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Chemiekonzern Das Erfolgsrezept von Bayer-Boss Dekkers

Arbeitsplatzabbau, Streichungen, Verlagerungen – wie der amerikanisch geprägte Vorstandschef Marijn Dekkers den deutschen Traditionskonzern umpolt, ohne die Mitarbeiter zu vergrätzen.

Erfolgsfaktor Volkstümlichkeit - Bayer-Chef Dekkers erhält in der Leverkusener Konzernzentrale einen Kölner Karnevalsorden Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Die drei Herren aus dem benachbarten Köln, die Bayer-Chef Marijn Dekkers in seinem Büro im dritten Stock der Leverkusener Zentrale empfing, entsprachen nicht dem üblichen Dresscode. Der Anführer der Gruppe hatte sich ein rot-weißes Wams und eine weiße Strumpfhose übergestreift, sein Nebenmann hielt einen Dreschflegel in der Rechten, der Dritte im Bunde kaschierte sein Haar mit einer Perücke und Zöpfen.

Dekkers fand trotzdem den passenden Ton gegenüber dem karnevalistischen Trio – dem Dreigestirn aus Prinz, Bauer und Jungfrau. Ergebenst fragte der 54-Jährige die Tollitäten, wie sie es an die Spitze des kölschen Karnevals geschafft hätten. Und er ließ sie wissen, dass ihm der närrische Jubelruf „Alaaf“ aus seiner niederländischen Heimat, der Grenzstadt Tilburg, wohlvertraut sei. Eine gute Stunde nahm sich der Bayer-Boss Mitte Januar für die närrischen Regenten Zeit.

Unruhe und Krach

Die Volkstümelei ist Teil des Erfolgsrezepts des Mittfünfzigers in den ersten 16 Monaten an der Bayer-Spitze. Dekkers tritt freundlich auf, verfügt über eine gute Portion Humor und erweist sich als äußerst lernfähig. Auf diese Weise schafft es der gebürtige Niederländer, den deutschen Traditionskonzern umzupolen und selbst harte Einschnitte durchzusetzen, ohne die Mitarbeiter zu vergrätzen und das Unternehmen zu lähmen. Die Zahlen sprechen für ihn: Am 28. Februar wird er für das Geschäftsjahr 2011 Umsatz- und Ergebniszuwächse verkünden.

Aktien-Info Bayer

Zunächst herrschte Skepsis

Dekkers ist der erste Bayer-Boss, der von außen ins Unternehmen kam. Sein gesamtes Berufsleben davor hat der promovierte Chemiker in den USA verbracht. Dort, wo die Mitbestimmung der Beschäftigten nahezu unbekannt ist und einzig das Interesse der Aktionäre gilt. Skeptisch bis ängstlich hatten ihm die Bayer-Beschäftigten gegenübergestanden, als er im Januar 2010 seinen Dienst in Leverkusen antrat und neun Monate später die Führung des Konzerns übernahm. Als Chef des US-Laborausrüsters Thermo Electron hatte Dekkers Tausende Arbeitsplätze gestrichen, Geschäftsbereiche verkauft und neue gekauft, mit einem größeren Konkurrenten fusioniert und das Unternehmen so wieder in Schwung gebracht. Klar, dass so einem die Prophezeiung vorauseilte, er werde auch Bayer total und rigoros umbauen. Dass die Chemiesparte sein erstes Opfer sein würde, schien nur eine Frage der Zeit.

Doch es kam anders. Der polyglotte Manager, der mit seiner Familie in Düsseldorf-Kaiserswerth lebt, mutet den über 30.000 deutschen Bayer-Beschäftigten viel zu, doch die Mitarbeiter ziehen mit. Die anfängliche Unruhe hat sich gelegt, die Furcht vor dem Brutalo-Sanierer ist gewichen. Zwar krachte es anfangs gewaltig zwischen Dekkers und den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat, inzwischen ist aber wieder von vertrauensvollen Gesprächen die Rede. „Dekkers hat dazugelernt“, sagt Reiner Hoffmann, Bayer-Aufsichtsratsmitglied und Landesbezirksleiter der Chemie-Gewerkschaft IG BCE.

Provokation vermeiden

Marijn Dekkers, 54, ist der erste Bayer-Chef, der von außen in das Unternehmen kam. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit sorgte er mit seinen Entscheidungen für einen Eklat Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Lernen, hart entscheiden, aber die Geschundenen tätscheln und beim Nehmen auch etwas geben – so pflügt sich der amerikanisch geprägte Niederländer durch ein Urgestein der deutschen Industrielandschaft, ohne den Aufstand der Alteingesessenen zu provozieren. Léo Apotheker, der vor zwei Jahren gescheiterte Chef des deutschen Softwareriesen SAP, hätte davon etwas lernen können.

Das Unternehmen kennenlernen

Dekkers nahm sich genug Zeit, um die DNA von Bayer zu entschlüsseln, ohne deren Kenntnis er keinen Erfolg gehabt hätte. Er lernte die Geschäftsbereiche – Gesundheit, Pflanzenschutz und hochwertige Kunststoffe – von innen kennen. Als einfaches Vorstandsmitglied reiste er 2010 neun Monate lang durch die Bayer-Welt, besuchte Standorte und redete viel mit den Beschäftigten. „Er hat gut zugehört und ist keiner Frage aus dem Weg gegangen“, erinnert sich ein Mitarbeiter des Forschungszentrums Wuppertal an den Besuch des designierten Chefs. Wurde Dekkers im Aufsichtsrat nach seiner Meinung gefragt, antwortete für ihn schon mal der damalige Bayer-Chef Werner Wenning. „Das sehen Sie doch auch so, Herr Dekkers?“, fragte Wenning dann. Dekkers ließ ihn gewähren.

Der Neue hielt sich zunächst zurück, zog für sich aber klare Schlüsse: Der Bayer-Betrieb laufe zu bürokratisch, es werde zu langsam entschieden. Insbesondere in der Medikamenten-Sparte sah er Risiken: stärkere Konkurrenz durch Nachahmerprodukte, höhere Entwicklungskosten, zunehmenden Preisdruck durch allerlei staatliche Gesundheitsreformen.

Die größten Chemiekonzerne der Welt
Das Mitsubishi Chemical-Werk in Yokohama Quelle: Pressebild
Platz 8: Dupont Quelle: dpa
Platz 7:LyndellBasell Quelle: AP
Screenshot Formosa Plastics Quelle: Screenshot
Platz 4: Exxon Mobil Quelle: Reuters
Platz 6: Sabic Quelle: dpa
Platz 6: Shell Quelle: Reuters

Die Schnupperphase war kaum vorbei, da sorgte der neue Ober-Bayer jedoch sogleich für einen Eklat. Gerade hatte er im Oktober 2010 die Konzernspitze erklommen, verkündete er den Abbau von weltweit 4.500 Arbeitsplätzen – davon 1.700 in Deutschland. Die Arbeitnehmervertreter schäumten und fühlten sich übergangen, weil Dekkers sie nicht wie seine Vorgänger frühzeitig in die brisanten Umbaupläne eingeweiht hatte. Damit nicht genug, ließ Dekkers auch noch den 140 Jahre alten Namen seiner Anti-Baby-Pillen-Tochter Schering streichen und stieß so Tausende Mitarbeiter am Standort Berlin vor den Kopf. Die Leverkusener hatten den Pharma-Konkurrenten 2006 übernommen. Künftig, so der neue Chef, soll nur noch die Marke Bayer im Vordergrund stehen.

Weniger Geld für Vereine

„Heute würde Dekkers so ein Desaster wie bei der Ankündigung des Stellenabbaus nicht mehr passieren“, sagt Gewerkschafter und Bayer-Aufsichtsrat Hoffmann. Der US-geprägte Manager, heißt es im Konzern, musste den Umgang mit Betriebsräten und Mitarbeitern erst lernen.

Indem Dekkers die großen Grausamkeiten sofort nach Amtsantritt vollzog, ließ er die kleineren Grausamkeiten, die bald folgten, in einem milderen Licht erscheinen. Die Leitung der Geschäftsbereiche Hausarztmedizin (zum Beispiel Diabetesmittel) und Polycarbonat (Hartkunststoffe) verlagerte er etwa von der Bayer-Zentrale in den Wachstumsmarkt China. In Berlin stoppte er den geplanten Neubau des Pharma-Campus; die nötigen Investitionen wollte er lieber für die Entwicklung neuer Medikamente verwenden.

Zahlreiche Kürzungen

Expansion nach China, Abbau am Rhein: Bayer-Niederlassung in Shanghai Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Auch beim Schönen und Glamourösen setzte Dekkers den Rotstift an. In Leverkusen beendete er das ehrgeizige, aber technisch aufwendige Projekt seines Vorgängers, aus dem altehrwürdigen Bayer-Hochhaus eine weithin sichtbare multimediale Werbetafel zu machen. Ebenso kürzte Dekkers, der es im Fußball mit dem holländischen Ehrendivisionär PSV Eindhoven und natürlich mit Bayer 04 Leverkusen hält, vielen Bayer-Vereinen die Mittel. So muss der Bayer-Reitverein Leverkusen, der bislang vom Konzern mit jährlich 290.000 Euro unterstützt wurde, künftig zusehen, wie er von 2014 an ohne Bayer über die Runden kommt.

Ein gutes Gespür für kleine Gesten

Dass Dekkers trotzdem nicht als herzloser Kapitalist dasteht, verdankt er seinem Gespür für kleine Gesten im richtigen Moment. Beim Tag der offenen Tür im September stattete er selbst dem Bayer-Briefmarkenclub in Leverkusen einen Besuch ab. Als die Sammler ihm erzählen, ihr Verein sei 1957 gegründet worden, sagt er „ein sehr gutes Jahr“ – um nach zwei Sekunden zu ergänzen: „mein Geburtsjahr“.

Es sind solche symbolischen Akte, mit denen der Bayer-Chef aufs Gemüt der Leverkusener Stammbelegschaft zielt – während er das eigentliche, große Geschäft ganz woanders sieht.

Fujitsu streicht 400 Jobs
Fujitsu Der japanische Elektronikkonzern Fujitsu will einem Zeitungsbericht zufolge in Deutschland 400 bis 500 Arbeitsplätze abbauen. Eine endgültige Entscheidung solle nach Verhandlungen mit den Beschäftigten fallen, berichtete die japanische Wirtschaftszeitung "Nikkei". Insgesamt beschäftigt der Konzern hierzulande 12.000 Menschen. Die Stellenstreichungen beträfen hauptsächlich Entwicklung und Informationstechnik. Bereits am Dienstag hatte der Konzern bekanntgegeben, in Großbritannien 1800 Jobs zu streichen. Das entspricht 18 Prozent der Belegschaft dort. Insidern zufolge könnte sich Fujitsu künftig auf IT-Dienstleistungen konzentrieren. Mit dem weltgrößten Computer-Hersteller Lenovo verhandelt das Unternehmen offenbar über einen Verkauf des PC-Geschäfts von Fujitsu. Quelle: REUTERS
Lufthansa Technik Quelle: dpa
DAK Gesundheit Quelle: dpa
EnBWDer Energieversorger baut weiter Stellen ab: Die Energie Baden-Württemberg werde sich aus dem Strom- und Gasvertrieb an Großkunden der Industrie zurückziehen, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Davon seien 400 Beschäftigte betroffen, denen ein Aufhebungsvertrag oder ein alternativer Arbeitsplatz im Konzern angeboten werde. Auch im Privatkundengeschäft, der Energieerzeugung und der Verwaltung steht demnach Stellenabbau bevor, der noch nicht beziffert wurde. In den vergangenen zwei Jahren waren bereits rund 1650 Stellen weggefallen. Quelle: dpa
Intel Quelle: REUTERS
Nokia Quelle: dpa
Der IT-Konzern IBM plant in Deutschland offenbar einen massiven Stellenabbau Quelle: dpa

Verstärkte Expansion in Asien

Es ist Mitte November 2011. Der Vorstandsvorsitzende ist nach China gereist, um bei Shanghai eine neue Bayer-Anlage zur Herstellung von TDI, einem Vorprodukt für Weichschäume, einzuweihen. „Das ist die größte Investition außerhalb Deutschlands“, sagt Dekkers vor den chinesischen Ehrengästen im Festzelt. 2,1 Milliarden Euro hat Bayer schon am Standort investiert, eine Milliarde soll in den nächsten Jahren dazukommen. Später lädt Dekkers die chinesischen Kader noch zu einer Rundfahrt über das Werksgelände ein.

Schneller und stärker als sein Vorgänger Wenning treibt Dekkers die Expansion in Asien voran. Bis 2015 will er den Bayer-Umsatz auf dem Wachstums-Kontinent um 60 Prozent auf etwa elf Milliarden Euro steigern und 1,8 Milliarden Euro investieren. Während er in Deutschland Personal abbaut, stellt er in Asien ein – in den nächsten vier Jahren soll sich die Mitarbeiterzahl in Fernost von derzeit 23.700 auf 30.000 erhöhen. Dekkers will auch mehr Manager aus der Region in Führungspositionen bringen. Insbesondere in China (inklusive Hongkong und Taiwan) möchte der Bayer-Chef zulegen. Bis 2015 will er den Umsatz im Reich der Mitte von 2,9 auf 6,0 Milliarden Euro mehr als verdoppeln.

Verzicht auf Kündigung

Die Hits in der Hausapotheke
Platz 10: Grippostad von Stada Quelle: dpa
Platz 9: Aspirin plus C Quelle: dpa
Platz 8: Dolormin Quelle: PR
Platz 7: ACC Quelle: dpa
Platz 6: Aspirin Quelle: dpa
Platz 5: Thomapyrin Quelle: dpa
Platz 4: Bepanthen Wund- und Heilsalbe Quelle: dpa

Dekkers ist fasziniert von der Dynamik des Landes. Vor etwa 13 Jahren, damals in Diensten des US-Elektronikkonzerns Honeywell, war er zum ersten Mal in Shanghai. „Wir waren das einzige Flugzeug, das ankam, kaum jemand wartete am Gepäckband, es fuhren nur wenige Autos auf den Straßen. Es war so, als ob hier keiner wohnen würde.“ Inzwischen boomt die Stadt.

Die Arbeitnehmer hat Dekkers mit seiner Expansion nach China dennoch nicht gegen sich aufgebracht. „Natürlich muss Bayer dort investieren, wo das Wachstum stattfindet“, gibt sich Gewerkschafter Hoffmann verständnisvoll.

Vorerst Verzicht auf Kündigungen

Zur Beruhigung der Belegschaft haben die vielen Hundert Millionen Euro beigetragen, die Dekkers gleichzeitig im Bayer-Heimatland lockermacht. Ende vergangenen Jahres einigten er und sein Arbeitsdirektor Richard Pott sich mit den Arbeitnehmervertretern darauf, bis Ende 2015 an den deutschen Standorten auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Immerhin 700 Millionen Euro will Dekkers darüber hinaus in den nächsten Jahren in sein Chemie- und Kunststoffgeschäft investieren. Für 150 Millionen Euro soll etwa im rheinischen Dormagen, ähnlich wie in Shanghai, eine neue Anlage zur Produktion von TDI entstehen. Im Chempark Leverkusen lässt Dekkers gerade für 35 Millionen Euro eine neue Mehrzweckanlage für Lackrohstoffe bauen, die im Herbst 2013 in Betrieb gehen soll.

In Arbeit
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„Dekkers ist kein vaterlandsloser Geselle“, sagt Gewerkschafter Hoffmann. Ein größeres Lob hätte Dekkers kaum kriegen können – gerade mal 14 Monate nachdem er den überraschenden Stellenabbau angekündigt hatte. Seither verhandeln beide Parteien in vertrauensvollen Gesprächen – Details dazu sollen in wenigen Wochen bekannt gegeben werden.

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