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Briten produzieren weniger Autos Brexit-Folgen auf der Insel: Autoverkäufe brechen ein

Brexit trifft britische Autoindustrie hart Quelle: Reuters

Die Autoindustrie gehört in Großbritannien zu den wichtigsten Arbeitgebern. Doch sie wurde vom Brexit-Votum kalt erwischt, Produktion und Verkäufe sinken. Das könnte am Ende auch die deutschen Hersteller treffen.

Man kennt es: Die Briten sind höflich zurückhaltend im Gespräch und äußern höchst ungern offene Kritik. Der britische Automobilherstellerverband SMMT macht da keine Ausnahme. Dabei, das gibt Verbandschef Mike Hawes vor Journalisten zu, wird seine Branche wohl zu den größten Verlierern eines Austritts von Großbritannien aus der Europäischen Union (EU) gehören.

Aktuelle Zahlen aus der Branche sprechen auch eine deutliche Sprache: Die Investitionen der Autobranche in Großbritannien im vergangenen Jahr sanken auf 1,1 Milliarden Pfund, nach 1,66 Milliarden im Jahr 2016. Auch die Autokäufer haben sich stärker als noch vor ein paar Monaten erwartet zurückgehalten. 1,67 Millionen Autos wurden 2017 auf der Insel produziert, drei Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Vor allem die heimischen Käufer ließen sich nicht von der Aussicht auf ein neues Vehikel locken, auf dem Inlandsmarkt mussten die Automobilhersteller ein Minus von fast zehn Prozent verbuchen.

Die Branche zählt zu den wichtigsten Industriezweigen Großbritanniens. Fast 78 Milliarden Pfund (89 Milliarden Euro) Umsatz machen die Unternehmen pro Jahr und sind Arbeitgeber für rund 814.000 Menschen. Jährlich werden Produkte im Wert von 40 Milliarden Pfund exportiert, das entspricht 13 Prozent der gesamten Ausfuhren Großbritanniens. Acht von zehn Autos, die auf der Insel hergestellt werden, gehen über die Grenze an neue Besitzer im Ausland – mehr als die Hälfte davon an Käufer in der EU. Kein Wunder also, dass man in der Branche den Brexit mit Sorge verfolgt.

Schließlich vertritt die Londoner Regierung bislang die Meinung, dass Großbritannien nach dem Brexit und der danach wohl folgenden Übergangsfrist – die noch nicht vereinbart ist – nicht mehr Teil des europäischen Binnenmarktes und der Zollunion sein wird. Sie will ein möglichst weitgehendes Freihandelsabkommen aushandeln und wirbt darüber hinaus für die Chancen, die sich durch den Abschied aus der EU im Rest der Welt eröffnen werden: „Global Britain“, lautet das Motto des britischen Handelsministers Liam Fox. Schon in einer Übergangsphase will man mit Ländern außerhalb Europas Handelsabkommen besprechen.

Autoverbandschef Hawes ist aber offensichtlich skeptisch, was die Aussichten von „Global Britain“ angeht. „Europa ist nach wie vor unser wichtigster Markt“, warnt er. Jede Veränderung in den aktuellen Vereinbarungen „hätte das Potenzial“, die Branche zu treffen. Und das nicht nur wegen der Käufer in der EU: Schließlich, so rechnet der Autoexperte vor, würden nicht nur rund 54 Prozent der britischen Autoexporte in die EU gehen (die meisten davon übrigens nach Deutschland), sondern zehn Prozent der Produktion werde in Ländern verkauft, mit denen die EU ein Freihandelsabkommen geschlossen habe. Bevor diese ein Freihandelsabkommen mit Großbritannien unterzeichnen, würden sie wohl abwarten, wie die zukünftige Beziehung zwischen Großbritannien und der EU aussehe, meint er.

Sollte kein Handelsabkommen mit der EU geschlossen werden, treten nach dem Abschied aus der EU wohl die Zölle und Tarife der Welthandelsorganisation WTO in Kraft. Auf die Hersteller kämen nach Hochrechnungen des SMMT allein dadurch Mehrkosten von 4,5 Milliarden Pfund zu, also umgerechnet rund 1500 Pfund pro Fahrzeug. Und das wäre wohl noch nicht das Ende – schließlich würden wohl auch neue Vorschriften und Auflagen Kosten verursachen. Zunächst fordert der SMMT daher eine Übergangsphase, in der die Unternehmen ohne Einschränkungen weiter ihre Geschäfte machen können.

EU lässt Briten keine Rosinen picken

Natürlich trifft der Brexit nicht nur britische Automobilhersteller. So wurde etwa jedes dritte Auto, das 2017 auf der Insel neu zugelassen wurde, in Deutschland hergestellt. Experten hatten bereits gewarnt, dass auch in der deutschen Branche tausende Arbeitsplätze in Gefahr wären.

„Das zeigt, wie wichtig ein reibungsloser Handel mit unserem wichtigsten Markt ist“, sagt nun Hawes, zumal auch unzählige Bauteile über die Grenzen gehen, bis sie unter der Motorhaube verschwinden. Aber, so verbreitet Hawes dann doch Zuversicht, die britische Regierung sei sich „voll und ganz“ der Bedeutung der Automobilbranche bewusst. „Wir bleiben ein attraktiver Standort – sowohl für die Produktion als auch für den Verkauf von Autos“.

Hawes setzt seine Hoffnungen in Innovationen wie Elektro- und Hybridfahrzeuge. Bei letzteren sei Großbritannien zum größten Markt aufgestiegen, verkündet er. Die Wahrscheinlichkeit, dass man auf britischen Straßen einem silbernen, acht Jahre alten Kleinwagen begegnet, ist aber um ein vielfaches größer – denn von diesen sind nach Angaben des SMMT die meisten Autos unterwegs.

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