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Billiglöhne in der Schlachtindustrie „Ich war fremd und ihr habt mich ausgebeutet“

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„Betriebsfrieden massiv beschädigt“

Die MF Gruppe bezeichnet die Darstellung von Frida Z. als „falsch“. So habe es sich bei der „Krankmeldung nicht um einen Arbeitsunfall“ gehandelt. Weder bei der Krankheitsbescheinigung noch bei der AOK sei ein Arbeitsunfall in diesem Zeitraum bekannt. Vielmehr sei die Mitarbeiterin gekündigt worden, „da ihr Verhalten den Betriebsfrieden massiv beschädigt“ habe.

Dabei hat Frida Z. die Arbeit in dem Schlachtbetrieb durchaus gerne gemacht. Hähnchenbrüste hatte sie zu marinieren. Gegen die Kälte hatte sie sich ordentlich gewappnet: Zwei Hosen, zwei paar Socken und drei Blusen trug sie unter der dicken Skijacke. Was sie mehr störte als die Kälte war die mutmaßliche Ungerechtigkeit: Die Arbeiter des zur PHW-Gruppe gehörenden Unternehmens Donautal hätten ordentliche Arbeitskleidung bekommen. Die hätten zwar auch die Arbeiter der MF Gruppe bekommen – allerdings nur gegen Entgelt.

Die MF Gruppe widerspricht dieser Darstellung. Sämtliche Arbeitsmittel wie Arbeitskleidung, Haarnetze oder Mundschutz würden den Arbeitgebern unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Da es „insbesondere bei Thermokleidung und Stechschutzhandschuhe“ zu Unregelmäßigkeiten „bei einer Vielzahl von Mitarbeitern gekommen“ sei, sei jedoch vertraglich vereinbart worden, dass bei Austritt aus dem Unternehmen diese Gegenstände zurückgegeben werden müssen. „Sollten einzelne Arbeitsmittel verschleißen, bekommen diese Mitarbeiter bei Rückgabe selbstverständlich unentgeltlich neues Arbeitsmittel zur Verfügung gestellt“, heißt es von der MF Gruppe.

Marius Hanganu, Mitarbeiter der Beratungsstelle „Faire Mobilität“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), ist regelmäßig mit Beschwerden von Arbeitern des Schlachtbetriebs in Bogen konfrontiert. Überlange Arbeitszeiten beim Subunternehmen MF Gruppe seien laut Hanganu ein Dauerthema unter den Arbeitern: „Während die Frühschicht im Schlachthaus pünktlich endet, kann die Spätschicht mitunter von 15 Uhr bis nach Mitternacht dauern“, sagt Hanganu. Der Mindestlohn sei in den Hanganu bekannten Fällen dabei ordnungsgerecht bezahlt worden.

Die MF Gruppe bestätigt, dass das „Arbeitsende der Spätschicht flexibel“ sei, da das „Auftragsvolumen täglich“ schwanke. „Als systemrelevantes Unternehmen gab es Ausnahmen im Arbeitszeitgesetz im Zeitraum April, Mai und Juni 2020.“ Die Produktionszeiten seien von 6 Uhr bis maximal 1:30 Uhr ausgelegt. „Berücksichtigt man jeweils eine Stunde Pause pro Schicht beträgt die effektive geplante Arbeitszeit pro Tag 8,75 Stunden“, heißt es von der MF Gruppe. Prüfungen des Zollamtes hätten laut dem Unternehmen in der Vergangenheit keinen Grund zur Beanstandung ergeben.

Die PHW-Gruppe betont, dass sie „ausschließlich mit deutschen Werkvertrags- und Leiharbeitsfirmen“ zusammenarbeite. „Das heißt, dass die Werkvertragsarbeitgeber mindestens den tariflich vereinbarten Mindestlohn zahlen, der aktuell bei 9,35 Euro liegt“, teilt die PHW-Gruppe mit. Zudem lasse die PHW-Gruppe die „Lohnabrechnungen und Auszahlungsbescheide der Werkvertragsunternehmen durch eine unabhängige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft prüfen“.

Dass die Arbeiter bei MF Gruppe in der Regel die überlangen Arbeitszeiten hinnehmen, liegt laut Hanganu auch an deren Wohnsituation. „Die Arbeiter mieten die Zimmer von Unternehmen aus dem Umfeld der MF Gruppe. Die genauen Mietverhältnisse sind intransparent. Aber durch die Verquickung von Unterkunft und Arbeit steigt die Abhängigkeit dieser Menschen“, so Hanganu. Die MF Gruppe lässt hingegen mitteilen, dass das Unternehmen „keine Wohnungen“ vermiete.

Die Unterkünfte seien laut Hanganu meist in schlechtem Zustand. „Die Zimmer der Arbeiter befinden sich meist in Schrottimmobilien. Nicht selten sind die Zimmer mit zwei bis fünf Arbeitern belegt. Dafür wird den Arbeitern im Schnitt im Monat 250 Euro pro Bett berechnet“, sagt Hanganu. Eine Schande, findet der Gewerkschafter, gerade im christlichen Bayern. Hanganu sagt: „Die Bibelstelle ‚Ich war fremd und ihr habt mich bei euch aufgenommen‘ muss für die Arbeiter aus Südosteuropa in Bayern leider lauten ‚Ich war fremd und ihr habt mich ausgebeutet‘.“

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