Bayer AG Pharma läuft gut, Chemie mau

Der Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern Bayer stellt am 31. Oktober seine Quartalszahlen vor. Während das Medikamentengeschäft rund läuft, kämpft die Chemiesparte mit Problemen.

Während sich das Chemie- und Kunststoffgeschäft von Bayer problematisch entwickelt, läuft es bei Pharma gut. Quelle: dpa

Während andere globale Medikamenten-Konzerne wie Pfizer, Sanofi und Merck & Co. über sinkende Gewinne und zunehmende Generika-Konkurrenz klagen, herrscht im Pharmageschäft von Bayer eitel Sonnenschein: In jüngster Zeit haben die Leverkusener fünf neue Top-Medikamente auf den Markt gebracht: Xarelto gegen Thrombosen, die Krebsmedikamente Xofigo und Stivarga, das Augenmittel Eylea sowie das Lungenmedikament Riociguat. Alle zusammen sollen dieses Jahr einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro erwirtschaften, prognostiziert Bayer-Chef Marijn Dekkers. In einigen Jahren könnte das Pillen-Quintett sogar einen kombinierten Spitzenumsatz von mehr als 5,5 Milliarden Euro erreichen. Eine solche Reihe innovativer Medikamente hat es bei Bayer seit Jahrzehnten nicht gegeben. Das Desaster um den Cholesterinsenker Lipobay, den Bayer im Jahr 2001 wegen mutmaßlich schwerer Nebenwirkungen vom Markt nahm, hat das Pharmageschäft jahrelang belastet.

Zusätzlich bringt Bayer gerade weitere vielversprechende Arzneien in Stellung. Bis 2015 sollen fünf Substanzen – vor allem gegen Krebs und Herzkrankheiten – die klinische Testphase erreichen. Eher problematisch entwickelt sich dagegen das Chemie- und Kunststoffgeschäft von Bayer.

Die Baustellen des Bayer-Konzerns
Um Bayer steht es wahrlich nicht schlecht: Der Umsatz 2012 um fast neun Prozent auf 39,7 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis ging allerdings um 4,6 Prozent auf 3,9 Milliarden zurück. Dennoch haben die über 30.000 Bayer-Mitarbeiter in Deutschland beim 150. Geburtstag des Konzerns Grund genug zum Feiern. Während bei anderen deutschen Großkonzernen wie Siemens und ThyssenKrupp Stürme toben, gleitet der Chemie-Dampfer auf ruhiger See dahin. Doch Ausruhen ist nicht, Bayer-Chef Marijn Dekkers hat mehr Baustellen als es auf den ersten Blick scheint. Foto: obs/Bayer AG Quelle: obs
Da wäre etwa das Problem mit den Anti-Baby-Pillen: Meliane und Yasmin, eine weitere Bayer-Tablette zur Empfängnisverhütung, stehen unter einem schweren Verdacht: Sie sollen mehr Thrombosen (Blutgerinnsel) und Embolien (Verschlüsse von Blutgefäßen) auslösen als ältere, vergleichbare Antibabypillen. In den USA, Kanada, der Schweiz, Deutschland und Frankreich laufen deswegen Klagen gegen Bayer. Gegen Yasmin sind allein in den USA über 10.000 Klagen wegen unerwünschter Nebenwirkungen anhängig. Quelle: dpa
Xarelto muss beweisen, dass das Medikament das Zeug zur Umsatzrakete hat. Der Thrombosehemmer ist aktuell das wichtigste Medikament von Bayer: Alle Einsatzgebiete in allen Regionen addiert soll die Tablette Bayer einmal in der Spitze mehr als zwei Milliarden Euro an Umsatz jährlich einbringen. Im vergangenen Jahr erzielte Bayer mit dem Mittel Umsätze von 322 Millionen Euro - bis zu den zwei Milliarden ist es noch weit. Quelle: REUTERS
Marijn Dekkers hat bei seinem Antritt ein hartes Sparprogramm erlassen. Bis Ende 2012 wurden weltweit 4500 Stellen abgebaut - in Deutschland waren es allein 1700. Ein zweites Programm ist nicht in Sicht. Das heißt aber nicht, dass das Sparen nur ein Ende hat. Gegenüber der Rheinischen Post sagte Dekkers: "Bayer muss stets daran arbeiten, effizienter zu werden. Das gilt vor allem – aber nicht nur – für Verwaltung und Informationstechnik. Unser Ziel ist es immer, möglichst viele Ressourcen für die Stärkung unserer Innovationskraft freizumachen – denn davon lebt Bayer". Im Klartext: Bayer muss weiter Möglichkeiten finden, die Kosten zur drücken und wird dazu alle möglichen Register ziehen. Quelle: dpa
Der Bayer-Chef hat sich selbst ein überaus ehrgeiziges Ziel gesetzt. Er will es in den nächsten Jahren unter die zehn größten Pharma-Hersteller der Welt aufsteigen. Aktuell belegen die Leverkusener Rang 16. Sollten sich der Absatz von Xarelto, dem Augenmittel VEGF und den Krebsmitteln Alpharadin und Regorafenib entwickeln wie geplant, sei damit ein Umsatz von fünf Milliarden möglich, so Dekkers. "Sicher fallen die Spitzenumsätze nicht gleichzeitig an – aber sie würden unseren Pharma-Umsatz von heute rund 10 Milliarden Euro deutlich erhöhen." Brächte die Pipeline den erhofften Erfolg, könne man unter die Top Ten aufsteigen. Quelle: dpa

Die Chemiekonjunktur mag nicht recht anspringen, die Nachfrage aus wichtigen Branche wie Auto-, Bau- und Elektroindustrie lässt zu wünschen übrig, der wichtige chinesische Markt schwächelt. Die Branche leidet – im Vergleich zu den USA – unter höheren Energiekosten. Dort sorgt die Förderung von Schiefergas – ein Verfahren, das in Deutschland noch umstritten ist - für niedrigere Preise. „An unseren Standorten in Nordrhein-Westfalen zahlen wir doppelt so viel für Strom wie in den USA“, sagt Bayer-Chef Marijn Dekkers. Dekkers hat bereits angekündigt, in den nächsten vier Jahren 700 Arbeitsplätze in der Chemie- und Kunststoffsparte Bayer Material Science zu streichen, davon bis zu 180 in Deutschland. Betriebsbedingte Kündigungen sind in Deutschland allerdings bis Ende 2015 durch eine Betriebsvereinbarung ausgeschlossen. Weltweit beschäftigt Bayer Material Science 14.400 Mitarbeiter, davon 5200 in Deutschland.

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So richtig viel Spaß scheint Dekkers das Chemiegeschäft nicht mehr zu machen. Wo er die Prioritäten setzt, zeigt ein Blick auf die Investitionspläne. Von 2013 bis 2015 will Bayer rund 18 Milliarden Euro investieren – sowohl in Forschung und Entwicklung als auch in Anlagen. Gut 85 Prozent davon entfallen auf die Gesundheitssparte und das Geschäft mit Pflanzenschutzmitteln, das ebenfalls gut läuft. Für die Chemiesparte bleibt nur noch ein Anteil von 15 Prozent übrig.

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