Brain AG Deutsche Biotechfirma macht aus Schrott Gold

Die Brain AG macht den Alchemisten-Traum wahr: Die deutsche Biotechfirma gewinnt mit Hilfe von Bakterien aus Elektroschrott Gold.

Brain AG: Deutsche Biotechfirma macht Gold aus Elektroschrott Quelle: Brain AG

ZwingenbergDas schier Unglaubliche findet in einem unauffälligen, grau-weißen ISO-Standard-Container statt: Dort macht die Brain AG, Deutschlands einziges an der Börse gelistetes industrielles oder „weißes“ Biotechnologieunternehmen, in seinem so genannten BioXtractor Gold aus Elektroschrott.

Möglich macht das eine Anlage, die genauso unspektakulär ist wie die Blechkiste, die sie umgibt: Zwei handelsübliche Edelstahlbottiche, in denen jeweils bis zu 30 Kilogramm an Schrott aus Elektrogeräten und 200 Liter an Wasser sanft gerührt werden.

Hinzu kommt eine Filteranlage, wie sie auch beim Bierbrauen oder in der Papierherstellung zum Einsatz kommt. Das eigentliche Know-how steckt in dem Viertelliter milchig-trüber Brühe, der dem Elektroschrott-Sud zugesetzt wird und in dem sich über den Daumen gepeilt 100 Milliarden Bakterien befinden.

Einen Teil dieser Mikroorganismen haben die Brain-Wissenschaftler in stillgelegten Bergwerken wie der Quecksilbermine Obermoschel in der Pfalz, der Silbergrube Haslach im Schwarzwald und der Lagerstätte Storkwitz in Sachsen gefunden. Dort existieren Bakterien nebeneinander, die sich entweder in einem Umfeld mit Edelmetallen wohlfühlen oder Gold und Silber wie der Teufel das Weihwasser meiden.

Diese Fertigkeiten können wiederum unterschiedlich eingesetzt werden: Während die eine Spezies in der Lage ist, Edelmetalle in Lösung zu bringen, vermögen die Artgenossen, Gold und Silber auf der eigenen Körperoberfläche zu binden. Die Kombination dieser beiden evolutionär entstandenen Begabungen sorgt dann dafür, dass die Mikroorganismenarmee in den Brain-Bottichen die Goldbestandteile aus dem Schrott herauslöst.

Anschließend muss man die Bakterien samt der wertvollen Fracht aus dem Elektroschrott-Sud filtern. Das Ergebnis: Bis zu 98 Prozent des dort enthaltenen Golds lassen sich so abscheiden.

Während Brain bei diesem Verfahren im so genannten Urban Mining noch nicht mit der Kommerzialisierung begonnen hat, ist das Unternehmen bei der Extraktion von Edelmetallen aus Erzen, dem so genannten Green Mining, schon einen Schritt weiter. Dort hat man sich mit einem Hersteller von Chemikalien für die Bergbauindustrie zusammengetan, der in ein paar Jahren die für dieses Verfahren nötige Biomasse herstellen und vertreiben soll.

„Der Goldgehalt in den industriellen Abfallströmen, Schlacken und Aschen ist bis zu tausendmal höher als der in den Erzen der besten Goldmine der Welt. Und jetzt kommt jemand und zeigt einer Industrie, die wegen des sinkenden Goldgehalts in ihren Minen in immer größeren Baggern und tieferen Löchern denkt, dass man Gold mit etwas Wasser und einem Bakterium isolieren kann - das ist eigentlich eine Revolution“, sagt Jürgen Eck, CEO und einer der Gründer von Brain, im Gespräch mit Bloomberg News. Derzeit wird dieses Verfahren für erste Pilotanlagen bei Minenbetreibern weiterentwickelt, relevante Umsätze sollen damit ab 2020 erwirtschaftet werden.

Eine Kooperation mit einem Hersteller ist Brain auch beim Dolce-Konsortium eingegangen. In diesem derzeit wohl wichtigsten Projekt des Unternehmens geht es um die Herstellung und den Vertrieb von zuckerfreien Süßstoffen und Süßgeschmackverstärkern. Basis für deren Entwicklung ist die Fähigkeit von Brain, Geschmackszellen zu kultivieren, die sich auch unter Laborbedingungen weiter wie Geschmackszellen verhalten, und deren Reaktion auf bestimmte Stoffe zu messen.

In den USA ist dieses Verfahren mit dem Patent 9,404,080 unter dem Titel „Human taste cells capable of continuous proliferation“ schon seit August 2016 geschützt. Mitte vergangener Woche hat jetzt auch das Europäische Patentamt die Technologie anerkannt (EP 2841565 B1). „Brain ist das weltweit einzige Unternehmen mit dieser Technologie. Unserer Ansicht nach kann sich Brain damit als Innovationsführer bei Geschmacksmodulatoren für menschliche Nahrung und Tierfutter positionieren“, sagt Analystin Laura López Pineda von Baader-Helvea.

Produziert und vertrieben werden sollen die Süßstoffe und Süßgeschmackverstärker in absehbarer Zeit vom Konsortiumspartner Roquette Frères, einem der weltweit größten Zulieferer von Vor- und Fertigprodukten für die Lebensmittelindustrie aus Frankreich. Als Lizenznehmer gehören dem Konsortium derzeit zwei US-Unternehmen an, nämlich ein global agierender Hersteller von kohlensäurehaltigen Limonaden und ein Produzent von Frühstückscerealien. Deren Namen darf CEO Eck aus vertraglichen Gründen bislang aber noch nicht verraten.

„Die Welt wartet auf einen gut schmeckenden, rein natürlichen biologischen Süßstoff und Süßgeschmackverstärker. Würden wir heute Ross und Reiter nennen, würden die Kunden morgen vor den Regalen stehen und nach diesen Produkten suchen“, sagt er. Da die Zulassungsbehörden in Europa und den USA ihre Arbeit sehr gründlich machen würden, seien die Produkte aber erst 2021 verfügbar und würden ab dann für Umsätze bei Brain sorgen.

„Der Liter einer berühmten kohlensäurehaltigen Limonade enthält ungefähr 100 Gramm Zucker. Den Getränkehersteller kostet das rund 3 Cent. Derzeit füllt die weltweite Nummer eins unter den Herstellern jeden Tag rund eine Milliarde Literflaschen ab. Wird der gesamte Zuckeranteil durch unseren Zusatzstoff ersetzt, können wir also ohne Probleme 3 Euro-Cent pro Literflasche verlangen“, skizziert Eck das Potenzial.

Diesen Umsatz würde dann Roquette machen. Analystin López Pineda von Baader-Helvea rechnet aber damit, dass Brain davon 5,5 Prozent bekommen wird. Eck weist im Gespräch darauf hin, dass derzeit gerade einmal 10 Prozent der Softdrinks weltweit nicht mit Zucker gesüßt werden.


Sohn von Dietmar Hopp hat investiert

Arbeitsteilige Modelle wie das Dolce-Konsortium oder die Kooperation bei der Edelmetallextraktion haben für Brain dabei gleich mehrere Vorteile: So muss das eigentlich nur an die Arbeit im Labormaßstab gewohnte Unternehmen nicht mit der Produktion großer Volumina jonglieren, was schon anderen Akteuren zum Verhängnis geworden ist. Noch dazu schlagen sich die dabei erzielten Umsätze wegen des Fehlens von großen Investitionen nahezu ungeschmälert im Ebit nieder.

„Mit den zuckerfreien Süßstoffen und Süßgeschmackverstärkern haben wir nicht nur Pionierarbeit in der Technologie geleistet, sondern auch ein Business-Modell komplett umgekrempelt“, sagt Eck. Bislang habe der Technologieanbieter seine Innovation an den Zulieferer abgegeben, der sich nur umgedreht und seine Zutaten an den Konsumgüterriesen verkauft habe, der dann in einem marketinggetriebenen B2C-Geschäft das große Geld gemacht habe.

Jetzt profitiere der Technologieanbieter langfristig von seiner Innovationskraft. Und mit Lizenznehmern für Softdrinks und Frühstückscerealien soll noch lange nicht Schluss sein; derzeit verhandelt das Konsortium mit Interessenten für die Bereiche Süßwaren und Molkereiprodukte.

„Für große Märkte werden wir immer auf Partnerschaften setzen, denn der weltweite Roll-out einer Zutat bedarf eines starken, erprobten und bekannten Zulieferers. Es wäre vermessen, wenn wir kurz und mittelfristig sagen würden, dass wir das selbst machen können. Daneben wird es Märkte und Produktentwicklungslinien geben, die wir aus der Brain-Gruppe heraus selbst bedienen wollen, um den kompletten B2B-Umsatz zu realisieren und nicht nur eine Lizenzgebühr“, erklärt Eck.

Die Basis für Mikroorganismen zur Extraktion von Edelmetallen oder zum schmackhaften Ersatz von Zucker ist dabei das weltweit größte Bioarchiv. So lagern bei minus 85 Grad Celsius beispielsweise rund 53.000 Mikroorganismen in den Tiefkühlern von Brain.

Ein anderes Bakterium aus diesem Werkzeugkasten steckt in einer brodelnden bräunlichen Brühe in einem der Laborräume. Diesen Mikroorganismus, der aus der erdgeschichtlichen Frühzeit stammt, haben die Wissenschaftler von Brain in verrußten Schornsteinen von Industrieanlagen gefunden, wo er sich von Co2 ernährt. In der Versuchsanordnung wandelt das Bakterium in die Flüssigkeit eingeleitetes Co2 in Vorprodukte für Biokunststoffe um.

Dieses Verfahren, das in Zusammenarbeit mit Südzucker entwickelt wird, hat im September einen Investor mit einem in Deutschland nicht unbekannten Nachnahmen so fasziniert, dass er in das Unternehmen eingestiegen ist: Für rund 28 Millionen Euro hat Daniel Hopp, Sohn des SAP-Gründers Dietmar Hopp, über eine Kapitalerhöhung rund zehn Prozent an Brain erworben. Dieses Geld will CEO Eck für Zukäufe verwenden. „Auf unserer Liste stehen Akquisitionen, durch die wir direkten Zugang zur Lebensmittelindustrie bekommen“, sagt Eck. Nicht ausschließen wollte Eck auch eine Stärkung durch weitere Anwendungsfelder im Bereich der Enzyme.

Der Einstieg eines Investors mit Namen Hopp muss aber kein Gütesiegel für ein Biotechnologieunternehmen sein. Das zeigt die Geschichte der GPC Biotech AG, in die Dietmar Hopp nach dem Ende seiner operativen Tätigkeit bei SAP im Jahr 2006 für 36,2 Millionen Euro einstieg. Mit dem Prostatakrebs-Medikament Straplatin in der Pipeline galt das Unternehmen als das Kronjuwel im Biotechnologie-Imperium, das sich Hopp seinerzeit aufbaute.

Mitte 2007 gab es den ersten Rückschlag für GPC, als das Beratergremium der US-Zulassungsbehörde Food and Drug Adminstration Satraplatin einstimmig negativ beurteilte. Im Oktober 2007 musste das Unternehmen dann einräumen, dass das Medikament in einer Phase-III-Zulassungsstudie den Endpunkt zur Gesamtüberlebenszeit nicht erreicht hatte. Im November 2009 wurde GPC dann mit der Agennix Inc. fusioniert, die schließlich im Mai 2013 liquidiert wurde.


Gerade erst den Kinderschuhen entwachsen

Und auch bei Brain ist das Wachstum zuletzt ins Stocken gekommen. So ging der Umsatz im ersten Quartal des Geschäftsjahrs 2017/18 um 13,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück. Gründe waren Verzögerungen bei Abschlüssen von Neu- und Anschluss-Kooperationsprojekten sowie ausbleibende Folgebestellungen eines Großkunden im Kosmetiksegment. Gleichzeitig musste das Management einräumen, dass der für das Geschäftsjahr 2017/18 geplante Break-even beim Ebit vor diesem Hintergrund wohl nicht erreicht wird.

Für Deutsche-Bank-Analyst Falko Friedrichs ist der Umsatzrückgang freilich nur eine vorübergehende Erscheinung und nicht auf fundamentale Veränderungen zurückzuführen. Daher sei die Aussicht auf ein starkes Wachstum des Unternehmens auch weiter intakt, schrieb er in einer Note vom 19. Februar. Gleichzeitig bestätigte er seine Kaufempfehlung für die Aktien und hob das Kursziel auf 30 Euro von 27 Euro an.

Etwas differenzierter bewertet Thomas Hofmann, CEO von Qrumpharma in Doylestown im US-Bundesstaat Pennsylvania, das Chance-Risiko-Profil des Unternehmens. „Brain ist in einem frühen Stadium, sich den aufkommenden Megatrend der bioindustriellen Fertigung zu Nutze zu machen. Als Beispiel für eine mögliche Bewertung kann die dänische Novozymes dienen. Da Brain noch in einer frühen Phase ist, sind Umsetzung, Hochskalierung und Monetarisierung jetzt die Schlüssel für den weiteren Geschäftserfolg“, sagt er im Gespräch mit Bloomberg News. Die von Hofmann genannte Novozymes wird Bloomberg-Daten zufolge gegenwärtig mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwas über 28 für das laufende Jahr bewertet.

Dass das Unternehmen gerade erst den Kinderschuhen entwachsen ist, spiegelt sich auch im Kursverlauf des vergangenen Jahres wieder. So gingen die Aktien im Februar zunächst auf Talfahrt, nachdem der Wagniskapitalgeber MIG Fonds nach der einjährigen Lock-up-Frist seinen gesamten Aktienbestand verkauft hatte. Ende September entfachte die jährliche Investmentkonferenz von Baader-Helvea das Investoreninteresse erneut und trieb den Kurs Ende Januar auf ein Allzeithoch von 27,75 Euro auf Intraday-Basis.

„Einen biologischen Süßstoff zu entwickeln, das war im Grunde schon fassbar. Schließlich gibt es Stevia – auch wenn es nicht schmeckt. Dass dann aber jemand kommt und sagt, dass er einen Organismus entwickelt hat, der Gold aus Schrott extrahiert – das klingt ja wie Alchemie“, erklärt sich der CEO das Interesse. Das Ergebnis: Alleine in den zwei Wochen nach dem Ende der Veranstaltung legte die Aktie um rund 25 Prozent zu.

Die Kursgewinne haben die Bewertung von Brain nach oben getrieben, derzeit wird das Unternehmen mit etwas mehr als dem 14,6-fachen Kurs-Umsatz-Verhältnis gehandelt. Im Kontext des Kempen Life Sciences Index ist dies freilich kein astronomischer Wert, kommt doch ein „rotes Biotech“ wie die Medigene AG aktuell auf das 54-Fache.

„Die Wahrnehmung von Brain und die Entwicklung der Aktie von Brain lässt uns vermuten, dass Anleger und Investoren verstehen, dass wir an einer extrem langfristigen Aufgabe mitwirken“, sagt Eck. Es gehe darum, das gesamte verbrauchende Wirtschaftssystem mit seinen ungeschlossenen Stoffkreisläufen in eine nachhaltige auf nachwachsenden Rohstoffen basierende Bioökonomie zu transformieren.

An dieser Aufgabe arbeiten in der Brain-Gruppe derzeit rund 235 Mitarbeiter. Mit 150 ist das Gros derzeit in Forschung und Entwicklung beschäftigt. Jeweils rund ein Drittel davon sind promovierte Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker oder Laboranten. Die Zentrale des Innovationspreisträgers des Landes Hessen 1998 liegt in Zwingenberg, rund 50 Kilometer südlich von Frankfurt. Dort firmiert Brain in den Räumlichkeiten, in denen die Deutsche Milchwerke AG unter der Marke Fissan zuvor Puder, Pasten, Öle und Seifen auf Basis von Milcheiweiß für eine weltweite Kundschaft produziert hat.

Dass es sich dabei trotz der Bauhaus-Architektur nicht um den Nabel der Welt handelt, weiß Eck nur zu gut: „Ich gehe davon aus, dass jeder unserer sehr visiblen Wissenschaftler pro Woche einen Headhunter-Anruf bekommt. Wichtig ist daher eine Unternehmenskultur, in der die Leute einfach spüren, wie besonders es ist, für dieses Unternehmen zu arbeiten“. Derzeit jedenfalls liege die Fluktuation deutlich unter dem Industriedurchschnitt, der wichtigste Wettbewerber habe laut dessen Geschäftsbericht eine dreimal höhere Rate, ergänzt Eck, ohne Einzelheiten zu nennen.

Gleichzeitig ist sich Eck bewusst, dass die Brain selbst in den kommenden Jahren als Übernahmeziel für andere interessant werden könnte. „Es wäre merkwürdig, wenn wir nicht auf den Radarschirmen der etablierten Hersteller von Zutaten wären“, sagt er. Es sei zwar überhaupt nicht das Ziel des Unternehmens, übernommen zu werden. „Allerdings ist die Brain ein börsennotiertes Unternehmen und wenn die Aktionäre sich für eine solche Lösung entscheiden, müssten wir uns dem wohl oder übel beugen.“

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