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BASF-Vorstand Suckale Die Vorstandsfrau des Jahrhunderts

Für die Bahn befriedete Margret Suckale einst den Lokführerstreik. Bei dem Chemiekonzern leitet sie jetzt den Mega-Standort Ludwigshafen und das Personal-Ressort. Die erste BASF-Vorstandsfrau ist überall im Werk zu finden. Nach außen bleibt sie allerdings merkwürdig blass.

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Margret Suckale Quelle: Deniz Saylan für WirtschaftsWoche

Auf die Sendung „Anne Will“ wird Margret Suckale noch heute häufig angesprochen. Vor vier Jahren streitet sie sich dort vor laufenden Kameras mit Manfred Schell, dem damaligen Chef der Lokführergewerkschaft GDL. Suckale, damals Personalvorstand bei der Deutschen Bahn, führt die Streikverhandlungen. 31 Prozent mehr Lohn fordern die Lokführer, 1700 Züge stehen still. Statt ihres leicht reizbaren Chefs Hartmut Mehdorn tritt die zurückhaltende Suckale vor die Kameras.

Sie erträgt es, dass Schell sie öffentlich eine „Außerirdische“ und „Super-Nanny“ schimpft. Schell poltert, Suckale bleibt diplomatisch und beherrscht. Und hat Erfolg: Sie schafft es, Schell und seine Gewerkschaft zurück an den Verhandlungstisch zu bringen. Am Ende geben sich die Lokführer mit einer Erhöhung um elf Prozent zufrieden. Punktsieg.

Ihr Auftritt erregt Aufsehen. Suckale erhält zahlreiche positive Zuschriften und Reaktionen. Eine kommt vom Chemiekonzern BASF. Ihre Beharrlichkeit imponiert dem damaligen Vorstandschef Jürgen Hambrecht. „Auch Herr Schell hat natürlich dazu beigetragen, dass ich in den BASF-Vorstand gekommen bin“, sagt Suckale und lacht.

Die mächtigsten Frauen Deutschlands
Simone Bagel-Trah Quelle: dpa
Nicola Leibinger-Kammüller Quelle: AP
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Prominente Vorzeigefrau

2009 wechselt sie zur BASF, seit Mai 2011 sitzt Suckale im Vorstand des Konzerns aus Ludwigshafen – als erste Frau nach 146 BASF-Jahren. Sie verantwortet dort mit dem Standort Ludwigshafen das Herzstück der BASF-Produktion, das weltweite Personalwesen für die etwa 110 000 BASF-Mitarbeiter sowie Umweltschutz, Instandhaltung und Sicherheit.

Seit der Beförderung ist es allerdings still geworden um die prominente Vorzeigefrau. Einen großen Auftritt hatte die verheiratete, kinderlose Managerin schon länger nicht mehr. Auch intern, bei der BASF, exponiert sich Suckale wenig. Die Vorstandsfrau sei charmant und angenehm im Umgang. Aber sie setze kaum eigene Themen, presche nicht vor, agiere zurückhaltend – sagen Manager, die mit ihr zusammen am Konferenztisch saßen. „Das Visionäre kommt bei ihr zu kurz“, sagt einer der Gesprächspartner. Zu Themen wie Fachkräftemangel oder neuen Berufsbildern sei von ihr wenig zu hören.

Ganz nach oben, an die Konzernspitze, dürfte es die 55-Jährige ohnehin nicht mehr schaffen: Mit Kurt Bock (53) ist im Mai gerade ein neuer Konzernchef angetreten, der das Unternehmen ungefähr ein Jahrzehnt lang leiten soll.

Blaumann statt Kostüm

Jürgen Hambrecht Quelle: AP

Doch obwohl Suckale oft farblos wirkt, kommt sie bei vielen Mitarbeitern gut an. Die passionierte Eisschnellläuferin ist überall im Werk zu finden, spricht mit Mitarbeitern und Gewerkschaftern. Etwa alle 14 Tage besucht sie, oft im Blaumann und mit Schutzbrille, einen Betrieb.

Außerhalb des Werksgeländes, an reinen Bürotagen, sieht man sie oft mit Halstuch, ihrem bevorzugten Accessoire. An den Wänden ihres Arbeitszimmers im zweiten Stock eines Backsteinbaus, direkt hinter Tor 1, hängen Management-Cartoons und großformatige Industriefotos von Horst Hamann. Suckale spricht ruhig und unaufgeregt.

Etwa darüber, dass sie den Standort Ludwigshafen stärken will – auch wenn BASF und andere Chemiekonzerne inzwischen häufig in China investieren. 900 Mitarbeiter sind bereits 2011 dazugekommen, und vor einigen Wochen verkündete Suckale, dass auch in diesem Jahr in Ludwigshafen neue Jobs entstehen. Die Geschäfte laufen rund. Bis 2015 will BASF neun bis zehn Milliarden Euro in Ludwigshafen investieren. Suckale setzt damit allerdings Pläne um, die schon vor Jahren beschlossen wurden.

Als Personalchefin will sie bei BASF eine Feedback-Kultur etablieren: Führungskräfte sollen sich von Mitarbeitern, Kollegen und Vorgesetzten beurteilen lassen. Zudem will sie flexible Arbeitszeiten fördern, damit Mütter und Väter nach der Elternzeit besser in den Beruf einsteigen können. Wichtig ist ihr das geplante Zentrum für Work-Life-Management. Den Mitarbeitern will der Konzern dort etwa Kinderbetreuung und Gesundheitskurse anbieten.

Entlastung durch externes Gutachten

Viele Mitarbeiter waren skeptisch, als die Bahn-Frau vor drei Jahren zu BASF kam. Suckale sei durch die Bahn-Datenaffäre vorbelastet und passe nicht zu dem Chemiekonzern, ätzten Arbeitnehmervertreter. Die Bahn hatte ohne konkrete Verdachtsmomente Führungskräfte und Mitarbeiter auf Bestechlichkeit hin überprüft. Suckale, von 1997 bis 2004 Leiterin der Rechtsabteilung, geriet in Verdacht, davon gewusst zu haben. Inzwischen ist das, auch für die BASF-Belegschaft, kein Thema mehr. Die Bahn wies die Vorwürfe gegen ihre Managerin zurück, ein externes Gutachten entlastete Suckale.

Die Juristin beginnt ihre Karriere 1985 als Justiziarin beim Ölkonzern Mobil Oil in Hamburg. Nach zwölf Jahren kommt das Angebot der Bahn. Dort leitet sie zunächst den Zentralbereich Recht, arbeitet dann Mehdorn zu, steigt schließlich 2005 in den Vorstand auf. Damals ist sie der einzige weibliche Vorstand in den 100 größten deutschen Unternehmen. Ihre Vorreiterrolle spielt die Pionierin herunter. „Das war eher Zufall“, sagt Suckale, andere Frauen wären genauso infrage gekommen.

Kurz nach ihrem Talkshow-Auftritt und der Tarifeinigung muss sie ihren Platz im Holdingvorstand der Bahn räumen. Denn vor dem geplanten Börsengang organisiert sich der Staatskonzern neu. Suckale verliert beim Job-Geschacher und findet sich im Führungskreis der Tochtergesellschaft DB Mobility Logistics wieder.

Ärger mit der Bahn

Mehdorn und Suckale Quelle: dpa

Als aus dem Börsengang nichts wird, forciert die Bahn-Managerin ihren Jobwechsel. Auch Daimler und Metro sollen interessiert gewesen sein. Suckale will zu einem Dax-Konzern. Bei der BASF kümmert sie sich fortan um die berufliche Weiterentwicklung der Führungskräfte.

Kaum ist sie im Mai 2011 in den Vorstand aufgerückt, lässt sie sich erst mal den Steamcracker – das Herz der Ludwigshafener Verbundproduktion – erklären. Im Blaumann und mit hellroter Schutzbrille eilt sie durch die Anlage, die Rohbenzin in die wichtigen Chemiestoffe Ethylen und Propylen aufspaltet. Da der Steamcracker gerade einer planmäßigen Revision unterzogen wird, sind Hunderte Spezialisten vor Ort, tauschen etwa 50 000 Schrauben aus, dichten 15 000 Flansche neu ab, überprüfen etwa Pumpen und Wärmetauscher.

Suckale lässt sich das alles erklären, ist begeistert von den motivierten Mitarbeitern. Schließlich sitzt die frisch ernannte Vorstandsfrau mit Betriebsleitern und Experten in einem freudlosen Besprechungsraum irgendwo im Innern der Anlage und verteilt Lob und Anerkennung . „Sehr, sehr beeindruckend“, sagt sie, „große Hochachtung.“ Und setzt hinzu: „Sie sehen alle noch relativ entspannt aus.“ Die Runde lacht.

Ende Juni besucht sie die Messwarte des BASF-eigenen Kraftwerks Mitte; im August nimmt sie an einer Übung der Werksfeuerwehr teil. In einem Testlabor der BASF legt sie den weißen Kittel an, greift zu Becherglas und Pipette und seziert unter fachmännischer Anleitung die DNA aus einer Banane. „Ich bin neugierig“, sagt Suckale über sich, „und draußen lerne ich am besten.“ Sie weiß nun etwa über Produkte und Innovationen besser Bescheid.

Nähe zu den Mitarbeitern

Offen war sie schon während ihrer Zeit bei der Bahn. Da ist sie häufiger mal spontan auf dem ICE-Lokführerstand mitgereist und hörte sich während der Fahrzeit die Sorgen der Bahn-Mitarbeiter an. Lokführer haben schon mal nach ihrer Telefonnummer gefragt, um Anliegen direkt zu besprechen. Ihr damaliger Chef Mehdorn war ihr ein Vorbild. Der habe ein offenes Ohr für die Mitarbeiter gehabt, sagt Suckale.

Bei der BASF diskutiert sie mit Chemikantinnen über Schichtarbeit, hört sich Klagen über den Zustand eines Pausenraums an und nimmt den Frust der Mitarbeiter auf, die mal wieder länger brauchen, um mit ihrem Auto ins Werk zu kommen, weil zu viele Lkws anliefern und die Einfahrt verzögern. Die Vorstandsfrau wird so auch schon mal zur Kummerkastentante.

Einer der Arbeitnehmervertreter, mit denen sich die Personalchefin regelmäßig trifft, hat ihr kürzlich gesagt, sie könne ruhig deutlicher sein. Kritik bringt Suckale vornehm an. Wenn ihr die Präsentation eines Mitarbeiters nicht gefällt, versucht sie immer noch, das Positive zu sehen.

So ist sie. Damals, bei Anne Will, hat sie mit solcher Diplomatie Erfolg gehabt.

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