Bilfinger verkauft Energie-Sparte Panik auf der Bilfinger-Titanic

Es sollte Handlungsfähigkeit demonstrieren, was der neue Bilfinger-Chef Per Utnegaard in Abstimmung mit Großinvestor Cevian verkündete: Bilfinger werde sein durch und durch krankes Standbein, den Power-Bereich, abstoßen. Ein krasser Entschluss nach nur 17 Tagen Amtszeit.

Bilfinger Quelle: dpa/Montage

Bilfinger wird seine Energie-Sparte verkaufen, das steht seit dieser Woche fest. Ein krasser Entschluss von Per Utnegaard, der nicht einmal drei Wochen auf dem Chefsessel sitzt. Auf den zweiten Blick zeigt der radikale Schnitt bei dem tief abgestürzten Mannheimer M-Dax-Konzern aber etwas ganz anderes: Panik herrscht auf der "Mannheimer Titanic" namens Bilfinger.

„Wer verkaufen will, müsste erst mal den Markt sondieren“, kommentiert ein Top-Manager mit ganz engem Bilfinger-Draht kritisch den Schnellschuss. Sondierung aber hat faktisch kaum stattgefunden. Ein Jahr will Utnegaard nach einem Käufer suchen. Das lähmt nicht nur die Mitarbeiter in der Power-Sparte, sondern hat negative Auswirkungen in den ganzen Konzern hinein, der mal vom Bau kam und nun ansonsten von Industriedienstleistungen und Gebäudemanagement lebt.

Die Zukunft der Bilfinger-Manager
Noch-Chef Per Utnegaard – Nobody aus NorwegenHierzulande war der Norweger Per H. Utnegaard bis zu seiner Berufung zum neuen Bilfinger-Vorstandschef weitgehend unbekannt. Utnegaard übernahm zum 1. Juni 2015 den Chefposten von Herbert Bodner. Der 55-Jährige war zuvor von 2007 an Chef von Swissport International. Der Schweizer Konzern mit Hauptsitz in Zürich gilt als weltgrößte Servicegesellschaft für Flughäfen und Fluggesellschaften. Zum 30.4.2016 scheidet Utnegaard aber bereits wieder aus dem Unternehmen aus – die Suche nach einem Manager, der den Wandel bei Bilfinger begleitet, beginnt also aufs Neue. Bewertung: Dienstleistung konnte Utnegaard bereits vor seiner Bilfinger-Zeit. Aber Flughafenservice – acht Jahre lang sein Thema bei Swissport – ähnelte keinem der wichtigen Bilfinger-Geschäftsfelder. Am ehesten gab es Überschneidungen zum Facility Management. Aber genau da hat Bilfinger kaum Probleme. In Bilfingers Bereichen mit den großen Sorgen hingegen – also Kraftwerks- und Industrieservice – musste sich der Neue wie Roland Koch 2011 erst einmal einarbeiten. Nach nicht einmal einem Jahr ist er wieder weg. Quelle: Presse
Ex-Chef Herbert Bodner – Scherbenhaufen statt AufsichtsratschefBodner ist ein Bilfinger-Urgestein. Der Österreicher arbeitete seit 1991 für den Baukonzern. Acht Jahre später wurde er Vorstandsvorsitzender und begann, das Unternehmen ihn zum Industrie- und Kraftwerksdienstleister umzubauen. Als sein Vertrag 2011 aus Altersgründen nicht verlängert wurde, folgte ihm Roland Koch nach. 2013 kam Bodner dann planmäßig in den Bilfinger-Aufsichtsrat und sollte dessen Vorsitzender werden. Als Koch aber nach der Kette von Gewinnwarnungen im August 2014 aufgab, ließ sich Bodner in die Pflicht nehmen und übernahm wieder den Posten an der Unternehmensspitze – um im Sommer 2015 an Utnegaard zu übergeben. Bewertung: Es ist ein tragisches Ende einer ziemlich großen Karriere. Bodners scheinbar erfolgreiches Lebenswerk zerbröselt vor seinen Augen zum Scherbenhaufen. Nun muss er zum Ende seiner Amtszeit auch noch den neuen Korruptionsfall in Brasilien eingestehen, der allerdings in die Ära Koch gehört. Quelle: PR
Axel Salzmann – Aufklärung und NeuanfangSeit dem 1. April 2015 ist Axel Salzmann neuer Finanzvorstand von Bilfinger und damit Nachfolger von Joachim Müller. Müller hatte sich "einvernehmlich", aber in Wahrheit schwer belastet von den Gewinnwarnungen 2014, von Bilfinger getrennt. Salzmann war zuvor seit 2008 Finanzvorstand von ProSiebenSat.1. Jetzt erhält Salzmann bei Bilfinger eine Zusatzaufgabe: "Bis auf weiteres" übernimmt er ab Mai die Aufgaben des zurückgetretenen CEO Utnegaard. Bewertung: Salzmann muss schonungslos analysieren, warum die Bilfinger-Chefetage über die Ergebnis-Entwicklung in den Sparten des Unternehmens 2014 offenbar nicht ausreichend informiert war und infolgedessen ihre Zahlen viermal korrigierte. Quelle: Presse
Michael Bernhardt – der ArbeitsdirektorSeit November 2015 ist Michael Bernhardt neuer Arbeitsdirektor und Personalvorstand bei Bilfinger. Er übernimmt die Aufgaben von Jochen Keysberg, der diese interimistisch geleitet hatte. Zuvor hatte Roland Koch diese beiden Funktionen inne. Mit Bernhardt wird die Funktion wieder eigenständig. Der 48-Jährige war zuvor in gleicher Funktion bei der Chemiegesellschaft Covestro, der ehemaligen Bayer Material Science, tätig. Quelle: Presse
Jochen Keysberg – Standfest im Köln-DesasterDer promovierte Bauingenieur und Youngster im Bilfinger-Vorstand ist seit 1997 bei dem früheren Baukonzern tätig. In dieser Zeit hatte er verschiedene Führungspositionen im In- und Ausland inne. Seit 2012 verantwortet der 48-Jährige im Konzernvorstand unter anderem die Gebäudemanagement-Sparte. Bewährt hat Keysberg sich beim Kölner Desaster 2009. Das Stadtarchiv dort stürzte ein, vermutlich weil eine unter anderem von Bilfinger geführte U-Bahn-Baustelle unbemerkt das Fundament unter dem Gebäude beschädigt hatte. Zwei Menschen starben, Kulturgut im Milliardenwert versank im Schlamm. Bodner tauchte ab, Keysberg aber erklärte souverän in der aufgewühlten Stimmung den Medien die technischen Gegebenheiten von Schlitzwänden und Schubhaken, ohne eine Schuld des Bilfinger-Baukonsortiums anzuerkennen. Keysberg war in Köln das Gesicht des Konzerns. Bewertung: Eigentlich ein Manager mit Zukunft und Kommunikationstalent. Aber eigenes Management-Profil hat Keysberg unter Koch kaum gewonnen. Die ganz große Aufgabe käme wohl zu früh. Quelle: PR
Joachim Enenkel – Ex-Vorstand mit Bilfinger-HistorieAls Bilfinger im Sommer 2015 seinen Vorstand von fünf auf drei Mitglieder verkleinert hatte, musste Joachim Enenkel gehen – er galt zuvor schon als Vorstand auf Abruf. Über mehrere Stationen in Ingenieurbüros und Bauunternehmen kam Enenkel 1996 zu Bilfinger. Bald übernahm er Führungspositionen im In- und Ausland. Der 52-Jährige gehört seit 2010 dem Vorstand an. Dort verantwortet er derzeit nur noch die Bausparte, die größtenteils inzwischen an den Schweizer Bau-Marktführer Implenia verkauft wurde. Zuvor war Enenkel im Vorstand auch für die Kraftwerks- und Rohrleitungssparte verantwortlich, deren Verluste aber 2014 binnen weniger Monate die vier Gewinnwarnungen auslösten. Die Verantwortung für den Bereich hatte Enenkel deshalb verloren. Quelle: PR
Pieter Koolen – Ex-Vorstand mit Heimweh nach HollandPieter Koolen kam auf dem Koch-Ticket und wirkte nach dessen Abgang wie ein Fremdkörper bei Bilfinger – auch er musste wie Enenkel bei dem Vorstandsumbau gehen. Koolen wurde nach mehreren leitenden Funktionen bei Wirtschaftsprüfungs- und Bauunternehmen 2005 Vorstand beim Consulting- und Ingenieurdienstleister Tebodin in Den Haag. Diese Firma hat Bilfinger 2012 übernommen. Mit fast 5000 Mitarbeitern ist Tebodin ein Schwergewicht im Bilfinger-Reich, aber kaum damit verbunden. Seit September 2013 gehört Koolen dem Konzernvorstand an und leitet die Sparte Industriedienstleistungen. Damit ist der 59-Jährige Nachfolger des hoch angesehenen und langjährigen Bilfinger-Top-Manager Thomas Töpfer – für Koolen eine Bürde, weil Roland Koch Töpfer schasste und dem Industrieservice-Bereich zugleich die Eigenständigkeit nahm. Quelle: PR

Utnegaards Botschaft ist eine 180-Grad-Wende. Bilfinger-Konzernarchitekt und Interimschef Herbert Bodner vertrat bis zu seinem endgültigen Abschied Ende Mai die Ansicht, alle Sparten sollten beieinander bleiben. Nach fast einem Jahr Bodner-Agonie folgt nun der Juni-Schock. Mit Strategie hat das alles nimmer noch nichts zu tun.

Verkauf kann zusätzliche Kosten bringen

Außerdem: Den desolaten Power-Bereich nun als Totalschaden zu verkaufen, kann leicht zusätzliche Kosten statt echte Erträge bedeuten, die Utnegaard gerne hätte. Wer soll zuschlagen bei einem Bereich, der seinen Markt verloren hat, korruptionsbelastet ist und von dem zuletzt fünf Gewinnwarnungen ausgingen? Ein Käufer wird in der besten Verhandlungsposition sein und Forderungen ohne Ende stellen – Bilfinger will die Sparte ja bloß noch los werden, irgendwie.

Einzelteile des Power-Bereichs stehen sicher noch gut da und ließen sich zu separat einem angemessenen Preis veräußern. Würde Utnegaard aber diesen Weg wählen, behielte er am Ende nur die Leichen im Keller – viele Leichen. Auch keine schöne Aussicht und deshalb offenbar keine Option.

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Die anspruchsvolle Alternative wäre, den in gut zehn Jahren zusammen gekauften Energiedienstleistungsbereich zu sanieren, zu konzentrieren, zu internationalisieren – und in diese Entwicklung glaubwürdig zu investieren. Genau das traut der Investor Cevian sich und der Bilfinger-Mannschaft offenbar nicht mehr zu und sucht Hals über Kopf ein Ende mit Schrecken.

Für den eben genannten Bilfinger-Intimus ist das „eine Bankrotterklärung“.

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