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Biontech, Moderna, Astrazeneca – Curevac? Die PR-Schlacht um den besten Impfstoff ist eröffnet

Spritze in einer Hand Quelle: dpa

Noch wirksamer! Noch sicherer! Die Hersteller von Corona-Impfstoffen übertrumpfen sich gegenseitig mit Erfolgsmeldungen. Dabei haben sie vor allem ihre Aktienkurse im Blick. Einige Unternehmen schießen dabei schon mal über das Ziel hinaus.

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Die Zahlen der Corona-Infizierten sind unverändert hoch. Aber wenn es nach den Impfstoffherstellern geht, ist mit der Pandemie bald Schluss – und zwar dank ihnen: Am Montag, den 9. November, verkündeten zuerst das Mainzer Biotechunternehmen Biontech und sein US-Partner Pfizer, dass ihr Serum in 90 Prozent der Fälle vor Corona schütze. Gut eine Woche später berichtete das US-Unternehmen Moderna von einer Wirksamkeit von 94,5 Prozent. Kurz darauf preschten wiederum Biontech und Pfizer vor – nach neuesten Daten erziele ihr Serum nun eine Schutzwirkung von 95 Prozent. Zuletzt legte Astrazeneca nach, hinkt dabei aber etwas hinterher: Der britisch-schwedische Pharmakonzern erklärte, dass sein Präparat zu 70 Prozent schütze. Bekämen Probanden aber zunächst eine halbe Dosis der Schutzimpfung und einen Monat später die halbe, liege die Wirkung bei 90 Prozent. 

Was wirkt wie ein willkürliches Wettbieten hat eine wissenschaftliche Basis: Die jeweiligen Zahlen werden von unabhängigen Experten erhoben. Trotzdem nimmt der Wettbewerb der Impfstoffhersteller, die sich im Tagestakt zu übertrumpfen suchen, schon etwas absurde Züge an. Die Unternehmen wollten nicht in erster Linie die breite Öffentlichkeit informieren, sagt Brigitte Strahwald, Epidemiologin und Expertin für Pharma-Kommunikation an der Ludwig-Maximilians-Universität in München: „Den Pharmaunternehmen geht es bei der Kommunikation an erster Stelle um die Finanzmärkte.“

Die reagieren schnell auf gute Neuigkeiten. „Kaum war die erste Meldung von Biontech draußen, stiegen die Kurse. Und deswegen mussten auch die anderen Impfstoffhersteller nachziehen und erklären, warum ihre Impfstoffe, die da kommen, noch besser sind“, sagt Strahwald Welch große Rolle die PR-Arbeit für die Pharmaunternehmen einnimmt, zeigt sich an der schieren Zahl der Pressemitteilungen: Veröffentlichte Biontech im vergangenen Jahr gerade einmal 14 Pressemeldungen, sind es in diesem Jahr schon an die 60. Moderna gab in diesem Jahr schon über 90 Pressemitteilungen heraus, verglichen mit 41 im vergangenen Jahr. Und der Tübinger Wettbewerber Curevac liegt bei knapp 30 Meldungen – verglichen mit nicht einmal 20 im vergangenen Jahr. 

Zuweilen schießen Unternehmen dabei über das Ziel hinaus. So erklärte Stéphane Bencel, der Chef von Moderna, im Schweizer Fernsehen, dass das Unternehmen genug Impfstoffdosen parat habe, um bis zum Sommer alle Impfwilligen in der Schweiz, Europa, den USA und vielen anderen Ländern zu versorgen. Intern scheint dabei die Kommunikationsstrategie nicht recht abgestimmt gewesen zu sein. Denn Technikvorstand Juan Andres hatte erst wenige Tage zuvor öffentlich zu Protokoll gegeben: „Klar ist, dass es zunächst sehr viel weniger Impfstoff geben wird als benötigt.“ Moderna erklärte, 2021 zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Impfstoffdosen zu produzieren. Allein in der EU leben knapp 450 Millionen Menschen. Damit der Impfstoff wirksam ist, braucht es zwei Dosen. Selbst wenn Moderna bereits im ersten Halbjahr 500 Millionen Impfstoffdosen produzieren sollte, würde das gerade einmal für die Hälfte der Einwohner der EU reichen – die USA und anderen Ländern, von denen Bencel sprach, mal außen vor.

Immerhin stehen Moderna und Biontech/Pfizer mit ihren Impfstoffen bereits kurz vor der Zulassung. Beim Tübinger Biotechunternehmen Curevac dauert dies wohl noch etwas länger, die Rede ist von Mitte 2021. Entsprechend muss Curevac derzeit besonders um Aufmerksamkeit kämpfen, um in dem anschwellenden Nachrichtenfluss nicht unterzugehen. Bereits vor einigen Monaten, als schon absehbar war, dass Curevac nicht zu den ersten gehören werde, die einen Impfstoff auf den Markt bringen, erklärte Hauptaktionär Dietmar Hopp dem „Handelsblatt“, dann wolle man eben versuchen, den „besten“ Impfstoff zu finden. Eine Aussage, die Curevac Aufmerksamkeit brachte, die aber bei Biontech für eher wenig Heiterkeit sorgte. 

Vor wenigen Tagen nutzte Curevac dann die Gunst der Stunde, als die Öffentlichkeit gerade darüber diskutierte, wie die neuen Impfstoffe denn gelagert werden. Das Präparat von Biontech bleibt – bislang – bei Kühlschranktemperaturen nur fünf Tage stabil und muss ansonsten bei minus 70 Grad gelagert werden – eine Herausforderung für den weltweiten Frachttransport. Moderna erklärte kurz darauf, dass sein Impfstoff 30 Tage lang im Kühlschrank stabil bleiben könnte. Und dann erklärte Curevac, dass sein Serum sogar drei Monate haltbar bliebe. Dabei hat das Unternehmen die letzte Testphase für seinen Impfstoff noch gar nicht erreicht. „Da wird die Hoffnung verkauft und die Information ist natürlich willkommen“, urteilt Expertin Strahwald.  Auch Curevac müsse seine Aktionäre bei Laune halten.

Die Unternehmenschefs setzen in ihren Reden auch auf die Hoffnung auf ein Weihnachtswunder. Der Antrag von Biontech und Pfizer auf Notfallgenehmigung bei der amerikanischen Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA ist eingereicht, wenn die Behörde zustimmt, könnten die ersten Patienten in den USA den Impfstoff schon in der zweiten Dezemberhälfte bekommen. „Wenn sie so wollen ein Weihnachtsgeschenk“, sagte Biontech-Gründer Sahin kürzlich in einem Interview.

So versucht jeder Impfstoffhersteller, die eigene Besonderheit herauszustellen und die anderen Hersteller zu überbieten. 


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Kommunikationsexpertin Strahwald rechnet mit einer weiteren PR-Eskalation, wenn Pharmariesen wie Johnson&Johnson und Sanofi mit ihren Impfstoffen weiterkommen. „Die werden uns den Durchbruch der Durchbrüche erklären.“ Dass die Strategien der Impfstoffhersteller aufgehen, wundert sie nicht: „Die beste Marketingmaschine ist die Weltöffentlichkeit. Alle warten auf den Impfstoff und haben so große Hoffnungen, dass sie sofort auf jede Meldung anspringen.“

Mehr zum Thema: Unsere animierte Karte zeigt, wo sich der Kampf gegen Corona entscheidet

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