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Carbon-Konzern Die schwierige Sanierung von SGL

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Riskante Wette auf Carbon

Zwar geht SGL weiter davon aus, dass die Kosten für die Produktion des Leichtgewichts Carbon in den kommenden Jahren um 90 Prozent sinken werden, dank zunehmender Automatisierung in der Fertigung. Einen genauen Zeitrahmen nennt SGL freilich nicht. „Solch eine Kostenreduktion ist in Einzelfällen möglich, erscheint mir aber generell sehr hoch gegriffen“, warnt jedoch Berger-Berater Lässig.

Einstweilen investieren BMW und SGL weiter in ihre gemeinsame Carbonproduktion. Im Werk Moses Lake im US-Staat Washington haben die beiden Partner im Frühjahr rund 200 Millionen Dollar investiert, um die Kapazitäten auf 9000 Tonnen pro Jahr zu verdreifachen. Auch ihre gemeinsamen Produktionskapazitäten im oberpfälzischen Wackersdorf haben SGL und BMW erweitert.

So wird der BMW i3 produziert
BMW i3 startet in die Serienproduktion: Ab heute rollen am Standort Leipzig die Produktionsbänder für den Elektro-Kleinwagen i3 an. Das Produktionsnetz für BMWs i-Modelle umfasst außerdem Standorte in Moses Lake (Washington, USA), Wackersdorf, Landshut und Dingolfing, an denen die wesentlichen Komponenten für den BMW i3 hergestellt werden. Für die i3-Fertigung wurde allein das Leipziger Werk für rund 400 Millionen Euro erweitert und 800 neue Arbeitsplätze geschaffen. Quelle: Presse
Erfolgsrezept des i3 soll ein "ganzheitlicher" Entwicklungsansatz, etwa zur Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs sein. So besteht beispielsweise die gesamte Außenhaut des i3 aus einem carbonfaserverstärkten Kunststoff (CFK), der erstmalig in der Automobilindustrie in Großserie verwendet wird und den Elektroflitzer zum absoluten Leichtgewicht macht. Durch Verwendung der ultraleichten Kohlefaser kann das Mehrgewicht der Batterie für den elektrischen Antrieb kompensiert werden. Quelle: Presse
Der Elektroantrieb und der Energiespeicher des i3 werden ebenfalls im Produktionsnetzwerk der BMW Group entwickelt und im Werk Landshut bzw. Dingolfing produziert. Quelle: Presse
Der Motor des BMW i3 verfügt über eine Leistung von 125 kW/170 PS, der Lithium-Ionen-Hochvoltspeicher über eine Reichweite von 130 bis 160 Kilometern. Maximal rennt der i3 elektronisch begrenzte 150 km/h - in erster Linie aus Stromspargründen. Gegen Aufpreis übernimmt ein kleiner Verbrennungsmotor die Funktion eines Range Extenders. Mit dem Benziner kann die Reichweite auf bis zu 300 Kilometer ausgedehnt werden. Quelle: Presse
Die "Hochzeit": In der Montagehalle erhält der i3 alle kundenspezifischen Ausstattungswünsche, bevor die ultraleichte CFK-Fahrgastzelle mit dem Elektromotor des i3 eine Verbindung fürs Leben eingehen. Die Außenhülle aus Kohlefaser wird dazu mit der Aluminium-Chassis des Motors verklebt und verschraubt statt verschweißt. Quelle: Presse
Bislang galt Karbon eher als ungeeignet für Großserien, da es teuer und schwer zu verarbeiten ist. BMW wagt nun erstmals die Serienproduktion mit dem Wunderstoff. Nach ersten Erfahrungen liegt die Produktionszeit des i3 deutlich unter der bisheriger Serienmodelle, da sich Karbon deutlich leichter lackieren lässt und nur geklebt statt geschweißt werden muss. Diese Zeitersparnis im Fertigungsprozess macht den Einsatz von Karbon im Automobilbau letztlich wirtschaftlich. Quelle: Presse
Das Finish: Neben der Fertigung des Elektrofahrzeuges laufen in Leipzig auch Modelle mit Verbrennungsmotor vom Band. Quelle: Presse

Doch die Wette auf den Wunderstoff bleibt riskant. Das doppelte Problem von SGL-Chef Köhler: Während Carbon unter den Erwartungen bleibt, erodiert gleichzeitig das Stammgeschäft mit Grafitelektroden, mit deren Hilfe Stahl- und Aluminiumschrott geschmolzen wird. Doch weil die Stahlpreise weltweit am Boden liegen, lohnt sich das Schrottrecycling kaum noch. Für das Gesamtjahr 2014 geht Köhler denn auch von roten Zahlen aus.

Absturz trotz Sparprogrammen

Der promovierte Verfahrensingenieur – Nachfolger des langjährigen Unternehmenspatriarchen Robert Koehler, der SGL zwei Jahrzehnte lang nach Gutsherrenart geführt hatte – unternimmt zwar alles, was in seiner Macht steht, um den Niedergang aufzuhalten: Köhler streicht 300 der weltweit 6000 Arbeitsplätze, schließt Werke im Ausland, verkauft Randaktivitäten und legt ein Sparprogramm in Höhe von 150 Millionen Euro auf, das wahrscheinlich noch einmal erweitert wird.

Den Vorstand hat er von fünf auf drei Mitglieder verkleinert. Finanzvorstand Jürgen Muth musste im Frühjahr gehen, er galt als zu konfliktscheu. Nachfolger Michael Majerus hat sich bereits bei der Umstrukturierung des Mannheimer Pharmagroßhändlers Phoenix bewährt.

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Doch trotz all der Maßnahmen konnte Köhler den Absturz der SGL-Aktie bisher nicht aufhalten. Seinen wichtigsten Problemen – Preisdruck und Nachfrageschwäche bei Grafitelektroden und Carbon – kann Köhler mit seinen Kostensenkungsprogrammen nur bedingt beikommen. Und das Geschäftsfeld Carbon komplett zu verkaufen ist auch keine Lösung: Zu viel hat SGL bereits investiert, zu groß sind die Hoffnungen noch. Erst im Herbst will sich Köhler öffentlich zu seiner künftigen Strategie äußern.

Immerhin steht fest, dass Fußballbundesligist FC Augsburg vom Sparprogramm ausgenommen ist. SGL, das in der Nähe von Augsburg ein größeres Werk betreibt, hält für mehrere Millionen Euro die Namensrechte an der SGL-Arena bis zur Saison 2018/19. Aber auch dieses Investment kommt derzeit eher trist daher: Denn Augsburg belegt nach zwei Spieltagen mit null Punkten den letzten Tabellenplatz. Die Fußballmannschaft dürfte allerdings weitaus bessere Chancen haben als SGL, schnell wieder aus der Abstiegszone herauszukommen.

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