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BASF Konzernchef Bock will säen und ernten

Die Strategie von Kurt Bock nimmt Konturen an: mehr Gen-Pflanzen, mehr Geschäft mit Elektroautos. Heute gab der BASF-Konzernchef seine ehrgeizigen Wachtumsziele bekannt.

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BASF-Chef Kurt Bock Quelle: Laif

Per Video-Blog hatte BASF-Chef Kurt Bock seine weltweit über 109 000 Mitarbeiter schon im Frühjahr vorgewarnt: „Seien Sie nicht erstaunt, wenn Sie plötzlich in den nächsten Monaten Besuch von mir bekommen.“

Der 53-jährige Westfale steht für knochentrockenen Humor und seit Mai dem weltgrößten Chemiekonzern vor – Dienstsitz ist Ludwigshafen. Zuvor hatte Bock, unter anderem zuständig für das Nordamerika-Geschäft, häufig vom US-Hauptquartier in Florham Park, New Jersey, aus für die BASF gearbeitet.

Um andere Standorte wieder besser kennenzulernen, brach er ab Juni als frisch bestellter Konzernchef zu einem Marathon quer durch das BASF-Welt auf: zu Niederlassungen in der Schweiz, Frankreich, Polen, Italien und Russland, schließlich nach China, Korea, Singapur, Indien und Brasilien.

Zurück in Ludwigshafen, nach vielen Gesprächen mit den Top-Managern, verkündete Bock heute, welche Schlüsse er aus seiner Erkundungstour zieht. Vor allem setzt sich der BASF-Chef ehrgeizige Wachstumsziele. Den Umsatz des Konzerns will er von derzeit 64 Milliarden Euro (2010) auf 115 Milliarden Euro im Jahr 2020 steigern. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) soll sich von aktuell elf Milliarden Euro auf 23 Milliarden Euro im Jahr 2020 verdoppeln.

Zudem setzt der promovierte Betriebswirt auf neue Schwerpunkte und baut etwa das BASF-Engagement bei der Züchtung von Genpflanzen und der Fertigung von Batteriematerialien für Elektroautos deutlich aus. Ebenso sieht er Chancen im wachsenden Geschäft mit Windkraftanlagen, für die die BASF etwa Kleb- und Kunststoffe liefert, und bei der Wasseraufbereitung, etwa mit neuartigen Membransystemen.

Bock setzt stark auf das Thema Nachhaltigkeit und Innovation. Was zukunftsfähige Lösungen und gute Geschäfte verspricht, wird ausgebaut. Die BASF will am Auto der Zukunft mitbauen und mit Gentechnik den Bauern bessere Ernten bescheren.

Düngemittel-Geschäft verkauft

Genkartoffeln der Sorte Amflora des Chemiekonzerns BASF Quelle: dapd

BASF-Forscher haben gerade die Zulassung für eine gentechnisch veränderte Speisekartoffel namens Fortuna beantragt. Die Proteste dürften nicht lange auf sich warten lassen und noch heftiger ausfallen als bei der Genkartoffel Amflora – einer weiteren BASF-Züchtung, aus der sich Stärke gewinnen lässt, die etwa Garn reißfester und Papier glänzender machen soll.

Umgekehrt hat der Chemiekonzern damit begonnen, sich – zu großen Teilen – von Standardprodukten wie Düngemitteln und Styrolkunststoffen zu trennen. Die Düngemittelaktivitäten, einst ein Kerngeschäft, verkaufte Bock vor wenigen Wochen an das russische Unternehmen Eurochem.

Die Styrolkunststoffe brachten die Ludwigshafener in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem britischen Chemieproduzenten Ineos ein.

Die größten Chemiekonzerne der Welt
Das Mitsubishi Chemical-Werk in Yokohama Quelle: Pressebild
Platz 8: Dupont Quelle: dpa
Platz 7:LyndellBasell Quelle: AP
Screenshot Formosa Plastics Quelle: Screenshot
Platz 4: Exxon Mobil Quelle: Reuters
Platz 6: Sabic Quelle: dpa
Platz 6: Shell Quelle: Reuters

Bei seinen ersten Auftritten konnte Bock offenbar die Mitarbeiter überzeugen. Viele hatten in dem ehemaligen Finanzchef eher einen spröden Zahlenmenschen gesehen. Inzwischen loben sie ihn häufig für seinen teamorientierten Führungsstil.

Bock redet nicht nur mit seinen obersten Führungskräften, sondern „begibt sich auch schon mal in die Niederungen“, um sich die Einschätzungen subalterner Angestellter anzuhören, heißt es aus dem Konzern über den Boss. Vorgänger Jürgen Hambrecht habe demgegenüber ein strafferes Regiment geführt: „Der wusste immer, wo Norden ist.“

Gleichwohl wird Bock zunächst etwas kleinere Brötchen backen als Hambrecht, der sich mit glänzenden Zahlen verabschiedete. Vor einigen Wochen musste der BASF-Lenker einräumen, dass die Kunden in Zeiten der allgemeinen Euro-Verunsicherung vorsichtiger disponieren und bestellen. Nichtsdestotrotz sollen Umsatz und Ergebnis in diesem Jahr „signifikant“ gegenüber dem Vorjahr 2010 steigen.

Bock setzt auf das Potenzial der bestehenden Geschäfte

Während Hambrecht die BASF vor allem durch Akquisitionen wie Engelhard (Katalysatoren), Ciba und Cognis (Spezialchemie) stärkte, hat es Nachfolger Bock mit Zukäufen erst mal nicht eilig. Die neu erworbenen Unternehmen müssen erst einmal verdaut werden. Stattdessen setzt er erst mal auf das Potenzial der bestehenden Geschäfte.

Ausbau in Asien

Ein Mann in einem Treibhaus von BASF

Im Einzelnen heißt das etwa:

  • Bis 2020 soll der Umsatz im Pflanzenschutz, also mit Mitteln gegen Pilz- oder Insektenbefall, von vier auf sechs Milliarden Euro steigen. Hinzu kommen die Erlöse aus dem Saatgutgeschäft. Mithilfe der Gentechnik will die BASF ertragsstärkere und widerstandsfähigere Pflanzen züchten, die sie dann von Kooperationspartnern wie dem US-Konzern Monsanto vermarkten lässt.

    Die kürzlich beantragte EU-Zulassung der gentechnisch veränderten Kartoffel Fortuna, die resistent gegen die verbreitete Kraut- und Knollenfäule ist, markiert erst den Anfang. Ebenso entwickeln die Ludwigshafener ein Rapsöl, das die Grundlage für eine Reihe gesundheitsfördernder Nahrungsmittel bilden soll.

  • In die Entwicklung und Produktion neuer Batteriematerialien für Elektroautos will Bock in den nächsten fünf Jahren einen dreistelligen Millionenbetrag investieren. Die jährlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung sollen sich dadurch von derzeit 30 auf 50 bis 60 Millionen pro Jahr erhöhen. In Elyria im US-Bundesstaat Ohio baut die BASF bereits eine Anlage, um Materialien für Lithium-Ionen-Batterien herzustellen.

Kürzlich kündigte Bock die Gründung einer neuen Geschäftseinheit namens Battery Materials an, um die Entwicklung stärker voranzutreiben. Gemeinsam mit Daimler stellte die BASF auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt bereits ein Elektroauto der Zukunft vor – der Chemiekonzern lieferte etwa leichte Kunststoffmaterialien zu.

Regional wird Bock vor allem das Geschäft in den Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas ausbauen. Vor allem China spielt für die BASF eine wichtige Rolle. In dem Riesenreich spielt die Zukunftsmusik für die Chemiebranche. Dort wächst die Nachfrage nach Autos oder Elektronik – und den darin enthaltenen Chemieerzeugnissen.

Noch gibt es Schwächen

So kündigte Bock bereits an, künftig einen seiner Geschäftsbereiche nach China zu verlegen: Die Sparte Pigmente und Dispersionen (unter anderem Harze und Lack-Zusatzstoffe) mit einem Umsatz von 3,2 Milliarden Euro wird vom 1. Januar an von Hongkong aus geführt. „Für unseren Geschäftsbereich ist Asien bereits heute der größte Markt“, sagt der zuständige BASF-Manager Markus Kramer.

Einige Schwächen finden sich allerdings noch in der bisherigen Strategie. „BASF ist in China gut aufgestellt, aber in anderen südostasiatischen Ländern wie Thailand, Indonesien oder den Philippinen fehlt es an einer klaren Strategie“, sagt ein guter Kenner der Ludwigshafener Verhältnisse. Die BASF sei zu sehr auf China fixiert.

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