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Autoindustrie Europas neue Patchwork-Konzerne

Ohne Kooperationen geht in der Autobranche nichts mehr, alle suchen nach Partnern. Weltmeister in dieser Disziplin ist Peugeot. Doch der französische Konzern zeigt zugleich, dass Allianzen nicht alle Probleme lösen.

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Allianzen der Autokonzerne sollen den Erfolg in Europa bringen.

Genf Wenn die Zusammenarbeit von General Motors und PSA Peugeot Citroën eine Patchwork-Familie wäre, dann ist Opel das Sorgenkind. Während General Motors den höchsten Gewinn der Firmengeschichte eingefahren hat, musste Opel zuletzt erneut einen Verlust von 747 Millionen US-Dollar ausweisen. „Wir stehen zu Opel und Vauxhall“, betont GM-Vizepräsident Stephen Girsky öffentlich - und kann doch seine Ungeduld nicht verhehlen. „Ich würde auch gerne wissen, wann wir den Break-Even-Point in Europa erreichen. Das frage ich Herrn Stracke jeden Tag.“

Die Kooperation mit dem französischen Autobauer PSA Peugeot Citroën soll nun die Wende einleiten. Vor allem bei Entwicklung und Einkauf will GM-Vize Girsky die Kosten senken: „Wir erwarten, durch Synergien bis zu eine Milliarde Dollar einzusparen.“ In den kommenden zehn Jahren sollen vier neue Modelle gemeinsam entwickelt werden. Das erste davon könnte 2016 zu den Händlern kommen. Wenn keine der beiden Seiten kündigt, verlängert sich die Kooperation automatisch um drei Jahre.

Die Kooperation von GM und PSA ist derzeit nicht das einzige Treueversprechen unter Konkurrenten. Denn die Autohersteller haben ein Problem: Der europäische Automarkt stagniert, wer weiter Gewinne schreiben will, muss sich international nach neuen Kunden umsehen und in Europa Kosten sparen. Damit dieser Spagat gelingt, müssen die Hersteller kooperieren. Fiat-Chef Sergio Marchionne buhlt darum seit Jahren um neue Bündnispartner. Er hat erkannt, dass die Übernahme von Chrysler nicht ausreichen wird, um auf Dauer erfolgreich zu sein. Auch Daimler und Nissan-Renault haben ihre Kräfte gebündelt.

PSA gilt schon heute als als Weltmeister der Kooperation. Seit mehr als 35 Jahren arbeiten die Franzosen mit Partnern zusammen. Gemeinsam mit Toyota haben sie mehr als 1,2 Millionen Kleinwagen gebaut, zusammen mit Ford über 17 Millionen Dieselmotoren, bei Motoren und Getrieben machen sie seit 1966 gemeinsame Sache mit dem nationalen Rivalen Renault, bei leichten Nutzfahrzeugen mit Fiat, bei Geländewagen (SUVs) mit Mitsubishi. Doch die Liaison mit GM könnte zu einer gefährlichen Liebschaft werden.

Denn die neue Zusammenarbeit birgt auch Risiken. „Die Kooperation mit PSA ist nicht die ultimative Lösung für alle Probleme, aber sie ist ein Teil der Lösung.“, sagt Girsky. Es sei ein langer Prozess, der nicht an einem einzigen neuen Produkt festgemacht werden könne. „Es wird keinen Big Bang für Opel geben“.

Viele Experten sagen voraus, dass die strategische Partnerschaft vor allem den Franzosen nutzen dürfte. Dazu reicht ein Blick auf die Marktmacht: Während der US-Konzern schon jetzt der global absatzstärkste Autobauer ist, schaffen es die Franzosen lediglich zur Nummer acht weltweit. Nur im schwächelnden europäischen Markt erreichten sie mit 3,5 Millionen verkauften Autos im vergangenen Jahr Rang zwei - das ist zu wenig um international mithalten zu können..

Durch den gemeinsamen Einkauf und die Plattformentwicklung dürften sich die Franzosen stärker verbessern wird als die ohnehin schon international gut aufgestellten Amerikaner. Die Franzosen können die Einsparungen dringend gebrauchen, denn im vergangenen Jahr haben sie im Autogeschäft einen Verlust von fast 100 Millionen Euro erwirtschaftet, weshalb nun eine Milliarde Euro eingespart werden sollen und 6.000 Stellen wegfallen werden. Auch die Präsenz im Premiumsegment könnte mit der GM-Plattform „Epsilon“ gestärkt werden, auf der Opels Flaggschiff Insignia gebaut wird. 

PSA hat mit Kooperationen viel und im Gegensatz zu GM überwiegend positive Erfahrung. Die Franzosen arbeiten seit mehr als 35 Jahren mit Partnern zusammen. Gemeinsam mit Toyota haben sie mehr als 1,2 Millionen Kleinwagen gebaut, zusammen mit Ford über 17 Millionen Dieselmotoren, bei Motoren und Getrieben machen sie seit 1966 gemeinsame Sache mit dem nationalen Rivalen Renault, bei leichten Nutzfahrzeugen mit Fiat, bei Geländewagen (SUVs) mit Mitsubishi. 


Opel und Peugeot bleiben Konkurrenten

Eifersüchteleien anderer Partner hat PSA wohl nicht zu befürchten. Kooperationspartner BMW, mit denen die Franzosen die Produktion von Vierzylinder-Ottomotoren und neuerdings Hybridantriebe gemeinsam aufbauen, hat bereits betont, dass die Zusammenarbeit von der neuen Allianz nicht berührt werden

Auch PSA-Markenchef Frédéric Saint-Geours sieht auch keine Auswirkungen auf andere Partnerschaften seines Konzerns. Die Allianz mit GM, die auch eine siebenprozentige Beteiligung der Amerikaner an den Franzosen einschließt, sieht er als Reaktion auf Konzerne wie Volkswagen, die global das komplette Produktportfolio anbieten. 

Schon jetzt stecken die Franzosen die Grenzen einer Partnerschaft deutlich ab. Bei aller Kooperationsbereitschaft von PSA habe alles auch seine Grenzen, sagt Saint-Geours im Gespräch mit Handelsblatt Online und zwar dann, wenn es „zu vielfältig und zu umfassend“ wird. Eine gemeinsame Produktion oder gar einheitliches Design schleißt er deutlich aus und betont, dass es kein Problem sei, dass „wir Konkurrenten von Opel sind“. 

Die jeweiligen Schwierigkeiten, nämlich vor allem die Überkapazitäten, müsse jeder der Partner selbstständig lösen. Die Fabriken von Opel sind derzeit nur zu rund drei Viertel ausgelastet, die von PSA zu nicht einmal zwei Drittel.

PSA muss deshalb seinen Absatz außerhalb des von der Schuldenkrise geschwächten Europas erhöhen. Liegt der Anteil der außerhalb des alten Kontinents verkauften Autos derzeit bei 42 Prozent, will Saint-Geours ihn bis 2015 auf 50 Prozent steigern und bis 2020 auf zwei Drittel. Wachsen will er vor allem in China, Südamerika und Russland. Mit Blick auf das Reich von Wladimir Putin sagt er: „Vielleicht können wir dort von der Allianz mit GM profitieren.“ Wie genau, könne er aber noch nicht sagen.

PSA braucht stattdessen für die Allianz mit GM eine Kapitalspritze von einer Milliarde Euro. Um Investoren dafür zu begeistern, werden die neuen Aktien mit einem satten Nachlass von 42 Prozent zum Schlusskurs vom Montag angeboten. Die Transaktion soll bis zum 21. März über die Bühne gehen. Die Peugeot-Familie und GM - für die Amerikaner ist der große Rabatt von Vorteil - haben sich verpflichtet, jeweils 31 Prozent der neuen Papiere zu zeichnen. GM soll dann künftig mit sieben Prozent an PSA beteiligt sein.

Bei Opel werden dagegen bis zum Sommer Vereinbarungen weitere Einsparungen erwartet. Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke betonte, er führe derzeit Gespräche mit den Gewerkschaften „an allen Standorten“. Über Expansionspläne können die Rüsselsheimer nicht einmal spekulieren. Trotz massiver Kritik erteilt Girsky einer Expansion von Opel nach Asien eine weitere Absage. „Das mag der deutschen Exportdenkweise entsprechen, doch mit unserer GM-Plattform-Strategie machen wir das anders. Auto XY basiert auf der gleichen Plattform wie beispielsweise ein Opel Astra, aber wir nennen es nicht Opel.“

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