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BMW-Managerin zum Abgasskandal „Dieselgate? Ich finde, es sollte VW-Gate heißen“

Nach VW gibt auch die Tochter Audi Schummeleien zu. Was BMW-Produktmanagerin Hildegard Wortmann vom sich ausweitenden Abgasskandal der Konkurrenten hält – und warum für sie Europa ohne Diesel unvorstellbar ist.

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BMW-Managerin Hildegard Wortmann wird erste Vorständin bei Audi Quelle: PR

Los Angeles Kein BMW kommt auf den Markt, der nicht vorher von Hildegard Wortmann abgesegnet wurde. Die oberste Produktmanagerin des Münchener Autobauers hat einen Hang zu schnellen Autos – gerade, wenn sie elektrisch sind. Wenn nur die Blitzer nicht wären.

Frau Wortmann, Volkswagen beherrscht seit Monaten die Schlagzeilen. Merken Sie, dass der Emissionsskandal sich auf die Autobranche insgesamt auswirkt?
Die Auswirkungen spürt die ganze Industrie. Es ist kein schönes Thema und es macht die Arbeit mit den Behörden und Regulatoren nicht einfacher. Man kann sich davon gar nicht entziehen, auch wenn man wie wir gar nicht davon betroffen ist.

Hat sich der Ton der Regulierer BMW gegenüber bereits verschärft?
Nein, das kann ich nicht sagen. Aber das Thema Emission wird viel mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft der Diesel-Technologie?
„Dieselgate“ heißt es immer so schön. Ich bin der Meinung, man sollte es „VW-Gate“ nennen. Diesel ist nach wie vor eine der effizientesten und besten Antriebstechnologien die wir haben. Europa ist ohne Diesel unvorstellbar. Ein Grund, warum Europa bei den CO2-Emissionen deutlich unter denen der USA liegt, ist der hohe Diesel-Anteil.

Könnten nicht Elektroautos und anderen alternativen Antriebsformen die Diesel ersetzen?
Der Anteil an elektrischen Antrieben und den Brennstoffzellen steigt sicherlich. Aber die Infrastruktur ist einfach noch nicht so weit, dass man die Technologien flächendeckend statt Diesel einsetzen könnte. Deshalb: Wenn man die richtige Diesel-Technologie hat – was ich für uns auf jeden Fall beanspruche – dann führt an Diesel gar kein Weg vorbei.

Wenden sich die Kunden in den USA oder in Europa von Dieselfahrzeugen ab?
Da merken wir weder in den USA noch sonst wo irgendeinen Effekt. Es gibt keine Kaufzurückhaltung, keine gesteigerte Präferenz für Benziner. Wer zum Beispiel am X5 Diesel interessiert war, der kauft ihn auch weiterhin. Dafür ist das Vertrauen in die Marke BMW und in unsere Technologie groß genug.

Sorgen Sie sich um den Ruf von „Made in Germany“ oder „German Engineering“?
Da hoffe ich, dass es gelingt, mit vereinten Kräften die Kerbe sehr schnell wieder auszuwalzen. Und da helfen auch alle Kollegen entsprechend mit.

Denken Sie aufgrund des Skandals darüber nach, Ihre Elektrostrategie zu beschleunigen?
Unsere Strategie hat sich nicht geändert. Wir haben schon sehr früh mit BMWi die Weichen für die Elektromobilität gestellt und bauen das jetzt konsequent weiter aus. Ich glaube, wir sind sehr gut aufgestellt.

Der i3 ist jetzt seit zwei Jahren auf dem Markt. Wie wird er angenommen?
Zwei Jahre – das ist noch relativ kurz. Aber die Verkaufszahlen können sich sehen lassen. Wir liegen weltweit auf Platz drei, jedes zehnte elektrische Auto ist ein i3. Dieses Jahr haben wir mit den i-Fahrzeugen bis Ende September über 20.000 verkauft. In Deutschland war der i3 im vergangenen Jahr das am meisten verkaufte E-Auto.


„Tesla hat uns allen richtig gut getan“

Wie sehr sind die Kunden wirklich an Elektroautos interessiert?
Es geht alles in die richtige Richtung. Klar hätten wir uns gewünscht, dass der Anlauf nicht so lange dauern würde. Aber es braucht eben auch in einigen Märkten regulatorische Unterstützung. Nehmen Sie Norwegen: Da ist der i3 das meistverkaufte BMW-Modell. Warum? Weil Norwegen eine sehr progressive Elektromobilitätsstrategie fährt. In der Hauptstadt Oslo finden Sie überall Ladestationen, Sie können kostenlos parken. Sie haben Steueranreize. Man sieht schon: Wenn man die richtigen Weichen stellt, funktioniert Elektromobilität hervorragend und die Kunden lieben es.

Bewegt sich etwas in Deutschland?
Deutschland tut sich mit Ladeinfrastrukturen noch sehr schwer, und es gibt keine ausreichende Incentivierungsmaßnahmen. Da braucht es einfach länger bis sich der Markt entwickelt.

Was kann die Autoindustrie tun, um die Kunden für Elektroautos zu begeistern?
Elektromobilität ist in vielen Köpfen immer noch eine Verzichtserklärung. Man denkt an Öko, Jutetasche und Co. Aber das hat mit dem i3 oder dem i8 überhaupt nichts zu tun. Jeder steigt nach einer Testfahrt mit dem i3 mit einem breiten Lachen aus. Es macht einfach richtig Spaß, das Auto zu fahren. Und ich glaube, wir haben einfach alle noch nicht richtig verstanden, diesen Spaß ausreichend zu vermitteln und damit die Kunden zu überzeugen.

Hilft Tesla dabei, dass sich Kunden stärker für Elektroautos interessieren?
Ich hab immer gesagt: Tesla hat uns allen richtig gut getan. Tesla hat Elektromobilität sexy gemacht. Wobei Tesla natürlich in erster Linie eine amerikanische, und vor allem eine kalifornische Geschichte ist. Die weltweite Bedeutung ist überschaubar.

Die Branche diskutiert derzeit intensiv über die richtige Reichweite und mit wie vielen Batterien ein Elektroauto ausgestattet werden sollte.
Wir können den i3 auch mit 500 Kilometer Reichweite ausstatten, nur es macht absolut keinen Sinn, dieses Gewicht an Batterien durch die Gegend zu fahren. Es ist ja schließlich ein Mega-City-Vehicle. Aber natürlich entwickelt sich die Batterietechnologie weiter. Wir bekommen eine höhere Effizienz aus der Batterie. Natürlich werden wir mit Upgrades entsprechend mithalten und auch die Reichweiten steigern. Aber wir werden nicht in einen Reichweiten-Wahnsinn verfallen.


„Apple und Google sind im weitesten Sinn Inspiration“

Taxi-Apps wie Uber und Lyft gewinnen in den USA immer neue Nutzer, und zwar nicht nur Millenials, sondern auch Banker und Senioren. Stellen Sie sich auf eine Zeit ein, in der man kein eigenes Auto mehr braucht?

Ich bin überzeugt: Es wird immer einen Bedarf an individueller Mobilität geben. Gerade im Premium-Bereich hat es durchaus einen absoluten Wert, sein eigenes Fahrzeug zu haben und damit die Freiheit, wann immer man möchte, in ein luxuriöses Fahrzeug zu steigen und es zu nutzen. Nichts desto trotz werden alternative Konzepte im Carsharing immer relevanter. Wir sind mit Drive Now deshalb entsprechend früh gestartet. Zum Glück. Ich finde, wir sind gut aufgestellt, haben jetzt auch i3 in der Drive-Now-Flotte. Allein in Kopenhagen haben wir 400 i3, das ist die größte E-Carsharing-Flotte, die es überhaupt gibt.

Wie sehen Sie die Rolle von Google und Apple in der Autoindustrie?
Apple und Google haben uns viele neue Entwicklungen gebracht, wenn es um die Digitalisierung geht. Ich sehe sie weniger als Konkurrenten, sondern eher als Beschleuniger und im weitesten Sinn Inspiration, wenn es um Fragen geht wie: Wie weit können wir gehen? Was können wir tun? Aber auch wenn es um Abgrenzungen geht, zum Beispiel bei der Frage, wie weit wir unsere Kunden im Auto vernetzen wollen und wie wir mit den Kundendaten umgehen.

Muss sich angesichts der vielen Verschiebungen in der Autoindustrie BMW als Marke verändern?
Wir haben eine starke Kernmarke und die Ausprägungen M und i. Mit M sind wir sie im Performance-Markt vorne mit dabei. Gerade in den USA gibt es große Begeisterung für die M-Modelle. Auf der anderen Seite können wir mit den i-Modellen bei Zukunftsthemen punkten. Klar ist: BMW wird immer „Freude am Fahren“, „Sheer Driving Pleasure“, „The Ulitmate Driving Machine“ bleiben. Dafür setze ich mich täglich ein.
Frau Wortmann, vielen Dank für das Interview.

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