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Aktionärstreffen Bayer gegen fast alle anderen

Bayer-Chef Werner Baumann Quelle: imago images

Es wird die wohl spannendste Hauptversammlung des Jahres. So viele Gegner haben sich selten gegen einen Konzern versammelt. Aktionäre, Umweltschützer, ein katholisches Hilfswerk und eine Gruppe junger Frauen klagen Bayer an. Dabei geht es längst nicht nur um Glyphosat.

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Als er von der Monsanto-Übernahme durch Bayer hörte, habe er seine Bayer-Aktien verkauft, erklärte Dirk Roßmann kürzlich der WirtschaftsWoche. Einen so hochverschuldeten Konzern wollte der erfolgreiche Drogerie-Unternehmer nicht in seinem privaten Aktien-Portfolio haben. Roßmann blieb damit das Schicksal anderer Bayer-Aktionäre erspart. Seit der Ankündigung der Monsanto-Übernahme im Jahr 2016 hat der einst wertvollste deutsche Dax-Konzern gut ein Drittel seines Börsenwerts verloren. Besonders in den vergangenen Monaten ging es rasant abwärts.

Krebskranke Amerikaner machen den Monsanto-Pflanzenwirkstoff Glyphosat für ihr Leid verantwortlich; Bayer wurde von zwei US-Geschworenenjurys in erster Instanz zu Millionenzahlungen verurteilt. Der Konzern weist die Vorwürfe zurück und hat Berufung eingelegt. Insgesamt sind nach jüngsten Zahlen in den USA 13.400 Klagen wegen Glyphosat anhängig.

Entsprechend groß ist der Redebedarf der Aktionäre. Die Hauptversammlung am Freitag in Bonn wird spannend – und für den Vorstand sehr ungemütlich. Etliche Aktionäre fordern, das Bayer-Führungsgremium um Vorstandschef Werner Baumann nicht zu entlasten. Bei dem Aktionärstreffen geht es jedoch längst nicht nur um Glyphosat.

Selten hat ein Konzern so viele Gegner versammelt: Umweltschützer werden das Bienensterben anprangern, das katholische Hilfswerk Misereor kritisierte bereits im Vorfeld den Verkauf angeblich hochgiftiger Pflanzen-Wirkstoffe in Lateinamerika, junge Frauen machen Bayer für heftige Nebenwirkungen bei Verhütungspillen verantwortlich. Bayer-Chef Baumann hält mit guten Zahlen dagegen. Im ersten Quartal 2019 sind Umsatz und Gewinn vor allem aufgrund der Monsanto-Übernahme kräftig gestiegen – der Umsatz legte um 42 Prozent, der bereinigte Betriebsgewinn (Ebitda) um 44 Prozent zu. Am Donnerstagvormittag legte die Bayer-Aktie um drei Prozent zu.

Ob das reicht, die durch die Glyphosat-Klagen verunsicherten Aktionäre zu besänftigen, die Milliarden-Belastungen für Bayer befürchten? Wohl kaum. Falls der Bayer-Vorstand am Ende der Hauptversammlung mit weniger als 80 Prozent der Stimmen entlastet wird, wäre die Reputation beschädigt, sagt Ingo Speich, einer der profiliertesten Aktionärsvertreter, der Nachrichtenagentur Bloomberg. Speich ist Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, einem der größten Anteilseigner von Bayer: „Wenn 20 Prozent der Aktionäre dagegen sind, ist das eine Menge.“

Dass sich ein Fünftel der Bayer-Aktionäre vom Bayer-Management abwendet, erscheint durchaus möglich. Nicht nur die Deka will Vorstand und Aufsichtsrat die Gefolgschaft verweigern. Auch die mächtigen US-Stimmrechtsberater ISS und Glass Lewis, die Aktionären Empfehlungen zum Abstimmungsverhalten geben, sprechen sich gegen eine Entlastung aus. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters will sich der größte Bayer-Aktionär, der Vermögensverwalter Blackrock, dem rund sieben Prozent der Bayer-Papiere gehören, entweder enthalten oder gegen eine Entlastung stimmen. Blackrock selbst nimmt dazu keine Stellung.

Christian Strenger, ein anerkannter Experte für gute Unternehmensführung („Corporate Governance“), will ebenfalls gegen die Entlastung votieren. Der langjährige Fondsmanager sieht in dem Monsanto-Deal „den größten und schnellsten Wertvernichter der Dax-Geschichte“. Mächtige Fonds wie Union Investment (Volks- und Raiffeisenbanken) und DWS (Deutsche Bank) haben noch nicht zu erkennen gegeben, wie sie abstimmen werden. Die DSW, eine Vereinigung von Kleinaktionären, fordert, die Abstimmung über die Entlastung zu verschieben.

Um ein peinliches Ergebnis der Abstimmung zu verhindern, hat sich Bayer entsprechend munitioniert. Der Vorstand habe die Monsanto-Übernahme sehr sorgfältig geprüft, erklärte Baumann bereits vor einigen Wochen, „schon ehe wir Monsanto angesprochen haben und erst recht danach“. Ein vom Aufsichtsrat in Auftrag gegebenes Gutachten der Kanzlei Linklaters kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass der Vorstand sowohl bei Abschluss der Übernahme-Vereinbarung im September 2016 als auch bei deren Vollzug rund zwei Jahre später seine rechtlichen Pflichten in jeder Hinsicht eingehalten habe. Was Glyphosat angeht, verweist Bayer auf rund 800 Studien, die besagen, dass der Pflanzen-Wirkstoff bei sachgemäßer Anwendung sicher sei. Auch sämtliche Zulassungsbehörden kämen zu diesem Ergebnis.

Doch es geht auf der Hauptversammlung längst um mehr als Glyphosat. Kritiker haben auch andere Geschäftsbereiche des Konzerns im Fokus. So kritisiert etwa das katholische Hilfswerk Misereor, das sich seit Jahren in Afrika, Asien und Lateinamerika engagiert, die gesamte Ausrichtung der Agrar-Sparte. „Die Nachhaltigkeitsversprechen von Bayer sind nur heiße Luft“, sagt Misereor-Referentin Sarah Schneider. „Für Lateinamerika hat Bayer sogar angekündigt, seine Pestizidverkäufe steigern zu wollen. Dort verkauft Bayer auch gefährliche Wirkstoffe, die in der EU längst verboten sind. Für den eigenen Profit kommt Bayer seiner Sorgfaltspflicht nicht nach und gefährdet Menschenrechte. Ohne ein deutsches Gesetz zur menschenrechtlichen Sorgfalt in Wertschöpfungsketten wird sich das Geschäftsverhalten des Konzerns nicht ändern.“

Bayer weist den Vorwurf, mit doppelten Standards zu arbeiten, entschieden zurück. Der Vorwurf, Bayer würde in Brasilien gefährliche Wirkstoffe verkaufen, die in der EU längst verboten sind, sei nicht gerechtfertigt, schreibt das Unternehmen auf Anfrage der WirtschaftsWoche. Für einen der genannten Wirkstoffe, Indaziflam, habe Bayer keine Zulassung in der EU beantragt. Auch die anderen Substanzen seien umfassend getestet, bei sachgerechter Anwendung sicher und in mindestens einem Land der OECD behördlich zugelassen. Durch die Übernahme von Monsanto habe Bayer sein Geschäft mit Saatgut und Pflanzenschutzmitteln in Lateinamerika deutlich vergrößert.

Deutliche Kritik gibt es auch an der Pharma-Sparte. Die Verhütungspillen von Bayer stehen schon länger im Feuer. „Risiko Pille“, ein Interessenverband thrombosegeschädigter junger Frauen wirft Bayer vor, nicht genügend über die Risiken zu informieren. So habe im Dezember 2018 die deutsche Zulassungsbehörde, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn vor einem erhöhten Risiko der Bayer-Pille Valette gewarnt. Auf der Internetseite der Bayer-Tochterfirma Jenapharm heiße es dagegen, das Risiko sei „unbekannt“.

„Die Informationen von Bayer an Anwenderinnen und Ärzte entsprechen den gesetzlichen Vorgaben“, erklärt Bayer dazu. Bei Valette seien die Fachinformationen an Ärzte im November 2018 geändert worden. Ebenso sei der Beipackzettel geändert worden: „Erfahrungsgemäß ist es so, dass man für die Umsetzung beim Beipackzettel immer etwas mehr Zeit benötigt. Dieser wird neu gesetzt und gedruckt und wird dann, sobald eine neue Charge produziert wird, den Packungen beigelegt. Wir bemühen uns immer, diese Änderungen schnellstmöglich umzusetzen.“

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