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Chemie-Tarifabschluss Freizeitwünsche der Beschäftigten werden vorerst nicht erfüllt

Arbeitgeber und Gewerkschaft einigen sich auf 3,6 mehr Lohn und eine Verdoppelung des Urlaubsgelds. Über mehr Arbeitszeitsouveränität soll bis zur nächsten Tarifrunde gesprochen werden.

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Chemie: Beschäftigte der Chemiebranche erhalten mehr Lohn Quelle: dpa

Berlin Die Eisenbahner haben sie, die Metaller haben sie und die Chemiebeschäftigten wollten sie auch: Eine Option, zwischen mehr Geld und mehr Freizeit wählen zu können. Doch damit konnte sich die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in dieser Tarifrunde für rund 580 000 Beschäftigte der chemischen und pharmazeutischen Industrie noch nicht durchsetzen.

Stattdessen soll über das Thema Arbeitszeit nun bis zur nächsten Tarifrunde in größerem Rahmen diskutiert werden. Darauf haben sich die Gewerkschaft und der Arbeitgeberverband BAVC nach mehreren regionalen und zwei bundesweiten Verhandlungsrunden am Donnerstag geeinigt.

Der Tarifkompromiss sieht eine Entgeltsteigerung von 3,6 Prozent bei einer Laufzeit von 15 Monaten vor. Außerdem wird das Urlaubsgeld für Vollzeitbeschäftigte auf 1 200 Euro und für Schichtarbeiter auf 1 320 Euro verdoppelt. Im Durchschnitt bekommen die Beschäftigten so rund 4,6 Prozent mehr Geld.

Auszubildende und Beschäftigte in den unteren Gruppen profitieren überproportional von dieser Vereinbarung. In Tarifbezirken, in denen die Tarifverträge bereits im Sommer ausgelaufen waren, gibt es zusätzlich eine Einmalzahlung von 280 Euro.

Betriebe in wirtschaftlichen Schwierigkeiten können diese Komponente wegfallen lassen. Um die Branche für Berufseinsteiger attraktiver zu machen, werden die Ausbildungsvergütungen um bis zu neun Prozent erhöht.

„Wir haben für die Beschäftigten ein gutes Tarifpaket geschnürt, das ihnen eine faire Teilhabe am Erfolg ihrer Branche sichert, kommentierte IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis das Ergebnis.

Angetreten war die Gewerkschaft nach einer Mitgliederbefragung mit der Forderung nach sechs Prozent mehr Lohn, einer Verdoppelung des Urlaubsgelds und einer Wahloption, dieses in zusätzliche Urlaubstage umwandeln zu können.

Vor allem gegen die Forderung nach zusätzlicher Freizeit hatten sich die Arbeitgeber angesichts der guten Auftragslage der Branche gesperrt. In der Lohnfrage erkannten sie die gute wirtschaftliche Lage der Chemieindustrie durchaus an, warnten aber vor konjunkturellen Risiken wie einem transatlantischen Handelskrieg oder dem Brexit.

„Der Chemie-Tarifabschluss ist alles andere als billig, aber er passt zur wirtschaftlichen Lage der Branche“, sagte BAVC-Verhandlungsführer Georg Müller. Der Abschluss kostet die Unternehmen über die gesamte Laufzeit rund 1,4 Milliarden Euro. Tarifbeschäftigte in Vollzeit verdienen im Schnitt 59 000 Euro im Jahr.

Die Tarifparteien vereinbarten zudem, unverzüglich Gespräche über die Modernisierung der Arbeitsbedingungen aufzunehmen und diese in einer „Roadmap Arbeit 4.0“ münden zu lassen. Besprochen werden sollen Themen wie Arbeitsvolumen, Arbeitszeitsouveränität, mobiles Arbeiten oder Qualifizierung.

„Das Signal ist eindeutig: Die Chemie-Sozialpartner wollen die moderne Arbeitswelt gemeinsam gestalten“, sagte BAVC-Präsident Kai Beckmann.

Der Wunsch nach zusätzlichen Urlaubstagen ist nicht nur Thema der Chemietarifrunde. So haben die Bahn-Gewerkschaften GDL und EVG diese Woche ihre Forderungen für die im Oktober beginnenden Verhandlungen mit der Deutschen Bahn formuliert. Im Mittelpunkt steht auch hier eine Erweiterung der bestehenden Wahloption zwischen mehr Geld und mehr Freizeit.

Der Chemie-Abschluss wird das Wachstum der Tarifentgelte in diesem Jahr weiter beschleunigen. Laut Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichem Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung sind sie schon im ersten Halbjahr um 3,1 Prozent gestiegen. Im Vergleichszeitraum der beiden Vorjahre lag das Plus nur bei 2,4 Prozent.

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