Alstom-Übernahme Siemens kämpft um Klassenerhalt und buhlt um Alstom

Nach der Devise ‚Angriff ist die beste Verteidigung’ hat Siemens-Chef Joe Kaeser den Hut in den Ring geworfen. Er will verhindern, dass der französische Konkurrent Alstom in die Hände des mächtigen US-Konzerns GE fällt und den Münchnern somit praktisch vor der Haustür ein starker Widersacher heran wächst. Anders als vor zehn Jahren, als Siemens schon einmal nach dem damals kurz vor der Pleite stehenden Alstom-Konzern griff, scheint ein Gebot der Deutschen diesmal in Paris willkommen.

Die Baustellen im Siemens-Konzern
Seit 1. August 2013 steht der ehemalige Finanzvorstand an der Siemens-Spitze. Sein Vorgänger Peter Löscher hinterließ ihm einen Berg von Problemen. Der Konzern hat sich zu weit von seinen Kunden entfernt, ist unübersichtlich und bürokratisch geworden. Siemens blockiert sich selbst. Kaeser will Siemens wieder schlanker und schlagkräftiger machen. Der Umbau soll Einsparungen in Höhe von einer Milliarde Euro bringen. Quelle: dpa
Helme mit der Aufschrift
Kaeser will sich von der Einteilung des Geschäfts in vier Sektoren mit insgesamt 16 Divisionen verabschieden und stattdessen die Aktivitäten des Konzerns in acht oder neun Divisionen bündeln. Bisher gab es vier Vorstände für vier Sektoren: Siegfried Russwurm (Industrie), Hermann Requardt (Medizintechnik), Roland Busch (Infrastruktur) und Michael Süß (Energie). Energievorstand Michael Süß verlässt das Unternehmen. Auf ihn folgt Shell-Managerin Lisa Davis. Quelle: dpa
Süß wird vor allem vorgeworfen, dass er zu lange nur auf große Gaskraftwerke setzte. Siemens muss nun teuer zukaufen, um die Lücken im Produktportfolio zum Beispiel bei kleineren Gasturbinen zu füllen. Doch das ist nicht das einzige Problem. Quelle: dpa
Im Geschäft mit großen Windkraftanlagen für die Offshore-Parks auf See ist Siemens zwar Weltmarktführer, doch die Anbindung der Parks ans Stromnetz auf dem Land hat in der Vergangenheit immer wieder zu Problemen geführt. Für schlechte Presse beim Thema Windkraft sorgte zudem im Sommer 2013 ein Unfall in den USA. Im Siemens-Windpark Ocotillo in Kalifornien löste sich ein mehr als 50 Meter langes und elf Tonnen schweres Rotorblatt und fiel auf die Straße. Im April ereignete sich ein ähnlicher Unfall an einem Windrad im US-Staat Iowa. Siemens musste deshalb eine ganze Modell-Charge nacharbeiten, was den Konzern laut Insidern etwa 100 Millionen Euro gekostet haben soll. Der Imageschäden dürfte ungleich größer sein. Doch es zeigt bereits der berühmte Silberstreif am Horizont: Siemens wird 101 Turbinen für einen Meereswindpark in den Staaten liefern sowie deren Wartung übernehmen. Hinzu kommen 448 Anlagen an Land. Auftragsvolumen: rund 2,5 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Wenn Siemens-Chef Joe Kaeser gen Osten blickt, sieht er vor allem eins: großen Nachholbedarf. Von den Boomstaaten in Asien profitiert Siemens bisher nicht so stark wie andere Technologiekonzerne. Den Großteil seines Umsatzes erwirtschaftet Siemens in Europa, Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten. Diese Regionen stehen für 54 Prozent des Konzernumsatzes - allein acht Prozentpunkte davon erwirtschaften die Münchener in Deutschland. Auf dem amerikanischen Kontinent entstehen 27 Prozent des Umsatzes, davon 14 Prozentpunkte in den USA. Nur 19 Prozent des Umsatzes macht Kaeser in Asien und Australien. Quelle: REUTERS
Im Zuggeschäft reiht sich eine Panne an die nächste. Die Auslieferung der von Siemens produzierten ICEs verzögert sich nun schon über zwei Jahre. Die ersten von 16 ICE sind mittlerweile zugelassen, aber bisher nur für Fahrten auf dem deutschen Schienennetz freigegeben. Eigentlich sollten sie schon 2011 einsatzbereit sein. Dann tauchten Probleme mit dem Steuerungsprogramm der Züge auf. Einige Züge wurden geliefert, jedoch nicht in der bestellten Menge. Ein endgültiger Liefertermin für die restlichen Züge steht noch nicht fest. Quelle: dapd

Für die Münchner ist eine mögliche Übernahme von Alstom blanke Notwendigkeit. Denn im Verbund mit Alstom würde GE dem bedeutendsten deutschen Technologiekonzern gefährlich nahe kommen, vor allem beim Transport- und Energiegeschäft. Für Siemens kommt die Übernahmeschlacht zu einem heiklen Zeitpunkt. Zuletzt war das Unternehmen bei der Rendite und der Innovationskraft gegenüber Wettbewerbern wie GE und ABB zurückgefallen. Am 7. Mai will Kaeser sein Umbauprogramm vorlegen, mit dem er Siemens wieder ganz an die Spitze führen will. Jetzt wird man die Pläne wohl noch mal umschreiben müssen.

Zur Debatte stehen für die Deutschen offenbar eine komplette Übernahme Alstoms, aber auch eine Art Tausch: Siemens könnte von Alstom das Energiegeschäft übernehmen. Im Gegenzug erhielten die Franzosen von Siemens die Sparte mit den Hochgeschwindigkeitszügen und Lokomotiven. Das soll Kaeser in einem Brief an Alstom-Chef Patrick Kron geschrieben haben, aus dem die französische Zeitung „Le Figaro“ zitiert.

Frankreichs Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg lässt derweil keinen Zweifel daran, dass der französische Staat auch bei der Verhandlung über die Zukunft von privaten Wirtschaftsunternehmen das letzte Wort hat. "Angesichts der strategischen Bedeutung für die französische Industrie und Wirtschaft wird die Regierung nicht hinnehmen, dass eine wie auch immer geartete Entscheidung voreilig und ohne Kenntnis von Alternativen im Interesse der Nation getroffen wird", teilte Montebourg am Sonntagmittag mit.

Zwar ist der französische Staat seit 2006 nicht mehr an Alstom beteiligt. Doch Montebourg weiß auch, wo er die Daumenschrauben ansetzen kann: "Muss man daran erinnern, dass Alstom vor allem von öffentlichen Aufträgen und von der Unterstützung des Staates beim Export lebt? Die Regierung wünsche deshalb, dass Konzernführung und Aktionäre "sämtliche Angebote prüfen, die auf dem Tisch liegen". Er nennt das Siemens-Angebot als Möglichkeit, "zwei europäische Champions in den Sparten Energie und Transport zu gründen, einen unter der Führung von Siemens, und den anderen unter der Ägide von Alstom".
Dies entbehrt nicht einer guten Portion Ironie. Und zwar deshalb, weil Siemens schon einmal Interesse an einem Einstieg bei Alstom hatte, der französische Staat damals aber gegen die Münchner intervenierte.

2004 war das, als Alstom kurz vor der Pleite stand. Der damalige Wirtschafts- und Finanzministerminister und spätere Staatschef Nicolas Sarkozy rettete Alstom damals mit dem Einstieg des Staates und ließ Siemens abblitzen. Zwei Jahre später trat der französische Staat seinen Anteil mit Gewinn an den heimischen Mischkonzern Bouygues ab. Der hilft seither die nationalen Interessen an einem der letzten großen Aushängeschilder der französischen Industrie bewahren, möchte aber den fast 30 Prozent schweren Klotz am Bein loswerden.

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