Bundeswehr-Großauftrag Wer liefert den G36-Nachfolger?

Bei der Ausstattung ihrer Soldaten mit Gewehren setzt die Bundeswehr seit Jahrzehnten auf Heckler & Koch. Doch dessen Modell G36 ist in die Jahre gekommen. Nun startet bald die Suche nach einem Nachfolger.

Das sind die Alternativen zum G36
Nun die Ausmusterung: Das G36 hat in seiner aktuellen Form
Nun braucht die deutsche Armee eine neue Standardwaffe. Die vielleicht einfachste Lösung: Eine modifizierte Version des G36 selbst. Der Hersteller Heckler & Koch könnte einen Teil der eingesetzten Gewehre unter anderem mit einem stärkeren Rohr versehen. Das würde die Waffen unempfindlicher gegen Hitze machen. Laut Medienberichten hat sich H&K-Chef Andreas Heeschen bereits mit Rüstungsstaatssekretärin Katrin Suder zu ersten Gesprächen getroffen. HK G36Kaliber: 5,56 × 45 mm NATO Schussfrequenz: 750 Schuss/min Magazingröße: 30 Gewicht: 3,63 kg Produktionszeit: Seit 1997 Quelle: dpa
In den Gesprächen zwischen Heckler & Koch und dem Verteidigungsministerium dürfte es aber auch um die Lieferung eines möglichen G36-Nachfolgers gehen. Der Hersteller aus Baden-Württemberg hat mit dem HK416 und dem mit einem größeren Kaliber ausgestatteten HK417 bereits jetzt Waffen im Angebot, die den Anforderungen der Bundeswehr entsprechen könnten. HK416 (417)Kaliber: 5,56 × 45 mm NATO (7,62 mm x 51 NATO) Schussfrequenz: 850 Schuss/min (600 Schuss/min) Magazingröße: 30 Patronen (20) Gewicht: 3,12 kg (4,22 kg) Produktionszeit: Seit 2005 Quelle: Screenshot
H&K rüstete die Bundeswehr bereits mit dem G36-Vorgänger G3 aus. Über Jahrzehnte hinweg war das Sturmgewehr die Standardwaffe der Bundeswehr. Die Waffe wird auch heute noch im Einsatz als Teil des Waffenmixes der Soldaten eingesetzt. Unter anderem, weil das G3 mit einem größeren Kaliber durchschlägskräftiger ist als sein Nachfolger. HK G3Kaliber: 7,62 × 51 mm NATO Schussfrequenz: 600 Schuss/min Magazingröße: 20 Gewicht: 4,38 kg Produktionszeit: Seit 1958 Quelle: dpa
Seit 1975 baut Frankreich beim staatseigenen Hersteller Nexter das Sturmgewehr FAMAS. Die Waffe in ihren verschiedenen Versionen wird unter anderem auch von der deutsch-französischen Brigade und in ehemaligen französischen Kolonien genutzt. Sie käme dem G36 sehr nahe, hat aber ein gravierendes Problem: Di e FAMAS verschießt aus Sicherheitsgründen nur Patronen mit Stahlhülsen, die von den anderen NATO-Staaten nicht eingesetzt werden.FAMASKaliber: 5,56 × 45 mm NATO Schussfrequenz: bis zu 1100 Schuss/min Magazingröße: 30 Gewicht: 3,7 kg Produktionszeit: Seit 1975 Quelle: dpa
Großbritannien hat die SA80-Serie in den 80er-Jahren als Standardwaffen eingeführt. Produziert wurde sie zunächst von der Armee selbst, später von BAE Systems. Doch auch dieses Sturmgewehr erwies sich als untauglich für den Wüsteneinsatz. 2001 wurde Heckler & Koch deshalb damit beauftragt, rund 200.000 SA-80-Gewehre zu modernisieren.SA80Kaliber: 5,56 × 45 mm NATOSchussfrequenz: bis zu 775 Schuss/min Magazingröße: 30 Gewicht: 4,52 kg Produktionszeit: erstmals 1984 Quelle: Handelsblatt Online
Unter andere die amerikanische Armee setzt auf das M-16 des US-Herstellers Colt Defense. Die seit den 1960ern produzierte und immer wieder überarbeitete Waffe zählt zu den weltweit meistgenutzen Sturmgewehren. Sie gehört in NATO-Staaten wie Kanada und Dänemark zum Standard, wird aber auch in Asien und in Israel (Bild) eingesetzt. Auch das M16 und die kompaktere Variante M4 sind nicht vor Kritik gefeit - und haben in Vergleichstests teils schlecht abgeschnitten. M16Kaliber: 5,56 × 45 mm NATO Schussfrequenz: bis zu 950 Schuss/min (abhängig vom Modell) Magazingröße: 30 Gewicht: 3,8 kg (abhängig vom Modell) Produktionszeit: Seit 1960 Quelle: REUTERS

Das alte G36 soll weg, ein neues Standardgewehr der Bundeswehr muss her. Während das Bundesverteidigungsministerium die Ausschreibung vorbereitet, bringen sich Waffenhersteller schon in Stellung. Die Firmen Sig Sauer sowie Rheinmetall in Zusammenarbeit mit Steyr Mannlicher bekundeten unlängst, den Großauftrag des Bundesverteidigungsministeriums bekommen zu wollen. Nun meldet sich der bisherige Platzhirsch und G36-Lieferant Heckler & Koch zu Wort. „Natürlich werden wir uns an der Ausschreibung beteiligen - Sturmgewehre sind unser Kerngeschäft“, sagt Firmenchef Norbert Scheuch der Deutschen Presse-Agentur in Oberndorf.

Die Firma stellte kürzlich auf einer Waffenschau in Las Vegas den potenziellen Nachfolger vor. Verglichen mit dem G36, das firmenintern HK36 genannt wird, ist das neue HK433 Unternehmensangaben zufolge robuster, auch bei Hitze. „Wir sind für die künftige Ausschreibung sehr gut positioniert“, sagt Scheuch.

Heckler & Koch und das Bundesverteidigungsministerium? War da nicht etwas? Die Behörde und Ressortchefin Ursula von der Leyen (CDU) hatten der Firma Präzisionsmängel beim G36 bei Dauerfeuer und Hitze vorgeworfen und Schadenersatz gefordert. Doch vor dem Koblenzer Landgericht erlitt von der Leyen 2016 eine Niederlage: Die Richter urteilten, gemessen an den vertraglichen Anforderungen habe die Waffe keine Mängel. Doch die Ministerin hielt an ihrer Entscheidung fest, 167.000 G36 am Ende dieses Jahrzehnts auszumustern. Um modernen Ersatz zu finden, bereitet das Verteidigungsministerium eine Ausschreibung vor – sie soll im ersten Halbjahr 2017 starten.

Die Debatte um das G36

Zunächst überrascht es nicht, dass die schwäbische Waffenschmiede ihren Finger hebt. „Damit war zu rechnen – Heckler & Koch ist Hauslieferant der Bundeswehr“, erklärt Wolf-Christian Paes vom Internationales Konversionszentrum Bonn. „Wir wollen den Auftrag unbedingt, für uns ist das auch strategisch wichtig“, sagt Firmenchef Scheuch. Seine Firma ist hoch verschuldet, schrieb zuletzt aber bessere Zahlen.

Regierung sollte Benachteiligung vermeiden

Hat Heckler & Koch wegen der Auseinandersetzung mit dem Ministerium schlechte Karten im Rennen um den Großauftrag? „Das wird ein objektives Vergabeverfahren sein“, sagt Firmenchef Scheuch. „Das Beschaffungswesen der Bundeswehr ist groß, vielfältig und professionell organisiert – Nachteile durch persönliche Meinungen Einzelner, die involviert sind, drohen da nicht.“

Juristen stimmen zu. „Das ist kein Zweckoptimismus von Heckler & Koch“, sagt der Vergaberechtler Jan Byok von der Kanzlei Bird & Bird. Es werde „nicht den Hauch einer Benachteiligung“ geben. Wäre dies doch der Fall, wäre die Vergabe juristisch anfechtbar – das wolle die Regierung vermeiden. Bei einer europaweiten Ausschreibung hätten alle Teilnehmer gleiche Chancen, sagt Byok.

Waffenexperte Paes sieht es ähnlich: Aus der Bundeswehr habe er gehört, dass man durchaus Verständnis für H&K gehabt habe – die Firma habe geliefert, was bestellt worden sei. Hätte man Gewehre haben wollen, die auch bei Dauerfeuer hoch präzise sind, hätte man mehr zahlen müssen – das sei aber nicht geschehen, sagt Paes. Der Waffenexperte sieht H&K sogar etwas im Vorteil gegenüber ausländischen Bewerbern: Sollte der US-Hersteller Colt mitmachen bei der Ausschreibung, würde der Bund die deutsche Firma vermutlich etwas bevorzugen, sagt Paes. „Es ist erklärtes industriepolitisches Ziel der Bundesregierung, Fertigungskompetenz im Land zu halten.“

Also kein Malus, sondern ein Bonus für H&K? Eher vage beantwortet das Jurist Byok: „Es kommt drauf an.“ Zwar spielten bei der Vergabe nicht nur Preis und Qualität eine Rolle, sondern auch die Versorgungssicherheit. Aber: Angesichts der weltpolitischen Lage sei es sehr unwahrscheinlich, dass die Bundeswehr und die US-Armee wegen eines globalen Konflikts gleichzeitig großen Mehrbedarf an Gewehren haben könnten – und beispielsweise Colt dann vorrangig die US-Armee und nachrangig die Bundeswehr beliefern würde, sagt Byok. Kurzum: „Ich glaube nicht, dass Colt schlechtere Chancen hat.“

2016 hatte H&K einen Großauftrag der französischen Armee bekommen – und die belgische Waffenschmiede SN ausgestochen. Solche Erfolge hätten Folgen für den Bundeswehr-Auftrag, sagt Anwalt Byok. „Am Ende kommt es zwar allein auf die Wirtschaftlichkeit an, aber bei der Vorfilterung werden auch Referenzen berücksichtigt.“ H&K belieferte auch die Armeen von Spanien, Großbritannien sowie US-Spezialkräfte.

Sig Sauer will ebenfalls den Großauftrag. Aber die schleswig-holsteinische Tochterfirma eines US-Konzerns hat nur 120 Mitarbeiter, H&K hingegen 850. Ist Sig Sauer zu klein? Unternehmen müssten eine gewisse Mindestgröße nachweisen, die aber je nach Ausschreibung unterschiedlich sei, sagt Jurist Byok. Man könnte den Auftrag auf jeden Fall stemmen, beteuert ein Sig-Sauer-Sprecher. „Einmal weil wir schon gegenwärtig die Produktionskapazitäten erweitert haben, zum anderen weil die Abwicklung eines solchen Auftrages ja über einen längeren Zeitraum erfolgt.“

Wie das Rennen endet, ist unklar. Fest steht für Anwalt Byok aber: Der Auftrag werde die Aufmerksamkeit der ganzen Kleinwaffenbranche auf sich ziehen, neben Colt und SN dürften auch die italienische Waffenschmiede Beretta und die tschechische Firma CSA ihren Hut in den Ring werfen. „Da wird alles dabei sein, was Rang und Namen hat.“

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