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Bayer Iberogast-Skandal verunsichert Kunden – Verkäufe sinken

Der Streit um die Gefahr des Wirkstoffs Schöllkraut – ein Mohngewächs, das auch in Iberogast enthalten ist – gärt bereits seit zehn Jahren. Quelle: imago images

Eine Patientin stirbt an Leberversagen. Ein Zusammenhang mit der Einnahme des Magenmittels Iberogast liegt nahe, schreibt die deutsche Zulassungsbehörde BfArM. Erst jetzt erklärt sich Hersteller Bayer bereit, die Packungsbeilage zu ändern. Dabei dauert der Streit schon zehn Jahre. Inzwischen wollen viele Patienten von dem Präparat nichts mehr wissen.

Wie wichtig ihm das Patientenwohl ist, betonte Frank Schöning, Leiter des deutschen Gesundheitsgeschäfts von Bayer, schon nach wenigen Minuten. Tausende Anfragen von Patienten über ihre Krankheit oder zum verordneten Medikament Iberogast haben Bayer dazu in diesem Jahr erreicht, erklärte Schöning am Donnerstag vergangener Woche – vorzugsweise per E-Mail oder Telefon. Und natürlich ist der Konzern aus Leverkusen stets bemüht, zu helfen.

Dass Bayer das Patientenwohl nicht so ernst nehme, legen dagegen Äußerungen der Grünen-Bundestagsabgeordneten Kordula Schulz-Asche nahe: „Über zehn Jahre hinweg weigerte sich Bayer, Warnhinweise vor möglichen Leberschädigungen seines sich sehr gut verkaufenden pflanzlichen und nicht-verschreibungspflichtigen Arzneimittels Iberogast in die Packungsbeilage aufzunehmen“, schrieb die Politikerin kürzlich. Was inhaltlich nicht ganz korrekt ist: Iberogast gehört erst seit fünf Jahren zum Portfolio von Bayer. „Nachdem nun ein Todesfall bekannt wurde, der laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Zusammenhang mit dem Medikament stehen könnte, lenkt Bayer ein“, so Schulz-Asche weiter.

Tatsächlich gibt es schon seit längerer Zeit Diskussionen darüber, ob Bayer nicht entsprechende Warnhinweise in den Beipackzettel aufnehmen sollte. Erst vor wenigen Tagen, nach dem besagten Todesfall, hat sich Bayer dazu bereit erklärt. Ein Fall von „Leberversagen mit Lebertransplantation, der jedoch letztlich tödlich endete“, schreibt das BfArm dazu. Ein Zusammenhang mit der Anwendung von Iberogast liege nahe. Spätestens zum 8. Oktober sollen die Packungsbeilagen nun aktualisiert sein.

Die heftige Kritik von Schulz-Asche habe Bayer „ins Mark getroffen“, sagte Schöning kürzlich bei einer Unternehmenspräsentation vor Journalisten. Allerdings sei man bei Bayer nicht der Meinung, einen Fehler gemacht zu haben. „Der Kausalzusammenhang ist noch nicht belegt“, sagt Christoph Theurer, Leiter Medizin Consumer Health bei Bayer, „wir halten die Vorgehensweise für richtig und haben das Patientenwohl nicht gefährdet.“ Die Untersuchungen seien noch nicht abgeschlossen. „Bei der betroffenen Patientin sind Vorerkrankungen bekannt, die für den Krankheitsverlauf relevant sein könnten“, erklärt Bayer. „Man hätte die nächsten Wochen, bis die Untersuchungen abgeschlossen sind, auch noch abwarten können“, findet Manager Schöning.

Der Streit um die Gefahr des Wirkstoffs Schöllkraut – ein Mohngewächs, das auch in Iberogast enthalten ist – gärt bereits seit zehn Jahren. Damals gehörte Iberogast noch zum Pharma-Mittelständler Steigerwald, der fünf Jahre später von Bayer übernommen wurde. Schon damals gab es den Verdacht, dass Schöllkraut die Leber schädigen könne, so das BfArM. Die Hinweise betrafen jedoch Schöllkraut-haltige Arzneimittel insgesamt, nicht speziell Iberogast. Das BfArM drängte darauf, die Packungsbeilage zu ändern, Steigerwald legte Widerspruch ein. Auf ein Verfahren wollte es das BfArM nicht ankommen lassen, die „Evidenzlage“ erschien zu unsicher.
Danach passierte jahrelang nichts. 2016 tauchten neue Nebenwirkungsberichte zu Iberogast auf. Nun wollte das BfArM seine Anordnung durchsetzen, die Produktinformation zu Iberogast entsprechend zu ändern. Dagegen erhob Bayer dann Klage vor dem Verwaltungsgericht Köln.

Das Unternehmen verweist darauf, dass Iberogast, seit gut fünfzig Jahren am Markt, eines der am besten untersuchten rezeptfreien Medikamente sei. Studien mit 7000 erwachsenen Teilnehmern hätten Wirksamkeit und Sicherheit bestätigt. Das Medikament sei in 40 Ländern zugelassen; 82 Millionen Patienten damit behandelt worden. Zudem unterliege Iberogast einem „kontinuierlichen Sicherheitsmonitoring, das Daten aus Studien, Literatur und Anwendung durch Verbraucher einbezieht.“
Ob sich Bayer mit seiner Haltung einen Gefallen tut? Die Verbraucher scheinen jedenfalls ob der Diskussionen verunsichert zu sein. Nach den Zahlen des Marktforschers Insight Health sind die Abverkäufe in den Apotheken seit März um acht Prozent eingebrochen. Noch im März verkauften die Apotheker 2,5 Prozent mehr Iberogast-Packungen als im entsprechenden Vorjahresmonat, insgesamt rund 700.000. Danach ging es ziemlich bergab: Im Mai lagen die Abverkäufe um 13,9 Prozent niedriger als im Vorjahresmonat. Besser lief es im Versandhandel, der in einigen Monaten zweistellig zulegte.
Bayer möchte die Zahlen auf Anfrage unserer Redaktion nicht kommentieren.

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