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Autobauer Chipmangel: Aus Engpass wird Dauerproblem

Die Lieferkrise bei Mikrochips trifft die Autoindustrie immer härter. Quelle: dpa

Das Fehlen wichtiger Mikrochips sorgt für weitere Produktionsausfälle und Kurzarbeit im VW-Stammwerk. Es dürfte auch dazu führen, dass Fahrzeuge noch teurer werden. Dabei ist das Preisniveau schon recht hoch.

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Die Lieferkrise bei Mikrochips trifft die Autoindustrie immer härter und macht sich zunehmend auch im Geldbeutel der Verbraucher bemerkbar. Weil weniger Fahrzeuge produziert werden und auf den Markt kommen, gibt es weniger Rabatte, analysiert der Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer. Ein typischer Neuwagen sei im August und September für den Kunden im Schnitt um 360 Euro teurer geworden. Ohnehin ist das Niveau wegen der verknappten Gesamtmenge schon ziemlich hoch. Noch stärker ziehen die Preise im angespannten Gebrauchtwagengeschäft an.

Aufseiten der Hersteller hinterlässt der stellenweise leer gefegte Zuliefermarkt für Halbleiterteile - Grundlage aller in modernen Autos verbauten Elektronik - inzwischen bedrohliche Spuren. Bei VW etwa kümmert sich rund um die Uhr eine „Taskforce“ um den Einkauf noch erhältlicher Chargen. Doch gleichzeitig fallen auch hier weiterhin Produktionsschichten über ganze Wochen aus. So teilte Europas größter Autokonzern am Mittwoch mit, bis Mitte Oktober am Stammsitz Wolfsburg überwiegend Kurzarbeit fahren zu müssen, nicht zum ersten Mal.

Das Paradoxe: Der anhaltende Teilemangel bei den Anbietern trifft auf eine Nachfragesituation, die eigentlich kaum besser sein könnte. Nach aufgeschobenen Investitionen in den schwersten Corona-Monaten trauen sich viele Privatkunden und Unternehmen wieder die Anschaffung langlebiger Güter wie Autos zu. Doch die Hersteller können längst nicht so viel ausliefern, wie theoretisch möglich wäre, weil ihnen Mikrochips fehlen. „Halden“ mit halb fertigten Autos und Lastwagen bilden sich bereits auf einigen Werkshöfen und Abstellflächen.

Dudenhöffer erwartet keine baldige Änderung der Preisentwicklung. „Auch in den nächsten Monaten müssen Neuwagenkäufer mit sinkenden Rabatten rechnen“, schätzt er. Wer auf einen Gebrauchtwagen ausweichen will, hat es kaum leichter: Im Juli und August wurden typische dreijährige Gebrauchte rund zweieinhalb Prozent teurer, wie aus Zahlen des Marktbeobachters Deutsche Automobil Treuhand (DAT) hervorgeht. Neuere Daten liegen noch nicht vor, aber man geht von einem weiteren Anstieg aus. „Der Gebrauchtwagenmarkt erlebt derzeit einen Höhenflug bei den Preisen“, berichtet ein DAT-Sprecher.

Der Chipmangel trägt dabei ebenfalls eine Mitschuld. Denn durch die Lieferengpässe steigen viele Neuwagen-Interessenten auf einen jungen Gebrauchten um - und treffen teils auf einen leer gekauften Markt. „Junge Gebrauchte sind häufig Mangelware, da wegen der Pandemie weniger Neuwagen gebaut und zugelassen wurden“, heißt es bei der DAT. Vor allem fehlten momentan Firmenwagen, Vermieterfahrzeuge und Kurzzulassungen, die normalerweise dieses Marktsegment auffüllen.

Zumindest für den Autohandel sei die aktuelle Entwicklung aber ein „positives Signal“. Während der coronabedingten Schließungen hätten Gebrauchtfahrzeuge dort lange gestanden, was hohe Kosten verursacht habe. „Der Handel braucht diese Erlöse“, erläutert der DAT-Sprecher.



Eine schnelle Entspannung auf dem Gesamtmarkt ist indes nicht zu erwarten. Dafür bräuchte es deutlich mehr fertiggestellte Wagen. Zahlen des Münchner Ifo-Instituts vom Mittwoch zufolge klagen 96,7 Prozent der Unternehmen in der Autoindustrie über Lieferengpässe.

Im Neugeschäft sind auch Anbieter wie BMW und Mercedes-Benz oder die Nutzfahrzeugsparten von Volkswagen und Daimler betroffen. Nach vorschnell gekündigten Verträgen mit Chipproduzenten oder gekappten Volumina in der Corona-Verkaufsdelle Mitte 2020 fehlen ihnen jetzt vielerorts dringend benötigte Teile. Verschärfend hinzu kommen eigene Kapazitätsengpässe der Halbleiterindustrie in Asien und den USA.

Mehr zum Thema: Nach der Autoindustrie erfasst die Chipkrise nun Hersteller von Unterhaltungselektronik, Haushaltsgeräten, Kreditkarten – und Betreiber systemrelevanter Infrastruktur. Spätestens an Weihnachten werden das die Konsumenten auch direkt zu spüren bekommen.

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