Branche in Bewegung Chemiekonzerne experimentieren mit neuen Lösungen

Abspalten, kaufen, kooperieren – die deutsche Chemiebranche wird sich in den kommenden Monaten so radikal verändern wie seit Jahren nicht mehr.

Die 10 umsatzstärksten deutschen Chemiekonzerne 2013
Platz 10Beiersdorf AGUmsatz: 6.141 Mio. Euro Beschäftigte: k.A. Quelle: Verband der Chemischen Industrie e.V. Quelle: dpa
Platz 9Lanxess AGUmsatz: 8.300 Mio. Euro Beschäftigte: 17.000 Quelle: dpa
Platz 8Merck KGaAUmsatz: 11.095 Mio. Euro Beschäftigte: 38.154 Quelle: dpa
Platz 7Evonik Industries AGUmsatz: 12.874 Mio. Euro Beschäftigte: 32.995 Quelle: dpa
Platz 6Boehringer Ingelheim GmbHUmsatz: 14.065 Mio. Euro Beschäftigte: 47.492 Quelle: dpa
Platz 5Henkel AGAktiengesellschaft & Co. KGaAUmsatz: 16.355 Mio. Euro Beschäftigte: 46.850 Quelle: dpa
Platz 4Linde AGUmsatz: 16.655 Mio. Euro Beschäftigte: 63.487 Quelle: dpa

Manche Konzerne werden kaum wiederzuerkennen sein. Bayer zum Beispiel. Bei der Vorlage der Quartalszahlen bekräftigte Bayer-Chef Marijn Dekkers noch einmal die Absicht, die Chemie- und Kunststoffsparte Bayer Material Science innerhalb der nächsten zwölf bis 16 Monate „als unabhängiges Unternehmen“ an die Börse zu bringen. Wie zu hören ist, wird Bayer dabei von den Finanzhäusern Morgan Stanley, Deutsche Bank und Rothschild beraten.

Beim Essener Spezialchemiekonzern Evonik gehen die Überlegungen in eine andere Richtung: Das nach BASF zweitgrößte deutsche Chemieunternehmen sondiert gerade den Markt für größere Übernahmeobjekte. Dabei soll die niederländische DSM ins Visier der Essener geraten sein.

Anfang des Jahres hatten die Holländer bereits einen Vorstoß von Evonik abgewiesen. Besonders ist Evonik an der DSM-Sparte interessiert, die Zutaten für Nahrungsergänzungsmittel herstellt. Neben DSM sehe sich Evonik auch Unternehmen wie den britischen Spezialchemie-Hersteller Croda International und das Schweizer Unternehmen Clariant an, sagen Insider.   

Die Bayer-Historie

Eine Branche in Bewegung

Lanxess-Chef Matthias Zachert schließlich hält, etwa in Asien und im Mittleren Osten, nach Kooperationspartnern Ausschau, die über einen guten Zugang zu Rohstoffen verfügen. So will Lanxess die Wettbewerbsfähigkeit seines kriselnden Kautschukgeschäftes stärken. Zachert kann potenzielle Partner immerhin damit locken, dass Lanxess in vielen Kautschukmärkten gut positioniert ist. Möglicherweise wird er ja bereits in den nächsten Monaten fündig.

Die ganze Branche scheint in Bewegung zu sein. So wie bisher geht es nicht weiter. Abspalten, kaufen, kooperieren – mit unterschiedlichen Strategien reagieren die Chemie-Hersteller auf die sich verschärfende Krise. Selbst Branchenprimus BASF, der weltgrößte Chemiekonzern, kommt nicht mehr ungeschoren davon: Ende vergangener Woche revidierten die Ludwigshafener ihre Umsatz- und Gewinnprognose für 2015 nach unten.

"Hausaufgaben gemacht"

Es sind vor allem drei Probleme, die der Chemiebranche zu schaffen machen: Die Konjunktur läuft mau, die Rohstoffe sind zu teuer, die Energiepreise – etwa im Vergleich zu den USA – hoch. „Aufgrund der teuren Rohstoffe dürften in Deutschland und Westeuropa bald auch Cracker-Anlagen stillgelegt werden. Als erstes sind davon einfache Kunststoffe wie Polyethylen und Polypropylen betroffen“, sagt Wolfgang Falter, Chemie-Experte und Managing Director bei der Strategieberatung Alix Partners:

Auch für energieintensive Produktionen wird es schwer in Deutschland. Davon können dann auch chemische Zwischenprodukte und Kunststoffe, wie zum Beispiel  PVC (Polyvinylchlorid), betroffen sein.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Nicht, dass die deutschen Chemieunternehmen in den vergangenen Jahren die Entwicklung verschlafen hätten:  „Die deutsche Chemieindustrie hat ihre Hausaufgaben gemacht und in den vergangenen Jahren zunehmend in den Wachstumsmärkten in Übersee investiert“, sagt Falter. Allerdings: „Immer noch findet etwa die Hälfte des Geschäftes in Westeuropa statt – einem Markt, der nicht mehr wächst.“

Der Chemie-Experte erwartet, dass sich deutsche Chemieunternehmen zunehmend mit Wettbewerbern aus dem Mittleren Osten zusammenschließen: „Die einen kennen die Märkte gut, die andern können einen günstigen Zugang zu den Rohstoffen bieten.“

Für Investoren aus dem Mittleren Osten, wo aufstrebende, große Chemieunternehmen wie Sabic oder Saudi Aramco zu Hause sind, könnte indes auch das Chemie- und Kunststoffgeschäft von Bayer interessant sein. Zwar ist ein Verkauf nicht vorgesehen; Bayer-Chef Dekkers hat klar einen Börsengang angekündigt. Aber man weiß ja nie.

„Bayer Material Science hat eine weltweit attraktive Markt- und Technologieposition in Polycarbonat und Polyurethanen, die sicherlich nicht nur für Finanzinvestoren, sondern auch für strategische Investoren - vor allem aus dem Mittleren Osten oder Asien –sehr interessant ist“, sagt Chemie-Experte Falter. „Dies ermöglicht Bayer eine wert- und nachhaltige Trennung vom Kunststoffgeschäft auch für den Fall, dass ein Börsengang aus welchen Gründen auch immer nicht erfolgreich gelingen sollte.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%