Chemieindustrie im Umbruch Das Fusionskarussell kommt in Schwung

Schwache Konjunktur, knappe Margen und begrenztes organisches Wachstum: In der Chemieindustrie wird das große Rad der Übernahmen gedreht. Doch es geht nicht um schiere Größe, sondern den Aufbau profitabler Kerngeschäfte.

Quelle: dpa

In der Chemiebranche ist der Lanxess-Konzern nur ein kleiner Fisch. Doch der Umbau des Unternehmens in den vergangenen Jahren zeigt exemplarisch, welche Welle der Veränderung derzeit durch die Branche rauscht. Um die schwächelnde Kernsparte um synthetische Kautschuke wieder in die Spur zu bringen, holten die Kölner im Herbst vergangenen Jahres einen Ölriesen an Bord: Saudi Aramco. Für den Einstieg in ein Joint Venture mit Lanxess blätterten die Araber 1,2 Milliarden Euro auf den Tisch.

Vorstandschef Matthias Zachert hatte nicht nur einen Partner für die durch Überkapazitäten schwer gebeutelte Sparte gefunden. Auf einen Schlag hatte er auch die Wertschöpfungskette bis hin zum Erdöl für jene Produkte verlängert, die vor allem von der Reifen- und Autoindustrie nachgefragt werden.

Dow Chemical und DuPont formen neuen Branchenprimus

Von ganz anderer Qualität ist der geplante Zusammenschluss von Dow Chemical und DuPont in den USA. Mit der Verschmelzung der Unternehmen würde der weltweite Branchenprimus BASF vom Thron gestoßen. Ein anderer Milliarden-Deal zeichnete sich in der Agrochemie mit der Übernahme der schweizerischen Syngenta durch ChemChina ab. Die erste Transaktion wird auf ein Volumen von 130 Milliarden US-Dollar (115 Mrd Euro), die zweite auf 43 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Die größten Chemiekonzerne der Welt
Platz 10 - PPG Industries (USA) Quelle: AP
Linde Quelle: dpa
Platz 8: Air Liquide (Frankreich) Die Erfindung von flüssiger Luft legte den Grundstein für einen Weltkonzern. Im vergangenen Jahr kam der französische Chemieriese auf einen Umsatz von 19,08 Milliarden Dollar. Quelle: obs
Platz 7: Henkel (Deutschland)Weltweit ist der Düsseldorfer Konzern bekannt für seine Marken Persil, Pril oder Pritt. Mit einem Umsatz von 19,69 Milliarden Dollar spielt der Dax-Konzern auch unter den internationalen Chemieriesen vorne mit. Quelle: dpa
Platz 6: Dupont (USA)Der komplette Name des amerikanischen Chemieriesens lautet „E I Du Pont de Nemours“. Das geht zurück auf die französischen Gründer, die in die USA emigriert waren und dort 1802 begannen, Sprengstoffe zu produzieren. Heute macht das Unternehmen in über 80 Ländern weltweit einen Umsatz von insgesamt 24,6 Milliarden Dollar. 2017 erfolgte die Fusion mit dem Rivalen Dow Chemical zum größten Chemiekonzern der Welt. Quelle: dpa
LyondellBasell Industries (Niederlande) Quelle: REUTERS
Platz 4 - Saudi Basic Industries (Saudi-Arabien) Quelle: SABIC
Platz 3: Dow Chemical (USA)Kunststoffe, synthetischer Kautschuk und Chlor gehören zu den meistverkauften Produkten der Amerikaner. Der Umsatz von 48,16 Milliarden Dollar wird nur von zwei deutschen Konzernen übertroffen. Quelle: AP
Platz 2: Bayer (Deutschland)Nicht nur unter den Pharmakonzernen gehören die Leverkusen zu den globalen Riesen, auch in der Chemie kann kaum einer Bayer das Wasser reichen. Ein Umsatz von 49,2 Milliarden Dollar ist weltweit der zweithöchste der Branche. Quelle: dpa
BASF Quelle: obs

Wie in fast keiner anderen Branche wird in der Chemieindustrie derzeit Ausschau gehalten nach Übernahme- und Fusionszielen. „In diesem Jahr wird die Konsolidierungswelle in der Chemieindustrie einen historischen Höhepunkt erreichen“, schreiben die Unternehmensberater von A.T. Kearney in einer neuen Studie über Fusionen und Akquisitionen in diesem Wirtschaftszweig.

Im vergangenen Jahr sei der Wert der Transaktionen bereits zum vierten Mal in Folge gestiegen, diesmal um 30 Prozent auf 110 Milliarden US-Dollar. Kommen die beiden Vorhaben Dow Chemical/DuPont und Syngenta/ChemChina zustande, werde sich das Volumen in diesem Jahr verdoppeln, prognostizieren die Autoren der Studie.

Bayer gewinnt als schlankes Unternehmen

Doch aus großen Übernahmen ergeben sich immer wieder Möglichkeiten für andere, weil aus einem Megadeal oft schlanke eigenständige Einheiten entstehen. „Wir müssen mit einer weiteren Spezialisierung der Branche auf bestimmte Marktsegmente, gerade in den Bereichen Spezial- und Petrochemie rechnen“, diagnostiziert Volker Fitzner von der Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers die derzeitige Gemengelage.

Ein Paradebeispiel für den Umbau bietet auch der Bayer-Konzern. Vor zehn Jahren hatten sich die Leverkusener von der traditionsreichen Chemie getrennt, die inzwischen Lanxess heißt. Im vergangenen Jahr folgte mit dem Börsengang von Covestro der erste Schritt zur Herauslösung der Kunststoffsparte aus dem ehemaligen Konglomerat. Bayer konzentriert sich künftig ganz auf das ertragreiche Gesundheitsgeschäft und die Agrochemie - und die Börse jubelt. Das Unternehmen gehört inzwischen zu den wertvollsten im Dax.

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„Wir schauen uns den Markt an und gehen behutsam und fokussiert vor“, sagte Lanxess-Chef Zachert noch am Donnerstag bei der Bilanzvorlage über die Konsolidierung der Branche. Dabei lautet sein Motto: „Klasse statt Masse.“ Der Konkurrent Evonik strebt angeblich eine Übernahme bis zur Hauptversammlung im Mai an. Einmal mehr ist die Branche im Fluss und die Zahl von Kaufinteressenten unüberschaubar.

Den scheidenden Bayer-Chef Marijn Dekkers und Präsidenten des Branchenverbandes VCI können die weltweite Fusionsaktivitäten ohnehin nicht überraschen. Diesen Trend zur Fokussierung sehe die Chemieindustrie schon lange, sagte der Manager im vergangenen Dezember. Und dort gebe es nach wie vor Nachholbedarf.

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