WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Branche im Umbruch Wie Amazon zum Vorbild für Stahlkonzerne wird

Seite 2/3

Sogar der Papst schaltet sich bei ThyssenKrupp ein

Trotz des Konjunkturaufschwungs warnt Rochus Brauneiser vor voreiligen Prognosen für den volatilen Industriesektor. „Die Zukunft der Stahlbranche in Europa hängt von vielen Faktoren ab, die die Branche selbst aber nur zum Teil beeinflussen kann“, sagt der Analyst. „Die deutliche Abwertung des Euro macht Importe zur Zeit weniger attraktiv. Die Frage ist aber, wie lange das so bleibt. Auf die politische Lage und den Kurs der EZB haben die Stahlkocher keinen Einfluss.“

Ein Ausweg, den die Unternehmen in der eigenen Hand haben: die Überkapazitäten, die neben dem Preisverfall für Stahlprodukte der Branche in Europa zu schaffen machen, abzubauen.

Um solche Überkapazitäten loszuwerden, wollte ThyssenKrupp in seinem defizitären Edelstahlwerk im italienischen Terni 550 von rund 2600 Stellen streichen. Seit der Essener Mischkonzern das Werk vom angeschlagenen finnischen Outokumpu-Konzern zurücknehmen musste, lies Vorstandschef Heinrich Hiesinger keinen Zweifel daran, dass er aus dem Edelstahlgeschäft aussteigen und hierzu das Werk für einen Verkauf aufhübschen will.

Doch dann schaltete sich neben der italienischen Regierung auch Papst Franziskus in die Debatte um den Jobabbau in Terni ein. „Ich bringe meine tiefe Besorgnis über die schlimme Situation vieler Familien in Terni wegen des Projekts der Firma ThyssenKrupp zum Ausdruck“, sagte der Pontifex vergangene Woche bei der Generalaudienz in Rom. „Mit Arbeit spielt man nicht.“ Zwei Tage später setzte ThyssenKrupp den Stellenabbau bei Acciai Speciali Terni (AST) aus und will wieder verhandeln.

Auf Anfrage erklärte die ThyssenKrupp AG: „Um AST zu einem langfristig wettbewerbsfähigen Player im Edelstahlmarkt zu entwickeln, sind Einsparungen von rund 100 Millionen Euro pro Jahr notwendig. Ein neu ausgerichtetes Markt- und Vertriebskonzept wird weitere Verbesserungen ermöglichen. Beides sieht der am 17. Juli vorgestellte Restrukturierungsplan vor. Dieser Plan ist die Grundlage der momentan laufenden Gespräche zwischen Regierungs- und Gewerkschaftsvertretern und dem AST-Management. Darauf haben sich alle drei Parteien in einer am 5. September unterschriebenen Vereinbarung verständigt.“

Was der Konzern in dieser Stellungnahme nicht sagt: Gibt es keine Einigung, wird ab dem 5. Oktober wieder über Stellenstreichungen verhandelt.

Salzgitter musste Stellen streichen

Auch andere deutsche Stahlkocher passen ihre Kapazitäten an die aktuelle Nachfrage an – heißt: Mitarbeiter in besonders defizitären Werken müssen gehen. So fallen etwa beim zweitgrößten deutschen Stahlproduzenten Salzgitter mehr als 1500 von insgesamt 25.000 Arbeitsplätzen weg. Im zweiten Quartal kämpfte sich Salzgitter zwar in die schwarzen Zahlen, was an einem unerwartet hohen Ertrag aus der Beteiligung am Kupferhersteller Aurubis lag. Die Fortschritte im Stahlgeschäft enttäuschten aber.

Am Mittwoch verpasste eine Analystenbewertung der Salzgitter-Aktie einen weiteren Dämpfer: Stephen Benson von Goldman Sachs setzte das Kursziel von 40 auf 32 Euro und bewertet die Aktie nur noch „neutral“. Andere Stahlwerte wiesen mittlerweile ein besseres Chance/Risiko-Verhältnis auf, schrieb Benson in einer Branchenstudie. Entgegen seiner früheren Erwartung sei eine Trendwende bislang ausgeblieben, und wegen der geopolitischen Situation in Europa bestünden Gewinnrisiken.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%