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Analyse des Quartalsberichts Mehr als 50.000 Kläger gegen Bayer

Quelle: REUTERS

Der Bayer-Quartalsbericht zeigt: Der Leverkusener Konzern sieht sich Klagen von mehr als 50.000 Amerikanern gegenüber. Die betreffen nicht nur den umstrittenen Pflanzen-Wirkstoff Glyphosat.

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Es sind überraschend hohe Zahlen, die sich im hinteren Teil des aktuellen Bayer-Berichts zum zweiten Geschäftsquartal (April bis Juni) finden. Freude dürfte sie im Leverkusener Pharma- und Agrarkonzern kaum auslösen. In den USA (Stand: 17. August) klagen 24.300 Nutzer des Blutgerinnungshemmers Xarelto gegen Bayer; beim Verhütungsprodukt Essure sind es 17.000 Patientinnen, bei der hormonspirale Mirena 2700. Hinzu kommen noch 8700 Kläger im Zusammenhang mit dem Pflanzen-Wirkstoff Glyphosat.

Bei den Medikamenten führen die Klägerinnen und Kläger unerwünschte Nebenwirkungen wie lebensgefährliche Blutungen (Xarelto), Schmerzen, Gewichtszunahme und ungewollte Schwangerschaft (Essure) sowie eine Perforation der Gebärmutter (Mirena) an. Die Zahl der gerichtlichen Auseinandersetzungen dürfte noch zunehmen: „Mit weiteren Klagen ist zu rechnen“ heißt es dazu jeweils standardmäßig im Bayer-Quartalsbericht.

Von wirtschaftlicher Bedeutung für den Leverkusener Pharma- und Agrarkonzern ist vor allem Xarelto: Der Blutgerinnungshemmer ist das Spitzenprodukt von Bayer – zuletzt mit einem Jahresumsatz von 3,3 Milliarden Euro.

Die Zahl der Glyphosat-Kläger hat in den vergangenen Wochen sprunghaft zugenommen. Mitte August hatte ein kalifornisches Geschworenengericht die Bayer-Tochter Monsanto zu einer Straf- und Schadensersatzzahlung von 289 Millionen Dollar an einen schwerkranken Mann verurteilt, der den Pflanzen-Wirkstoff Glyphosat für seine Krebserkrankung verantwortlich macht.

Damals lag die Zahl der Klagen laut Monsanto bei 5200 Klagen. Ende August nannte Bayer-Chef Werner Baumann auf einer Investorenkonferenz bereits die Zahl von 8000 Klägern. Inzwischen sind es – Stand 27. August – 8700 Kläger. Auch hier gilt laut Bayer: „Mit weiteren Klagen ist zu rechnen.“

Bayer hält die Entscheidung des Gerichts für falsch und will, falls erforderlich, Berufung einlegen. Der Konzern hat angekündigt, sich in allen Glyphosat-Verfahren – etliche Prozesse werden noch folgen – „entschieden zur Wehr zu setzen.“ Angaben zu etwaigen Rückstellungen im Zusammenhang mit Glyphosat macht Bayer nicht. Der Konzern verweist lediglich darauf, dass Monsanto im „industrieüblichen Umfang“ versichert sei und „angemessene bilanzielle Vorsorgemaßnahmen für erwartete Verteidigungskosten“ getroffen habe.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Quartalsbericht:

Auch wenn diese wichtige Frage unbeantwortet bleibt – ansonsten lassen sich aus dem Bayer-Quartalsbericht drei wichtige Erkenntnisse herauslesen:

Monsanto hilft: Seit dem 7. Juni gehört Monsanto zu Bayer. Drei Wochen lang konnte der akquirierte US-Konzern somit noch zur Bayer-Quartalsbilanz beitragen. Von April bis Juni legte der bereinigte Bayer-Betriebsgewinn um 3,9 Prozent auf 2,3 Milliarden zu; der Umsatz stieg um 8,8 Prozent auf 9,5 Milliarden Euro – ein Anteil daran gebührt auch Monsanto. Da die Akquisition allerdings länger dauerte als gedacht, waren wesentliche Einnahmen und Gewinne von Monsanto bereits verbucht, ohne dass Bayer daran partizipieren konnte. Für den Agrarkonzern Monsanto ist vor allem das Geschäft im ersten Halbjahr entscheidend.

Pharma ist kein Selbstläufer: Jahrelang profitierte Bayer vor allem vom Pharmageschäft und neuen, erfolgreichen Medikamenten. Davon kann für das zweite Quartal keine Rede sein, da legte Bayer vor allem beim Agrargeschäft und in der Tierarznei-Sparte zu. Im lange erfolgsverwöhnten Pharmageschäft ist das bereinigte Betriebsergebnis dagegen gesunken. Bayer begründet dies mit höheren Ausgaben für Forschung, Marketing und Vertrieb. Es gab aber auch eine Mängelrüge der US-Zulassungsbehörde FDA für die Pharmaproduktion in Leverkusen. Weil Bayer daraufhin etwa Abläufe korrigieren musste, kam es zu Lieferausfällen beim Potenzmittel Levitra oder dem Blutdrucksenker Adalat Oros. Anfang des Jahres kündigte Bayer an, dass dadurch das Ergebnis mit rund 300 Millionen Euro belastet wird. Ein Blick in das Medikamenten-Portfolio macht zudem deutlich, dass bei vielen Präparaten die Umsätze schwinden – etwa bei Betaferon gegen multiple Sklerose oder das Krebsmittel Nexavar. Analysten fragen sich zudem, ob es Bayer gelingt, rechtzeitig genügen Nachschub heranzuschaffen, wenn in einigen Jahren die Patente der gegenwärtigen Top-Medikamente wie Xarelto oder Eylea (Augenkrankheiten) auslaufen.

Die Übernahme der rezeptfreien Medikamente vom US-Konzern Merck & Co. erweist sich zunehmend als Fehler: 2014 kaufte Bayer für 14,2 Milliarden Dollar ein ganzes Bündel an rezeptfreien Medikamenten vom US-Konzern Merck & Co.. Doch die Hoffnungen, die mit Präparaten wie der Fußpflege-Marke Dr. Scholl’s oder dem Sonnenschutzmittel Coppertone verbunden waren, entpuppten sich als viel zu groß; die meisten der zugekauften Marken scheinen das viele Geld nicht wert zu sein. Gut vier Jahre später leidet das Geschäft mit den rezeptfreien Mitteln noch immer, die zuständige Vorstandsfrau Erica Mann hat das Unternehmen inzwischen verlassen. Im zweiten Quartal 2018 ging der Umsatz weiter zurück. Im Portfolio sind es neben traditionellen Bayer-Marken wie Aspirin vor allem die einstigen Merck-Marken wie Claritin (Allergien) Coppertone oder Dr. Scholl’s, die für heftige Umsatzverluste sorgen.

Alles in allem hat Bayer einen eher durchwachsenen Quartalsbericht abgeliefert. An der Börse kamen die Zahlen nicht gut an – am Vormittag sank das Bayer-Papier um rund zwei Prozent auf 78 Euro.

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