Die Frage ist allerdings, ob das immer hilfreich ist.

Was macht die US-Unternehmen neben Pragmatismus und Optimismus sonst noch stark?

Die Amerikaner profitieren von ihrem großen, einheitlichen Heimatmarkt, in dem Wachstum viel leichter ist, als wenn man in andere Länder expandieren muss. Sie haben viel leichteren Zugang zu Kapital. Eine Kapitalerhöhung ist in den USA eine leichte Übung, in Deutschland ist das noch etwas Besonderes. Die Amerikaner sind im Marketing besser als die Deutschen. Und sie sind stärker darauf ausgerichtet, Gewinne zu erzielen. Während Deutsche immer mit schicken Maschinen produzieren wollen, lassen Amerikaner alte Anlagen so lange laufen, bis sie auseinanderfallen. Das vermeidet unnötige Investitionen.

In Arbeit
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In Deutschland werden regelmäßige Dividenden-ausschüttungen erwartet, Unternehmen in den USA reinvestieren die Gewinne lieber. Ist das auch ein Grund für die Stärke amerikanischer Unternehmen?

Amerikanischen Aktionären reicht es meistens, wenn sich die Aktie gut entwickelt. Wenn man die Gewinne dann für das Unternehmen verwenden kann, ist das ein klarer Wettbewerbsvorteil.

Sie haben sich 2008 wochenlang Urlaub genommen, um an der Spitze der deutschen Dressurreiter-Equipe an den Olympischen Spielen in Peking teilzunehmen. So ein langer Urlaub ist sehr unamerikanisch. Wie kam das im Unternehmen an?

Ja, das ist sehr unamerikanisch. Aber ich hatte davor maximal fünf Tage Urlaub pro Jahr. Da war es gerechtfertigt, mal ein bisschen länger wegzubleiben.

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