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AKW-Abschaltung in Japan Die Folgen des radikalsten Atomausstiegs der Welt

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Die Finanzsorgen der AKW-Betreiber sind immens

Benötigt Strom, vor allem für die Skyline bei Nacht - die japanische Hauptsstadt Tokyo. Quelle: dpa

Andere Firmen haben Sparpläne in der Schublade liegen und warten nur noch darauf, dass Wirtschaftsminister Edano die Rationierungspläne für die Sommermonate bekannt gibt. „Die Lage ist extrem ernst“, warnt Machiko Miyai, Energiesparbeauftragter bei Japans größtem Elektronikkonzern Panasonic in Osaka. Das Unternehmen wolle langsam wissen, ob es die Produktion verringern oder stilllegen muss. Auch Nachtarbeit sei eine Option.

Doch die Verteilung der Produktion auf andere Zeiten ist einfacher gesagt als getan. So verlegten im vergangenen Sommer die Fahrzeugbauer im Raum Tokio die arbeitsfreien Tage vom Wochenende auf Donnerstag und Freitag, um ihren Stromverbrauch besser zu verteilen. Diese Methode sei allerdings „ungesund“, meinte jetzt der Präsident des japanischen Automobilverbandes, Toshiyuki Shiga. Das verschobene Wochenende hatte die Familien der Mitarbeiter stark belastet. In diesem Jahr laufen die Autofabriken auf der Hauptinsel Kyushu Gefahr, nicht genug Strom zu erhalten. Denn wo Lexus, Nissan und Daihatsu im laufenden Geschäftsjahr 1,4 Millionen Fahrzeuge produzieren, beträgt der Atomstromanteil mehr als ein Drittel. Der Versorger Kyushu Electric will seine Kunden daher um eine freiwillige Verbrauchseinschränkung von fünf Prozent bitten.

Um dies zu vermeiden, wollen die Firmen mit eigenen Sparmaßnahmen den Verbrauch reduzieren. In einer Fabrik der Toyota-Tochter Kanto Autoworks im nördlichen Iwate hatten die Manager eine ungewohnte Verwendung für den „nervigen“ Schnee gefunden, wie Firmenchef Tetsuo Hattori sagte. Der Toyota-Ableger ließ 1500 Tonnen Schnee mit Planen abdecken und so kühl halten. Nun soll das Schmelzwasser im Sommer beim Kühlen helfen und so den Stromverbrauch senken. Und statt Rasenmäher fressen zwölf Ziegen die Grünflächen auf dem Werksgelände ab.

Atommeiler durch alte Thermalkraft und Gast ersetzen

Letztlich sind das jedoch Luxusprobleme, verglichen mit den Finanzsorgen der AKW-Betreiber. Früher bildeten sie das Fundament des japanischen Gempatsu Mura, das Nuklearkartell des Landes aus Beamten, Managern und Wissenschaftlern. Nun liegen die Versorger wegen der gestoppten Kettenreaktionen in ihren Reaktoren unter dem Sauerstoffzelt auf der Intensivstation. Ihnen droht ein Weiterleben als Zombies.

Kepco muss die Leistung von elf abgeschalteten Atommeilern durch alte Thermalkraftwerke und neue Gasturbinen ersetzen. Die Kosten für den Einkauf von Brennstoffen haben sich im Vergleich zum vergangenen Geschäftsjahr auf 7,3 Milliarden Euro verdoppelt, sodass Ende März das Geschäftsjahr mit einem Verlust von 2,4 Milliarden Euro abschloss. Die AKW-Baukosten sind zwar schon abgeschrieben. Doch die vorzeitige Schließung und der anschließende Rückbau der Anlagen könnten Kepco und die anderen Versorger ruinieren. Das Nettovermögen der Kepco-Muttergesellschaft ist in dem Jahr seit dem Atomdesaster um ein Fünftel auf elf Milliarden Euro geschrumpft – bei fast 52 Milliarden Euro Schulden. Das ist ein gefährliches Missverhältnis, weil die Nachfrage nach Elektrizität in Japan schrumpft. 2011 verkaufte der Konzern 3,3 Prozent weniger Strom als im Vorjahr.

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