BASF-Tochter: Wie Wintershall Dea dem russischen Fluch entrinnen will
Deutschlands einzige Ölbohrinsel Mittelplate am südlichen Rand des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer gehört der Wintershall Dea.
Foto: imago imagesKrawatten signalisieren etwas. Immer. Und so muss es auch ein Signal gewesen sein, dass Mario Mehren, Chef der BASF-Tochter Wintershall Dea, an diesem Morgen eine grüne Krawatte trug: Grün, das steht doch für eine emissionsfreie Welt, für den allgegenwärtigen Energieminister Robert Habeck – und vor allem: für Hoffnung. All das, so scheint es, soll bei Wintershall Dea, dem bislang so tief in Russland verankerten Gas- und Ölkonzern in Zukunft eine zentrale Rolle spielen.
Im vergangenen Jahr war Wintershalls Timing unglücklich gewesen, was die Veröffentlichung der Jahreszahlen und die Pressekonferenz des Konzernchefs anging. Denn der Termin war just für jenen Vormittag angesetzt, an dem Wladimir Putin die Ukraine angriff – und wurde entsprechend abgesagt. Was hätte Mario Mehren auch sagen sollen, nachdem er noch ein paar Tage zuvor vor Sanktionen gegen Russland gewarnt und sich zu einem Gespräch mit Putin bereit erklärt hatte?
Eine klare Positionierung in schwieriger Lage
In diesem Jahr hatte Mehren es zumindest ein wenig einfacher. Diesmal bestand seine Mission bei der Pressekonferenz vor allem darin, einen Weg aufzuzeigen, wie es mit Wintershall Dea weitergehen kann und soll ohne Russland, eine Strategie zu skizzieren. Das ist ihm, unterm Strich, gut gelungen. Zwar muss das Kasseler Unternehmen für das vergangene Jahr einen Verlust von 4,8 Milliarden Euro vermelden, weil es sich, wie im Januar angekündigt, von seinem Russland-Geschäft – drei Joint Ventures mit Gazprom – trennt und damit 7 Milliarden Euro Verlust macht.
Bei genauer Betrachtung jedoch ist das Geschäft 2022 dennoch blendend gelaufen, getrieben vor allem von hohen Gaspreisen. Zwar ist Wintershall Dea wegen des Ausfalls des russischen Geschäfts die Hälfte der Rohstoffförderung weggebrochen, hat das Unternehmen 2022 nur 321 Barrel Ölequivalent (boe) am Tag gefördert im Vergleich zu 634 boe im Jahr zuvor. Aber trotz dieses Schlags hat das Unternehmen ohne russische Produktion 2022 fast dasselbe bereinigte Nettoergebnis erzielt wie im Jahr zuvor mit russischer Produktion - 928 Millionen Euro 2022 im Vergleich zu 950 Millionen Euro im Jahr davor. Mit anderen Worten: Trotz des russischen Ausfalls brummt das Geschäft. Und auch der Cashflow ist mit 2,48 Mrd. Euro 2022 beachtlich (2021: 2,08 Mrd. Euro).
Spielraum für eine neue Strategie
Das alles schafft Spielraum, eine neue Strategie anzugehen, die Mehren ziemlich klar skizziert hat: Der Öl- und Gas-Konzern wolle sich nun in ein Gas- und Dekarbonisierungsunternehmen verwandeln. Das bedeutet: In elf Ländern will man weiter Gas fördern und verkaufen und moderat wachsen, jenseits dessen setzt man auf CCS-Technologien und Wasserstoff, vor allem blauen, also jenen Wasserstoff, der aus Erdgas gewonnen wird.
Beides entspricht – Überraschung! – der Energiestrategie des grünen Wirtschafts- und Klimaministers Robert Habeck für Deutschland: Die sieht vor, dass aus Kernenergie und Kohlekraft ausgestiegen wird, Gas aber – wie vor Beginn des Ukraine-Kriegs – die „Brückentechnologie“ der Wahl ist, mit vermehrten LNG-Importen aus aller Welt, aber auch mit Norwegen als zentraler Quelle – und möglicherweise wichtigstem Speicherort für Kohlendioxid. Entsprechend wichtig ist der Ausbau der Förderung in Norwegen für Wintershall Dea, wo das Unternehmen nach dem Wegfall Russlands das meiste Gas fördert.
Und auch bei der Dekarbonisierung setzt die Bundesregierung nach einigem Zaudern mittlerweile verstärkt auf Techniken, bei denen Kohlenstoff entsorgt wird, über sogenannte Carbon Capture and Storage (CCS) Technologien, ob in Dänemark oder eben auch in Norwegen. „Wir glauben, dass sich bedeutsame Märkte für CCS und kohlenstoffarmen Wasserstoff entwickeln“, sagte Mehren. Es gebe nun mal „keinen Weg“ zum Ziel der Null-Emission ohne diese Technologien.
In diesen Tagen, darauf verwies Mehren, solle im Rahmen des CCS-Testprojekts Greensand in der dänischen Nordsee mit der ersten testweisen CO2-Lagerung begonnen werden. Paul Smith, Wintershall Deas Finanzchef, sagte am Mittwochvormittag, man verstehe die nächsten zwei, drei Jahre als „positioning period“, also als Zeit, in der es darum gehe, sich in diesem neuen Markt und Geschäftsfeld zu positionieren. So weit, so grün, oder besser, so weit, so blau.
Abschied im Geheimen
Dabei war es am Mittwochvormittag trotz aller Hoffnung zunächst die eher schwarze, russische Vergangenheit, zu der sich Mehren äußern musste, zu den Joint Ventures Achimgaz, Achim Development und Severneftegazprom. Lange hatte Mehren gezögert, sich davon zu trennen, sich aber im Januar dann doch losgesagt, den Rückzug verkündet. Das Verhalten der russischen Regierung, das einer Enteignung gleichkomme, lasse dem Kasseler Konzern keine andere Wahl, genauso wenig wie die Werte. „Der Krieg ist mit unseren Werten unvereinbar“, sagte Mehren.
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Mit Enteignung ist gemeint, dass die russische Regierung die Preise deckelte, zu denen Wintershall Dea sein Gas verkaufen musste – und damit de facto Gewinne abschöpfte. Zwei Milliarden Euro seien dabei einfach verschwunden, sagte Mehren. Die Liquidität sei „gone“. Futsch.
Wie der Rückzug genau vollzogen werden soll, ließ Mehren im Januar offen. Viel konkreter wurde er auch an diesem Mittwoch nicht. Weder zu den genauen Modalitäten noch zu einem genauen zeitlichen Fahrplan wollte er etwas sagen, weil das dem Verfahren und den Beteiligten schaden könne.
Nur so viel: Zunächst werde man die Mitarbeiter mit nichtrussischer Staatsbürgerschaft nach Deutschland zurückholen, bei den etwa 60 Mitarbeitern mit russischer Staatsbürgerschaft gehe das nicht. Und es werde einen „geordneten Prozess geben“, der aber nicht überstürzt umgesetzt werden könne. „Wir können das Land nicht über Nacht verlassen“, sagte Mehren. Aber, in diesem Zusammenhang besonders wichtig: Man versuche auch nicht, Zeit zu gewinnen. Fest stehe. „Es gibt kein Zurück mehr.“ Der Abschied sei endgültig. „Wir warten nicht in der Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation“, sagte Mehren.
Für Wintershall Dea, über Jahrzehnte vor allem die russische Tankstelle für BASF, ist das ebenso ein Einschnitt wie für den Manager Mehren, der bis heute Sprecher des Arbeitskreises Russland beim Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft ist.
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Allerdings, auch das sagte Mehren, behalte man sich zwei Möglichkeiten vor, den finanziellen Schaden für Wintershall Dea möglichst gering zu halten: Zum einen werde man sämtliche rechtliche Möglichkeiten ausschöpfen, die sich böten. „Wir werden alle rechtlichen Möglichkeiten prüfen“, sagte er. Das dürfte Klagen auf Schadenersatz einschließen. Zum zweiten hoffe man auf Zahlungen der Bundesregierung, die Investitionen in Russland mit Garantien abgesichert hat. Nach Informationen des Norddeutschen Rundfunks (NDR) vom Januar beliefen sich diese Garantien auf eine Höhe von mindestens 1,8 Milliarden Euro. Was das genau an Kosten für die deutschen Steuerzahler mit sich bringen könnte, konnte und wollte Mehren am Mittwoch nicht beziffern.
In Kassel wird gespart
Interessant ist, dass Mehrens Finanzchef Paul Smith keinen Hehl daraus machte, dass es in Kassel und Hamburg, wo Wintershall Dea seinen zweiten Sitz hat, ans Sparen gehen dürfte. Natürlich müsse man sich nun alle Kosten ansehen, sagte er. Zu einem möglichen Börsengang wolle sich Mehren nicht äußern – und verwies an den Mutterkonzern BASF, der am Donnerstag Zahlen vorlegt.
Und so versucht Wintershall Dea, sich nach und nach zu entgiften, dem russischen Fluch, der so lange ein Segen war, zu entrinnen. Unter den denkbar ungünstigen Bedingungen, die Putins Angriffskrieg mit sich gebracht hat, ist Wintershall Dea finanziell in einer denkbar günstigen Position. Noch hat Mehren zwar die Fondgesellschaft Letter One des russischen Oligarchen Michail Fridman als Eigentümer im Nacken. Aber auch die dürfte ein Interesse daran haben, dass der Konzern sich vor allem nach Norwegen orientiert – oder nach Lateinamerika. Argentinien ist nach Norwegen nun das zweitwichtigste Gas-Förderland in Mehrens Portfolio. Mehren hat Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) vor wenigen Wochen auch bei dessen Reise nach Argentinien als Teil der Wirtschaftsdelegation begleitet.
Modisch lässt die Strategie des Konzerns Mehren einigen Spielraum. Norwegens Nationalflagge zeigt ein dunkelblaues, skandinavisches Kreuz auf rotem Grund, Argentiniens Nationalfarben sind bekanntlich himmelblau und weiß.
Krawatten dürfte es in allen Farbkombinationen geben.
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