Arzneimittelgesetz Diese Kröte wollen Pillenproduzenten nicht schlucken

Tricksen, drohen, boykottieren – die Medikamentenhersteller kämpfen gegen das neue Arzneimittelgesetz, das sie als Innovationsbremse empfinden und das ihren Umsatz mindert.

Medikamente Quelle: dpa

Die Neunzigerjahre des vergangenen und die frühen Jahre dieses Jahrhunderts, das waren noch Zeiten für die Lobbyisten der deutschen Pharmaindustrie. Eine amtliche Positivliste mit nützlichen Pillen, die wirkungslose Präparate von der Verordnung durch die Ärzte weitgehend ausschloss – in den Hinterzimmern der Politik verhindert. Ein geplantes Spargesetz zulasten der Pharmabranche – 2004 bei einer Rotweinrunde mit Kanzler Gerhard Schröder gegen die Zahlung von 200 Millionen Euro an die Krankenkassen abgewehrt.

Ernüchtert klagte der frühere Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) damals, dass die Politik vor der Pharmaindustrie kapituliere und die Arzneimittelhersteller wichtige, sinnvolle Gesetze boykottierten.

Vorbei und vergangen. Aus den wirkmächtigen Pharmalobbyisten von gestern ist eine fast nur noch erfolglose Truppe geworden. Ein neues Arzneigesetz namens Amnog, das klar zulasten der Medikamentenindustrie geht, konnten sie ebenso wenig verhindern wie einen erhöhten Zwangsrabatt, den die Unternehmen an die Kassen abführen müssen. In ihrer Verzweiflung greifen die Hersteller und ihr Branchenverband VfA (Verband forschender Arzneimittelhersteller) schon mal zu Mitteln, die bis vor Kurzem noch als unschicklich galten. Sie benehmen sich wie Kinder, die beim Klauen von Bonbons erwischt wurden. Sie trotzen, tricksen und und drohen.

Kritische Prüfer

Bewertung ausgewählter Arzneien durch den gemeinsamen Bundesausschuss*
HerstellerMedikamentIndikationUrteil*
Astra-ZenecaBriliqueHerz/Kreislaufbeträchtlicher Zusatznutzen
Boehringer IngelheimTrajentaDiabeteskein Zusatznutzen
Merck & Co.VictrelisHepatitis CZusatznutzen
Janssen CilagIncivoHepatitis Cnicht quantifizierbarer Zusatznutzen
Janssen CilagZytigaProstatakrebsbeträchtlicher Zusatznutzen
SanofiJevtanaProstatakrebsgeringer Zusatznutzen
InterMumeEsbrietLungenicht quantifizierbarer Zusatznutzen
GlaxoSmithKlineTrobaltEpilepsiekein Zusatznutzen
* Selbstverwaltung der Ärzte, Krankenhäuser und gesetzlichen Kassen; Quelle: GBA; Unternehmen

Dreist, aber legal

„Einige Unternehmen stecken noch in den Schützengräben“, sagt Michael Hennrich, CDU-Bundestagsabgeordneter und Mitglied im Gesundheitsausschuss.

Den Auftakt für die neuen Kämpfe machte vor gut zwei Jahren etwa der Darmstädter Konzern Merck, der auf Medikamente gegen Krebs und multiple Sklerose spezialisiert ist. Auslöser war der damalige Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP). Der hatte zum August 2010 den Zwangsrabatt, den die Pharmaunternehmen den gesetzlichen Krankenkassen auf verschreibungspflichtige Medikamente einräumen müssen, von 6 auf 16 Prozent erhöht. Daraufhin ließ sich Merck eine besondere Chuzpe einfallen. Die Hessen erhöhten kurz zuvor, Mitte Juli, den Preis für ihr Krebsmedikament Erbitux und senkten den Preis zum 1. August wieder ab. Die Preissenkung ließ sich der Konzern sodann auf den Rabatt anrechnen. Das war dreist, aber legal. Nachdem die Aktion selbst beim Branchenverband VfA übel aufstieß, stellte Merck die umstrittene Praxis jedoch ein.

Die umsatzstärksten Medikamente der Welt
Platz 10: MabTheraDer Wirkstoff nennt sich Rituximab. Das Medikament wird für die Behandlung von Lymphomen eingesetzt. In der EU vertreibt Roche es unter dem Handelsnamen MabThera, in den USA heißt es Rituxan. 2013 brachte es rund 6,26 Milliarden Dollar ein. Das waren 5,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Bild: Roche Pharma AGDatenquelle: IMS Health Quelle: Presse
Platz 9: CymbaltaDer Wirkstoff dieses Medikaments heißt Duloxetin. Dabei handelt es sich um ein Mittel, das bei Depressionen und Angststörungen eingesetzt wird. Vermarktet wird es von Eli Lilly; der Firma spülte es im Jahr 2013 6,46 Milliarden Dollar in die Kassen - eine Steigerung um 13,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bild: Lilly Deutschland GmbH Quelle: Presse
Platz 8: RemicadeRemicade ist der Handelsname von Infliximab. Dabei handelt es sich um einen Antikörper, der das Immunsystem vielfach beeinflusst. Eingesetzt wird das Medikament vor allem gegen Rheuma-Erkrankungen. In Deutschland wird es von MSD vertrieben. 2013 erzielte es einen Umsatz von rund 7,68 Milliarden Dollar - 7,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Bild: MSD Sharp & Dohme GmbH Quelle: Presse
Platz 7: AbilifyOtsuka Pharmaceuticals vertreibt das Arzneimittel Aripiprazol unter dem Namen Abilify. Es wird zur Behandlung von Schizophrenie eingesetzt. Mit 7,83 Milliarden Dollar in 2013 landet es auf Rang sieben. Das entspricht einem um 14,6 Prozent höherer Umsatz als noch im Vorjahr. Foto: "Abilify bottle" by Eric Gingras, via Wikipedia Quelle: Creative Commons
Platz 6: NexiumDas Magenmittel von AstraZeneca mit dem Wirkstoff Esomeprazol  liegt im Mittelfeld bei den Top-Ten-Präparaten. Der Umsatz 2013 lag bei 7,86 Milliarden Dollar - ein Plus von 7,0 Prozent. Bild: AstraZeneca Quelle: Presse
Platz 5: Lantus Lantus wird von Sanofi-Aventis hergestellt. Es enthält "Insulin glargin" und wird zur Behandlung von Diabetes eingesetzt. Mit einem Zuwachs von 23,3 Prozent legte es die stärkste Steigerung innerhalb der Top Ten hin. Umsatz 2013: 7,94 Milliarden Dollar. Quelle: dpa
Platz 4: Enbrel7,95 Milliarden Dollar Umsatz (plus 8,7 Prozent) machte dieses Medikament von Pfizer. Der Wirkstoff Etanercept wird zur Behandlung von Rheuma und der entzündlichen Hautkrankheit Psoriasis eingesetzt. Quelle: AP

Zwangsrabatt bis 2013

Noch heute leiden die Pharmakonzerne unter dem Zwangsrabatt, der erst 2013 auslaufen soll – Unternehmen wie Bayer oder Merck soll dadurch jährlich ein zweistelliger Millionenbetrag entgehen. VfA-Chef Hagen-Pfundner, im Hauptberuf Deutschland-Chef des Medikamentenherstellers Roche, markierte vor einigen Monaten den starken Mann. „Wir behalten uns vor, gegen den Zwangsrabatt zu klagen, wenn mit uns der Dialog nicht geführt wird“, sagte Pfundner. Passiert ist seither freilich nichts.

Eher trotzig verhält sich auch der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim. Das Unternehmen aus dem rheinland-pfälzischen Ingelheim entschloss sich, sein neues Diabetesmittel – unter den Bedingungen des neuen Arzneigesetzes Amnog – gar nicht erst auf den Markt zu bringen.

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