Chefwechsel bei Siemens Mit Joe Kaeser gibt es keinen echten Neuanfang

Hier ein bisschen anpassen, dort ein wenig optimieren: Ein radikaler Kurswechsel ist vom neuen Vorstandsvorsitzenden nicht zu erwarten. Kaeser gehört zur alten Garde.

Joe Kaeser - den großen Kulturwandel bei Siemens darf man mit dem neuen Konzernlenker nicht erwarten. Quelle: REUTERS

Gegenüber seinem Vorgänger Peter Löscher, dem unzweifelhaft eine Reihe von Fehlern angekreidet werden müssen, ist der bisherige Finanzvorstand Joe Kaeser ganz sicher eine Verbesserung. Das sehen auch Investoren so. „Joe Kaeser ist aus unserer Sicht die beste Wahl in dieser Situation. Er sollte den notwendigen Rückhalt im Konzern haben, um Siemens wieder nach vorne zu bringen“, sagt Christoph Niesel, Fondsmanager bei Union Investment. Die Gesellschaft hält ein Prozent der Aktien.

Die Baustellen im Siemens-Konzern
Seit 1. August 2013 steht der ehemalige Finanzvorstand an der Siemens-Spitze. Sein Vorgänger Peter Löscher hinterließ ihm einen Berg von Problemen. Der Konzern hat sich zu weit von seinen Kunden entfernt, ist unübersichtlich und bürokratisch geworden. Siemens blockiert sich selbst. Kaeser will Siemens wieder schlanker und schlagkräftiger machen. Der Umbau soll Einsparungen in Höhe von einer Milliarde Euro bringen. Quelle: dpa
Helme mit der Aufschrift "Siemens" Quelle: dapd
Kaeser will sich von der Einteilung des Geschäfts in vier Sektoren mit insgesamt 16 Divisionen verabschieden und stattdessen die Aktivitäten des Konzerns in acht oder neun Divisionen bündeln. Bisher gab es vier Vorstände für vier Sektoren: Siegfried Russwurm (Industrie), Hermann Requardt (Medizintechnik), Roland Busch (Infrastruktur) und Michael Süß (Energie). Energievorstand Michael Süß verlässt das Unternehmen. Auf ihn folgt Shell-Managerin Lisa Davis. Quelle: dpa
Süß wird vor allem vorgeworfen, dass er zu lange nur auf große Gaskraftwerke setzte. Siemens muss nun teuer zukaufen, um die Lücken im Produktportfolio zum Beispiel bei kleineren Gasturbinen zu füllen. Doch das ist nicht das einzige Problem. Quelle: dpa
Im Geschäft mit großen Windkraftanlagen für die Offshore-Parks auf See ist Siemens zwar Weltmarktführer, doch die Anbindung der Parks ans Stromnetz auf dem Land hat in der Vergangenheit immer wieder zu Problemen geführt. Für schlechte Presse beim Thema Windkraft sorgte zudem im Sommer 2013 ein Unfall in den USA. Im Siemens-Windpark Ocotillo in Kalifornien löste sich ein mehr als 50 Meter langes und elf Tonnen schweres Rotorblatt und fiel auf die Straße. Im April ereignete sich ein ähnlicher Unfall an einem Windrad im US-Staat Iowa. Siemens musste deshalb eine ganze Modell-Charge nacharbeiten, was den Konzern laut Insidern etwa 100 Millionen Euro gekostet haben soll. Der Imageschäden dürfte ungleich größer sein. Doch es zeigt bereits der berühmte Silberstreif am Horizont: Siemens wird 101 Turbinen für einen Meereswindpark in den Staaten liefern sowie deren Wartung übernehmen. Hinzu kommen 448 Anlagen an Land. Auftragsvolumen: rund 2,5 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Wenn Siemens-Chef Joe Kaeser gen Osten blickt, sieht er vor allem eins: großen Nachholbedarf. Von den Boomstaaten in Asien profitiert Siemens bisher nicht so stark wie andere Technologiekonzerne. Den Großteil seines Umsatzes erwirtschaftet Siemens in Europa, Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten. Diese Regionen stehen für 54 Prozent des Konzernumsatzes - allein acht Prozentpunkte davon erwirtschaften die Münchener in Deutschland. Auf dem amerikanischen Kontinent entstehen 27 Prozent des Umsatzes, davon 14 Prozentpunkte in den USA. Nur 19 Prozent des Umsatzes macht Kaeser in Asien und Australien. Quelle: REUTERS
Im Zuggeschäft reiht sich eine Panne an die nächste. Die Auslieferung der von Siemens produzierten ICEs verzögert sich nun schon über zwei Jahre. Die ersten von 16 ICE sind mittlerweile zugelassen, aber bisher nur für Fahrten auf dem deutschen Schienennetz freigegeben. Eigentlich sollten sie schon 2011 einsatzbereit sein. Dann tauchten Probleme mit dem Steuerungsprogramm der Züge auf. Einige Züge wurden geliefert, jedoch nicht in der bestellten Menge. Ein endgültiger Liefertermin für die restlichen Züge steht noch nicht fest. Quelle: dapd

Doch dass der Niederbayer der richtige Mann ist, das Unternehmen mit einem Umsatz von 78 Milliarden Euro und 370.000 Mitarbeitern in mehr als 180 Ländern zu alter Stärke, vor allem in eine Liga mit General Electric und Philips zurückzuführen, darf bezweifelt werden. Dazu bräuchte es Kulturwandel, und Kaeser müsste über Jahrzehnte gewachsene Strukturen aufbrechen. „Kaeser ist im Grunde der richtige Mann für eine politische Organisation wie Siemens“, sagt ein einstiger Weggefährte, „aber kein Manager, der frische Impulse geben kann.“ Außerdem schleppt Siemens für die kommenden Monate noch eine Erblast in Gestalt des 70-jährigen Aufsichtsratschefs Gerhard Cromme hinter sich her.

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Doch braucht es in München überhaupt einen Neuanfang, einen radikalen Kurswechsel? Siemens ist sicherlich kein Sanierungsfall wie etwa ThyssenKrupp. Der Konzern fährt noch ansehnliche Gewinne ein und ist auf vielen Technologiefeldern noch immer Weltklasse. Doch in anderen Bereichen haben die Münchner auf neue Marktentwicklungen viel zu langsam reagiert. Die Konkurrenz aus Fernost im Trafogeschäft beispielsweise ist seit vielen Jahren zu erkennen. Erst im vergangenen Jahr ist Siemens aufgewacht und reagiert nun mit Zusammenlegungen und Schließungen in dem Bereich. Auf anderen Feldern lief es ähnlich.

Wirklich wundern kann einen so etwas nicht. Der 166 Jahre alte Technologieriese ist ein schwerfälliger Tanker mit extrem langen Reaktionszeiten, einer wuchernden Bürokratie, alten Seilschaften und teilautonomen Machtzentren, etwa in Erlangen. Eine US-Managerin des Unternehmens, die in der Vergangenheit mehrmals mit Vorschlägen zu Neuerungen an die Spitze herangetreten ist, berichtet von einem Satz, der in der Zentrale in München dazu jedes Mal gefallen sei: „Das geht nicht.“ Kaeser ist ein Produkt dieser Strukturen.

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