Aufsichtsrat Einflussreicher Franzose für Siemens

Gerard Mestrallet, ein Top-Mann der französischen Industrie, wird am 23. Januar Aufsichtsratsmitglied im Münchner Technologiekonzern. Warum Mestrallet und Siemens eine ideale Kombination bilden.

Gerard Mestrallet wird noch diesen Monat Mitglied im Aufsichtsrat von Siemens Quelle: REUTERS

Siemens ist zu deutsch, das war die Erkenntnis von Siemens-Chef Peter Löscher und dessen Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, der zur Zeit stark befehdete Spitzenmanager im Zweitberuf Chefkontrolleur von ThyssenKrupp. Zur Hauptversammlung wird nun der 63-jährige Gerard Mestrallet berufen. Damit wird dem Kontrollgremium von Siemens ab Januar ein Top-Mann der französischen Industrie angehören, der Energiewirtschaft zumal, die in Frankreich eine viel größere Macht auf Politik und Establishment ausübt als dies in Deutschland je der Fall war.

Mestrallet ist Chef von GdF Suez. Das französische Unternehmen ist der drittgrößte Energieversorger der Welt. Mit 35 Prozent ist der französische Staat Hauptaktionär von GdF, der zweitgrößte Gasanbieter der Welt nach Gazprom.

Die Stärken und Schwächen des Siemens-Konzerns
Stärke 1: Solide Kapitalstruktur mit geringen Schulden - damit ist Siemens gut für einen Abschwung gerüstet. Die Nettofinanzverschuldung sank im Geschäftsjahr 2010/11 um zehn Prozent auf knapp fünf Milliarden Euro – bei Zahlungsmitteln in Höhe von 12,5 Milliarden Euro. So gut stand der Konzern seit Jahren nicht da. Quelle: dpa
Im Verhältnis zum Eigenkapital machen die Nettoschulden nur knapp 16 Prozent aus. Rechnet man die Finanzdienstleistungssparte heraus und addiert die Pensionsverpflichtungen hinzu, ergibt sich sogar ein Nettofinanzguthaben von 1,5 Milliarden Euro. Daher verwundert es nicht, dass die Ratingagenturen dem Siemens-Konzern Bonitätsnoten im Investmentgrade-Bereich zugestehen: Standard & Poor’s und Fitch vergeben ein Rating von A+, Moody’s von A1. Quelle: dapd
Aber auch die europäischen Konkurrenten weisen starke Bilanzen auf: Während Siemens – inklusive der Finanzsparte – eine Konzerneigenkapitalquote von 31 Prozent hat, kommen die beiden Unternehmen Philips und ABB ohne Finanztöchter sogar auf noch höhere Werte von 47 und 41 Prozent. Der US-Konzern General Electric hingegen erreicht inklusive der Finanzsparte lediglich eine Eigenkapitalquote von 16 Prozent. Bei Philips haben sich die Nettofinanzschulden im Jahr 2011 zwar erhöht. Ende September lagen sie bei 1,2 Milliarden Euro nach nur 80 Millionen im Vorjahr. In Relation zum Eigenkapital waren das aber nur neun Prozent. Quelle: dpa
Stärke 2: Neue Aufträge sorgen für stabile Umsätze. Die Zahlen sind beeindruckend: Zum Ende des Geschäftsjahres 2010/11 hatte Siemens einen Rekordauftragsbestand von 96 Milliarden Euro in den Büchern. In den Monaten davor waren neue Aufträge von 86 Milliarden Euro hinzugekommen. Damit stieg der Eingang im Vergleich zum Vorjahr um 16 Prozent und wuchs damit doppelt so schnell wie der Umsatz. Getrieben wurde das Auftragswachstum vor allem von den beiden größten Geschäftsbereichen Industrie und Energie. Quelle: dpa
Siemens profitierte in der Industriesparte vom kurzzyklischen Geschäft und vom größten Auftrag für Züge, den der Konzern jemals verzeichnet hat. In der Energiesparte legten sogar alle Divisionen zu. Siemens rechnet damit, etwa 40 Milliarden Euro der Aufträge bereits im laufenden Geschäftsjahr in Umsatz ummünzen zu können. Das bedeutet: Selbst wenn der Konzern 2012 keine neuen Aufträge mehr an Land ziehen würde, wäre schon mehr als der halbe Jahresumsatz in trockenen Tüchern. Zuletzt hat der Konzern einen Umsatz von 73,5 Milliarden Euro erzielt. Quelle: Reuters
Die hohen Auftragsbestände sind ein gutes Polster. Denn Finanzchef Joe Kaeser (rechts) hat vor Kurzem angedeutet, dass sich die schwache Konjunktur in Europa auf das Neugeschäft auswirkt. Ein ähnlich hoher Auftragseingang dürfte 2012 daher kaum zu erreichen sein. Quelle: Reuters
Stärke 3: Hohe Liquidität ermöglicht Milliarden-Investitionen. Siemens hatte gegenüber den Konkurrenten zuletzt einen entscheidenden Vorteil – den hohen operativen Cash-Flow. Zwar ging dieser im Vorjahresvergleich etwas zurück. Gleichwohl hat das Unternehmen mehr Spielraum für Investitionen als seine wichtigsten Konkurrenten. Kein vergleichbarer Konzern schafft es, so viel Umsatz in tatsächlichen Mittelzufluss umzumünzen wie der bayerische Traditionskonzern. Die Cash-Flow-Umsatzrendite von Siemens lag zuletzt bei elf Prozent. Quelle: dapd

GdF-Suez greift deutsche Gasversorger an

Der französische Staat als Ankeraktionär macht Mestrallet zu einem ausgesprochen politischen Vorstandschef mit enger Bindung an den Elysee-Palast. GdF-Suez plant unter seinem Chef weit mehr als in die Gasversorgung auch in Deutschland einzusteigen, wo bisher E.On Ruhrgas der bestimmende Faktor war. Diese Rolle will Mestrallet dem bisherigen Platzhirschen streitig machen. Der Franzose will auch in Großbritannien Kernkraftwerke bauen, zusammen mit dem französischen, staatlichen Stromkonzern EdF, mit dem Mestrallet zusammen das Atom-Joint-Venture NuGen für den Bau von Atomkraftwerken in England gegründet hat.

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GdF Suez will weiter wachsen. So hat GdF im April vergangenen Jahres die britische International Power geschluckt, Kaufpreis: 8,4 Milliarden Euro. Mit dem britischen Energieunternehmen im Boot will Mestrallet nun in Schwellenländer investieren, um dort die Energieinfrastruktur zu verbessern. Dasselbe hat Siemens vor.

Mestrallet und Siemens bilden also auch eine ideale Kombination, mit der Ausnahme allerdings, dass Siemens allen Atomgeschäften abgeschworen hat. Aber bei den konventionellen Turbinen ist Siemens zusammen mit General Electric nach wie vor Weltmarktführer. Mit einem so einflussreichen französischen Manager wie Mestrallet im Aufsichtsrat wird der Rückenwind für die Münchner weitaus kräftiger.

Vorbild für Löscher kann Mestrallet allemal sein: Denn Siemens soll nicht nur weniger deutsch sein, was mit Mestrallet ein Stück weit erfüllt wurde, sondern auch weniger „männlich“, wie der Siemens-Chef forderte. Auch da kann er von Mestrallet lernen: Der GdF-Suez-Chef hat eine Frau als Finanzchefin an seiner Seite. Isabelle Kocher sorgt dafür, dass GDF flüssig bleibt für seine ehrgeizigen Expansionspläne.

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