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Aufsichtsrat-Entscheidung Thyssenkrupp gibt Vorstandschef Kerkhoff den Laufpass

Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff soll gehen Quelle: dpa

Nach etwas mehr als einem Jahr erlebt der strauchelnde Traditionskonzern Thyssenkrupp wohl den nächsten Wechsel an der Führungsspitze. Guido Kerkhoff soll seinen Hut nehmen. Überraschend ist vor allem der Zeitpunkt.

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Es ist noch gar nicht allzu lange her, da witzelte Thyssenkrupp-Vorstandschef Guido Kerkhoff noch in einem Interview über seinen fiktiven Rauswurf. Dieser stand damals noch nicht zur Debatte, zumindest nicht öffentlich. Im Gespräch mit dem „Spiegel“ redete er im Scherz seine eigene Bilanz mies: „Der Kerl ist schon acht Jahre da, hat den Umschwung nicht geschafft und alle alten Entscheidungen mitgetragen, dazu ist er ein trockener Finanzer, und jetzt muss er schon wieder die Strategie ändern.“

Nun könnte ihm das Scherzen vergangen sein. Kerkhoff soll nach dem Willen maßgeblicher Aufsichtsräte nach etwas mehr als einem Jahr an der Spitze des Konzerns schon wieder gehen. Der Personalausschuss des Aufsichtsrats habe dem Aufsichtsrat empfohlen, mit Kerkhoff „Verhandlungen über eine zeitnahe Beendigung seines Vorstandsmandates aufzunehmen“, wie der Industriekonzern am Dienstagabend überraschend in Essen mitteilte.

Gründe für den ungewöhnlichen Schritt wurden zunächst nicht genannt. Dem Vernehmen gab es zuletzt auch unterschiedliche strategische Vorstellungen. Das Aufsichtsratspräsidium habe sich neue Führungskräfte gewünscht. In der Mitteilung der Thyssen AG hieß es: Die im Mai 2019 angekündigte und vom Aufsichtsrat einstimmig beschlossene Neuausrichtung des Konzerns werde konsequent fortgesetzt.

Anstelle von Kerkhoff soll Aufsichtsratschefin Martina Merz für bis zu zwölf Monate als Vorstandschefin einspringen. Die ehemalige Bosch-Managerin führt erst seit Februar das Kontrollgremium. Sie hatte rasch klar gemacht, dass sie Kerkhoff genau auf die Finger schauen werde.

Kerkhoff steht erst seit Mitte Juli 2018 an der Spitze des Industriekonzerns. Er hatte eigentlich einen Vertrag bis 30. September 2023. Der einstige langjährige Finanzvorstand Kerkhoff sollte Thyssenkrupp nach dem turbulenten Abgang des früheren Vorstandsvorsitzenden Heinrich Hiesinger wieder stabilisieren. Hiesinger hatte nach Differenzen mit Investoren hingeworfen. Von Anfang an stand Kerkhoff unter Beschuss. Nach mehreren Strategiewechseln und Prognosesenkungen hatte er zuletzt immer mehr an Vertrauen im Markt verloren.

Nun steht mit Kerkhoffs Abgang erneut ein Wechsel in der Führung des 200 Jahre alten Konzerns an. Und das in einer Zeit, in der Thyssenkrupp alles andere als glänzt. Kerkhoff muss für das Ende September endende Geschäftsjahr 2018/19 einen hohen Verlust ausweisen. Zudem zählt Thyssenkrupp seit einigen Tagen nicht mehr zu den 30 wertvollsten Börsenunternehmen in Deutschland. Der Essener Industrie- und Stahlkonzern musste wegen seines drastisch gesunkenen Aktienkurses den Dax verlassen. Ersetzt wurde der Traditionskonzern in dem Leitindex durch den Triebwerksbauer MTU.

Thyssenkrupp steckt seit langem in der Krise. Die Finanzdecke ist dünn – auch eine Folge von milliardenschweren Fehlinvestitionen in Stahlwerke in Brasilien und den USA. Die als Befreiungsschlag geplante Stahlfusion mit dem indischen Konkurrenten Tata wurde von der EU untersagt. Kerkhoff sagte daraufhin auch die Aufspaltung des Konzerns in zwei eigenständige Unternehmen ab.
Kerkhoff versprach „ein grundlegend neues Thyssenkrupp“, mit einer schlanken Holding an der Spitze und deutlich eigenständigeren Sparten. Dafür stellte er mehrere Geschäfte zu Disposition. Die Geschäftsbereiche mit Grobstahl, mit Federn und Stabilisatoren und der System Engineering kamen auf den Prüfstand. Und Kerkhoff dachte laut über einen Börsengang der lukrativen Aufzugssparte nach, um Geld in die leeren Kassen zu bekommen. Ihr Wert wird von Analysten deutlich höher eingeschätzt als der des gesamten Konzerns mit seinen weltweit rund 160.000 Mitarbeitern.

„Wichtig ist, dass wir den Konzern jetzt neu und profitabler aufstellen, um so das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen“, hieß es kürzlich noch bei Thyssenkrupp. Ein Teil des Projekts „Vertrauen zurückgewinnen“ war der jüngst angestoßene Konzernumbau, der den Industrieriesen für die Zukunft vorbereiten sollte. Kosten sollten sinken und im Zuge dessen auch 6000 Arbeitsplätze gestrichen werden, davon 4000 in Deutschland.

Es gelte die Devise „jetzt oder nie“, sagte Kerkhoff im Frühjahr den Thyssenkrupp-Mitarbeitern.

Passiert ist in Essen in den vergangenen Monaten aber vergleichsweise wenig. Vermutlich auch deshalb dürfte die Kritik und die Unzufriedenheit mit Kerkhoff immer weiter gewachsen sein. Das Vertrauen in den Mann auf dem Chefposten scheint nunmehr erschöpft. Dass Kerkhoff gehen muss, dürfte nur noch eine Formsache sein, auch wenn es bislang heißt, „der Aufsichtsrat wird zeitnah in einer außerordentlichen Sitzung über die Empfehlungen des Präsidiums und des Personalausschusses beraten und entscheiden.“

Mit Material von dpa und Reuters

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