WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Boeings Dreamliner-Debakel Nur fliegen ist schöner

Nach der Pannenserie mit schmorenden Batterien beim „Dreamliner“ greift die US-Luftfahrtbehörde FAA durch: Sie erteilt den Boeing-Maschinen Startverbot. Nun bleiben fast weltweit die Flugzeuge des Typs 787 am Boden.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Notgelandete Boeing 787 der All Nippon Airways in Japan. Der Dreamliner bleibt nun wohl weltweit am Boden. Quelle: Reuters

New York Es ist nicht weniger als ein Paradies in 10.000 Metern Höhe, was die US-Fluglinie United ihren Passagieren verspricht. Von einer „spektakulären Flugerfahrung mit unserem neuen Dreamliner“, sprach die Airline Anfang Januar, als sie die Strecke Los Angeles nach Tokio eröffnete. Die Boeing 787 „Dreamliner“ sei eine Maschine, „die das Fliegen revolutionieren wird“.

Doch daraus wird nun nichts. Nachdem Passagiere japanischer Airlines zuletzt zwei Mal die spektakuläre Flugerfahrung von schmorenden Batterien und einer Notlandung gemacht hatten, soll dies nun wenigstens den United-Kunden erspart bleiben: Am Abend ordnete die US-Luftfahrtbehörde FAA in einem drastischen Schritt an, dass alle in den USA registrierten Maschinen dieses Typs vorerst am Boden bleiben müssen.

Das betrifft die sechs Dreamliner, die United als bisher einzige US-Airline in Betrieb hat. Die Fluggesellschaft müsse der FAA erst beweisen, dass die eingebauten Lithium-Ionen-Akkus sicher sind, bevor die Maschinen wieder starten dürfen, teilte die Behörde mit. Es ist das erste Startverbot eines ganzen Flugzeugmodells in den USA seit mehr als 30 Jahren. Die Amerikaner richten sich dabei ausdrücklich auch an die Luftfahrtbehörden anderer Länder: Sie mögen „parallele Maßnahmen für ihre Flotten ergreifen“. 

Anlass ist der jüngste Zwischenfall vom Mittwoch, als ein Dreamliner der japanischen Fluglinie ANA auf dem Weg nach Tokio wegen einer geschmorten Batterie und Rauch in der Maschine notlanden musste. Nur eine Woche zuvor hatte bereits eine 787 der Japan Airlines mit einem Batteriefeuer in Boston zu kämpfen.

Beide Airlines hatten daraufhin ihre zusammen 24 Dreamliner vorerst am Boden gelassen. Air India kündigte am frühen Donnerstagmorgen ebenfalls an, die eigenen sechs Maschinen vorübergehend aus dem Verkehr zu ziehen. Air India-Chef Rohit Nandan sagte der Zeitung „Times Of India“: Im Einklang mit der FAA-Anweisung habe Air India entschieden, die Maschinen vorerst für Überprüfungen aus dem Verkehr ziehen.

Auch die polnische Fluggesellschaft LOT lässt ihre Maschinen am Boden. Neben den Japanern, Air India und LOT haben bereits Ethiopian Airlines, die chilenische LAN Airlines und Qatar Airways den Dreamliner in Betrieb. Die FAA hatte vergangene Woche bereits eine Untersuchung angekündigt, US-Verkehrsminister Ray LaHood hatte die Maschine zu dem Zeitpunkt aber noch als „sicher“ bezeichnet.

Für den Airbus-Konkurrenten Boeing entwickelt sich die Pannenserie zunehmend zum Desaster. Neben den Batterieproblemen hatte der Dreamliner zuletzt bereits mit weniger gefährlichen Bremsschwierigkeiten, Treibstofflecks und einem Sprung der Cockpit-Scheibe Schlagzeilen gemacht. Das Prestigeflugzeug wird mehr und mehr zum Pannen-Flieger.


Dreamliner sorgte weltweit für Spott

Entsprechend alarmiert gab sich Boeing am Mittwochabend nach der FAA-Ankündigung. „Wir sind überzeugt, dass die 787 sicher ist“, sagte Konzernchef Jim McNerney in einer Mitteilung. Man werde die Behörden in ihren Ermittlungen unterstützen und so schnell es geht Antworten finden. „Die Sicherheit der Passagiere und Besatzungen ist unsere höchste Priorität“. Die Boeing-Aktie gab nachbörslich zwei Prozent nach. Die Ratingagentur Moody's warnte, die Zwischenfälle könnten sich negativ für auf die Kreditwürdigkeit des Konzerns auswirken.

Bereits vor der Erstauslieferung im Oktober 2011 hatte der Dreamliner weltweit für Spott gesorgt, nachdem der Starttermin wegen fehlerhafter Bauteile mehrmals verschoben werden musste. Bislang wurden weltweit 49 Exemplare des gut 200 Millionen Dollar teuren Fliegers ausgeliefert, mehr als 800 sind bestellt, darunter 15 von Air Berlin. Airbus entwickelt als Konkurrenzmodell die A350, doch auch bei den Europäern liegt der Auslieferungstermin nach mehreren Verzögerungen noch Jahre voraus.

Der Dreamliner ist Boeings ambitioniertestes Projekt in der Verkehrsluftfahrt-Sparte. Vor allem durch seine neuartige Bauweise aus Kohlenstofffaser und sparsame Triebwerke soll der Langstreckenjet rund 20 Prozent weniger Kerosin verbrauchen als vergleichbare Maschinen. Für die Fluglinien, deren größter Kostenfaktor der Treibstoff ist, ein hochinteressantes Produkt.

Um Gewicht zu sparen, ist das Flugzeug allerdings mehr noch als ältere Modelle auf Strom angewiesen. Viele hydraulische Systeme wurden durch computergesteuerte, elektrische Systeme ersetzt. Um diese zu betreiben, wenn die Triebwerke nicht laufen, braucht es deshalb leistungsfähige Batterien – jene Lithium-Ionen-Akkus, die jetzt Probleme verursachen. Hersteller der Aufladetechnik ist der französische Thales-Konzern.

Lithium-Ionen-Technologie wird auch in Handys, Digitalkameras oder Notebooks eingesetzt, weil so auf kleinem Raum viel Strom gespeichert werden kann. Jedoch gab es bei diesen Elektronikgeräten immer wieder Fälle brennender oder schmorender Batterien. Mit schweren Folgen auch für die Luftfahrt: Im September 2010 stürzte in Dubai eine Boeing 747 des Frachtkonzerns UPS ab, nachdem Akkus im Frachtraum Feuer gefangen hatten.

„Rauch oder Feuer oder allein der Geruch ist eine sehr ernste Situation“, sagte Kevin Hiatt, ehemaliger Pilot und Chef der Nonprofit-Organisation Flight Safety Foundation, dem US-Nachrichtensender CNN. „Du hast nur sehr wenig Zeit, eine Maschine sicher auf den Boden zu bekommen, wenn so etwas im Flug passiert“.

Die US-Luftfahrtbehörde FAA warnte deshalb am Mittwoch, dass solche Batterie-Pannen zu schweren Folgen führen könnten. „Der Grund dieser Fehlfunktionen wird noch untersucht“, hieß es.  Man werde nun eng mit Hersteller und Betreiber zusammenarbeiten, um den Betrieb „so sicher und so schnell wie möglich“ wieder aufnehmen zu können.

Mit Material von dpa

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%