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BCG-Studie zur wirtschaftlichen Corona-Erholung „Europa ist überraschend schnell zurückgekommen“

Produktion des Elektroporsches Taycan Quelle: dpa

Gesundheitsbranche top, Transport flop: Sechs Monate nach Ausbruch des Coronavirus erholen sich einzelne Industriesektoren unterschiedlich schnell. Die Boston Consulting Group hat neun Ländern den Corona-Puls gemessen.

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Europas Kernmärkte Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien haben in den neun relevantesten Industriesektoren mittlerweile wieder zwischen 80 und 90 Prozent Leistungsfähigkeit des Niveaus erreicht, das sie vor der Coronakrise aufwiesen. Dies geht aus einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) hervor, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt. Von den am stärksten von Corona betroffenen Industrieländern zeigt China die wirtschaftlich beste Erholung, während Brasilien wirtschaftlich am stärksten betroffen ist.

Das internationale Autoren-Team des „Economic Pulse Check“ untersuchte ab Mitte März die wirtschaftliche Entwicklung in ausgewählten europäischen Ländern sowie in USA, China, Japan und Brasilien. Dabei fächerten die Berater die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in neun Industriesektoren auf, etwa technische Infrastruktur wie Luftfahrt und Maschinenbau, Material- und Prozessindustrie wie Chemie und Forstwirtschaft, Energie, Auto, Finanzen, Telekommunikation, Gesundheit und Handel.

Die Gesundheitsbranche ist der große Corona-Gewinner. Mit Ausnahme von Japan ist der Sektor heute in allen untersuchten Ländern genauso stark oder sogar stärker als vor der Coronapandemie. Profiteure sind vor allem die Teilnehmer im Coronaimpfstoff-Wettkampf: Biotechunternehmen wie etwa das deutsch-niederländische Unternehmen Qiagen oder die Mainzer von Biontech werden umgarnt und stehen vor großen Innovationen. Bei der Tübinger Curevac AG ist gar der Bund mit 300 Millionen Euro eingestiegen, der Börsengang steht unmittelbar bevor.

Am schlimmsten hat es die Bereiche Transport & Logistik sowie die Automobilindustrie erwischt. Der länderübergreifende Transport-Niedergang mag zunächst überraschend klingen, denn Paketzusteller, die über zu wenig Arbeit klagen, hatte man während des Lockdowns eher nicht vernommen. Doch BCG-Partner Amarendran Subramanian rechnet auch Tourismus, zivilen Luftverkehr sowie den Nahverkehr zum Sektor. „Die Menschen haben sich einfach weniger bewegt“, sagt Subramanians. Lufthansa und Tui dürften das bestätigen, der Flugverkehr kam zeitweise nahezu zum Erliegen.

Vor allem Deutschlands Schlüsselindustrie, der Autobau, geriet während der Corona-Monate stark unter Druck. Laut BCG lagen etwa die Verkäufe von Neuwagen in Spanien und Frankreich im April um dramatische 95 Prozent unter dem Niveau der Vor-Corona-Zeit; selbst wer das Geld gehabt hätte, wäre im Lockdown kaum ins Autohaus gekommen. Doch seit Mai geht es auch hier wieder spürbar bergauf. Die Konsumlaune bessere sich allgemein in Europas Kernmärkten, schreiben die Studienautoren, und befinde sich bereits wieder bei 90 Prozent (oder noch darüber) des Vor-Corona-Niveaus.

Ausreißer nach unten ist hier Großbritannien, wo der allgemeine Konsum nach wie vor rund ein Viertel unter Normalniveau liegt. „Die Menschen können wieder rausgehen und die Wirtschaft hat auch einen gewissen Nachholeffekt zu spüren bekommen“, sagt Subramanian. „Nach dem Lockdown haben wir anhand der Daten von Mobilfunknetzbetreibern feststellen können, dass die Leute wieder vermehrt das Bedürfnis verspüren rauszugehen. Wir haben hohe Aktivitäten in den Läden und Restaurants vermerkt.“

Europa, lautet das Zwischenfazit des BCG-Partners, sei „überraschend schnell zurückgekommen. Vor acht Wochen hätte ich nicht damit gerechnet. Das hat einerseits viel mit den Interventionen der Politik zu tun – aber auch mit einer guten, schnellen Handhabe der Pandemie.“ In den europäischen Ländern hätten die Sozialsysteme das Schlimmste verhindert: „Mit Sondermaßnahmen wurden Arbeitsplätze und Lebensgrundlage der betroffenen Menschen gestützt – das hat ein Szenario wie in den USA mit Millionen Arbeitslosen verhindert. Dort hatten und haben die Leute deutlich weniger Geld für Konsum.“

„Am Horizont sind dunkle Wolken zu sehen“

In Zahlen: Vor Ausbruch des Coronavirus‘ lag die Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten bei 3,5 Prozent. Zwischenzeitlich war sie gar auf über 13 Prozent; aktuell ist sie leicht gesunken auf rund elf Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland stieg die Arbeitslosenquote im Juni auf 6,2 Prozent. Auch die deutlich stärker betroffenen europäischen Länder schlagen sich wirtschaftlich besser als die USA: In Frankreich lag die Arbeitslosenquote zuletzt bei 8 Prozent, in Italien knapp darunter (7,8 Prozent); nur Spanien weist mit 14 Prozent eine schlechtere Quote auf, hatte aber schon vor Corona damit zu kämpfen.

Über die Lage in den USA schreiben die Autoren: „Die Sorge über eine zweite Welle wächst. Am Horizont sind dunkle Wolken zu sehen.“ Die Konsumentenaktivität liegt in den USA bei 86 Prozent des Vor-Corona-Niveaus. Das klingt nicht alarmierend. Aber: Schon 15 Prozent weniger Umsatz, warnt Subramanian, „kann in manchen Sektoren über Profitabilität und rote Zahlen entscheiden“. Wie umwälzend die Veränderungen sind, lässt sich an zwei Zahlen ablesen, die die BCG-Autoren für den US-Bundesstaat Arizona analysiert haben: Während die Umsätze bei Essenslieferungen im Juli um fast 168 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum angestiegen sind, muss die Mitfahr-Industrie („Ridesharing“) einen Umsatzrückgang von 74 Prozent verkraften.

Vor allem im Gegensatz zu den USA, aber auch zu den europäischen Ländern, ist Chinas wirtschaftliche Erholung besonders beeindruckend. Hier sind fast alle von BCG untersuchten Sektoren auf Vorkrisenniveau oder besser; einzig Transport & Logistik ist, wie überall, noch etwas schwächer. „Grundsätzlich hat China sehr vielfältige und starke Maßnahmen, um Infektionsketten zu entdecken und zu unterbinden“ erklärt Subramanian. „Das spielt China hier in die Hände, um lokale Infektionsherde zu bekämpfen, und den Rest des Landes konsumieren zu lassen.“ China zeige die „Erfolgsgeschichte“ der am stärksten vom Coronavirus betroffenen Länder, schreiben die Autoren in ihrer Analyse, und kehre nun zum Wachstum zurück. Das könne aber noch eine andere Entwicklung nehmen, meint Subramanian, falls es „ein zweites Wuhan“ geben sollte: „Hier wird sich zeigen, ob die dortigen Maßnahmen hinsichtlich der Abwehr einer zweiten Welle ausreichend sind.“

Für die Studie haben die Autoren eine Vielzahl an Daten ausgewertet. Neben den für alle Industriesektoren relevanten Daten wie etwa Webverkehr (also der Anzahl der Besuche auf ausgewählten Webseiten, sortiert nach Kategorien), Kreditkartendaten, Entwicklung von Aktienindizes und Arbeitslosenzahlen berücksichtigten die Autoren – sofern für das Land vorhanden – auch spezifisches Zahlenmaterial wie Auto- und Halbleiterverkäufe, Kreditvolumen, Anzahl der öffentlichen Ausschreibungen und Bauanträge, Strom- und Benzinverbrauch, Summe der Import- und Exportvolumen – und sogar Abo-Zahlen von Video-Streamingdiensten wie Netflix und Co.

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