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Areva pfuscht bei Reaktor-Bau Schwere Mängel am Pannen-AKW Flamanville

Das Reaktorprojekt EPF sollte der Atomkraft einen Aufschwung bescheren. Doch zahllose Pannen machen das Projekt zum Albtraum für die französischen Bauherren. Ein weiterer Konstruktionsfehler könnte nun das Aus besiegeln.

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Der neue Hochleistungsreaktor hat bereits Jahre Verspätung und Milliarden Mehrkosten angehäuft – nun kommt eine weitere Panne hinzu. Quelle: AFP

Paris Einen neuen Aufschwung der Atomkraft sollte der Europäische Druckwasserreaktor (EPR) einleiten, den Frankreichs Atomkonzern Areva entwickelt hat und im französischen Flamanville an der Kanalküste sowie in Finnland, Großbritannien, China und den USA baut. Nun könnte er stattdessen das Ende der Nuklearentwicklung Made in France einläuten.

Die Bauarbeiten sind um fünf Jahre im Verzug. Die Rechnung hat sich auf neun Milliarden Euro verdreifacht. All das wollten der Versorger EDF als Bauherr und der französische Staat hinnehmen. Doch in dieser Woche wurde bekannt, dass Areva offenbar beim Bau des Reaktordruckbehälters geschlampt hat, der das Herzstück eines jeden AKW ist.

Im Falle des EPR geht es um ein elf Meter hohes Stahltrumm mit fast fünf Metern Außendurchmesser, das über 500 Tonnen wiegt. Dieses Gefäß enthält die Brennstäbe, es muss Temperaturen von über 300 Grad und sehr hohem Druck standhalten. Es ist das einzige Bauteil, das nicht ausgetauscht werden kann. Deshalb muss es absolut zuverlässig sechzig Jahre lang den Reaktorkern einschließen.

Genau diese Sicherheit wird beim EPR von der französischen Atomaufsicht ASN angezweifelt: „Es gibt ernste, sehr ernste Anomalien am Druckbehälter des EPR“ sagte Pierre-Franck Chevet, Chef der ASN, am Donnerstag. Deckel und Bodenplatte des Gefäßes wiesen Unregelmäßigkeiten in der Zusammensetzung des Stahls auf. Die könnten zu Rissbildung führen. Bei ersten Tests hatte die ASN diesen fatalen Fehler festgestellt. Nun soll eine weitere Serie von Untersuchungen zeigen, ob sich die Defekte bestätigen. Sollte das geschehen, sind die Folgen für Chevet klar: „Entweder gibt EDF das Projekt auf, oder der Druckbehälter wird ausgetauscht, was hohe Kosten und mehrere Jahre Verzögerung bedeutet.“

Das potenzielle Desaster betrifft nicht Flamanville alleine. Insgesamt sind laut Aussage der ASN möglicherweise sechs von Areva gebaute EPR betroffen, auch in den USA, Großbritannien und China. Die dortigen Behörden habe man bereits informiert.


Auch Areva selbst droht das Aus

Areva hat in Frankreich ein eigenes Schmiedewerk für die Herstellung sehr großer Reaktorbauteile. Den elf Meter hohen Zylinder konnte man dort aber nicht fertigen. Diese Arbeit wurde nach Japan ausgelagert. Offenbar gibt es daran keine Mängel. Deckel und Boden stellte Areva aber selber her. Dabei hat der Atomspezialist wohl übersehen, dass der Spezialstahl nicht völlig homogen gegossen wurde. Die Unregelmäßigkeiten können im Betrieb, wenn bei 300 Grad Arbeitstemperatur kaltes Wasser eingespritzt wird und sehr hohe Spannungen auftreten, zu Rissen führen.

Nicht nur für den EPR könnte diese erneute schwere Panne das Aus bedeuten. Auch Areva droht nun das Ende. Der in Staatsbesitz befindliche integrierte Konzern, der von Uran-Minen über die AKW-Herstellung bis zur Wartung alles aus einer Hand liefert, ist nach mehreren Milliardenverlusten faktisch Pleite.

Der Staat selber möchte kein Kapital einschießen und drängt EDF dazu, einen großen Teil von Areva zu übernehmen, möglicherweise die komplette Reaktorsparte. Große Begeisterung löst die Idee bei EDF aber nicht aus: Das Unternehmen, nur noch zum Teil im Besitz der öffentlichen Hand, möchte sein Geld nicht in ein schwer angeschlagenes Konglomerat versenken.

Der gesamte Vorgang macht deutlich, wie weit Frankreich sich vom wirtschaftlich autoritären, atombegeisterten Land entfernt hat, das es vor einigen Jahren noch war. Damals wäre es undenkbar gewesen, dass die Atomaufsicht es sich anmaßt, mit harten Kontrollen ein nationales Milliardenprojekt infrage zu stellen. Doch heute hat die ASN eine beeindruckende Unabhängigkeit und Autorität errungen und kann es sich leisten, keinerlei Zugeständnisse bei der Sicherheit zu machen. Selbst wenn das kritische Folgen für ein Prestigeprojekt des Staates hat. Was beweist: Die Regierung ist nicht mehr allmächtig.

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