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CO2-Emissionen So gerechtfertigt ist das grüne Gewissen der Dax-Konzerne

CO2-Emissionen: So gerechtfertigt ist das grüne Gewissen der Dax-Konzerne Quelle: imago images

Kein Konzern kommt mehr ohne eigene Klimaschutzziele aus. Aber wer ist nah dran, die auch zu erreichen? Und wer stößt jedes Jahr mehr Treibhausgase aus? Die WirtschaftsWoche fragte die Dax-Konzerne nach ihrer Bilanz.

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Was Klimaziele angeht, übertrumpfen sich die großen Konzerne gerne. Bis 2050 will sie CO2-neutral sein, verkündete die Deutsche Post DHL vor einigen Jahren medienwirksam. Sie hängte sich eine große, moosbewachsene Null ins Foyer, mehrere Meter hoch. Das gleiche Ziel strebt auch Thyssenkrupp an.

Dabei ist 2050 nun wirklich noch ganz schön lange hin. Und ein Blick auf das Pariser Abkommen zeigt: Viele Industriestaaten wollen ohnehin bis 2050 klimaneutral sein. Auch die deutsche Regierung hat das als erklärtes Ziel ausgegeben. SAP strebt das Ziel der Klimaneutralität deshalb schon bis 2025 an, Munich Re hingegen will schon seit 2015 klimaneutral sein – und die Deutsche Bank bereits seit 2012!

So, wie die Politik über ihre Klimaziele diskutiert, tun es auch die Konzerne. Weil Kunden bei ihren Einkaufsentscheidungen immer öfter auch ihr Gewissen befragen, ist ein grünes Image für sie zur Notwendigkeit geworden. Die WirtschaftsWoche befragte alle Dax-Konzerne nach ihren Zielen, ihren Emissionen, nach ihren Strategien zur Senkung und auch danach, ob sie ihr ausgestoßenes CO2 vielleicht durch andere Klimaschutzprojekte kompensieren.

Das Ergebnis: Es ist kompliziert. Auch wenn beinahe alle Konzerne Klimaziele verkünden, heißt das nicht, dass sie diese auch erfüllen werden können. Bei vielen hängt das Geschäftsmodell am Ausstoß von CO2: Wenn die Konzerne weiter wachsen wollen, dann werden wohl auch die Emissionen wachsen. Sie können höchstens energieeffizienter werden.

Werte schöngerechnet

Das größte Problem aber ist die Methodik selbst. Wie sich Emissionen von Konzernen messen lassen, legt eigentlich das sogenannte Greenhouse Gas Protocol (GHG) fest. Allerdings weichen einige Konzerne davon ab. Die Zementbranche etwa – mit dem Vertreter Heidelberg Cement – hat ihre eigenen Berechnungsmodelle. Und selbst das GHG lässt den Konzernen viel Spielraum. Generell unterscheidet es drei Kategorien von Emissionen:

  • Scope 1: Umfasst alle Emissionen, die durch fossile Brennstoffe und selbsterzeugten Strom der Unternehmen ausgestoßen werden, sowie den eigenen Fuhrpark, inklusive firmeneigener Flugzeuge.
  • Scope 2: Umfasst auch den Strom, den Konzerne am Markt einkaufen.
  • Scope 3: Umfasst als einzige Kategorie auch Emissionen entlang der Wertschöpfungskette. Darin eingerechnet ist zum Beispiel der Papierverbrauch oder Geschäftsreisen. Aber auch die Emissionen von Lieferanten, und solche Emissionen, die während der Nutzung von Produkten entstehen – zum Beispiel bei Autos. Weil viele Zahlen jedoch kaum zu konkretisieren sind, rechnen Konzerne oft mit Modellen. Und damit beginnen die Probleme.

Wie sehr man mit den Emissionszahlen spielen kann, macht das Beispiel der Autobauer deutlich: VW hat deutlich mehr Emissionen als BMW oder Daimler. Nun verkauft VW auch mehr Autos. Wird der Konzern dadurch automatisch zu einem größeren Klimasünder?

Ein Blick in die Berechnungswege zeigt: Nicht unbedingt. Denn während BMW bei Scope 3 (Emissionen entlang der Lieferkette und der Nutzungsdauer) lediglich sechs Kategorien aufrechnet, zählt VW schon zwölf Kategorien. Und VW geht bei seinen Autos von einer durchschnittlichen Nutzungsdauer von 200.000 Kilometern aus, BMW zählt nur 150.000 Kilometer. Weil VW strenger rechnet, weist der Konzern auch höhere Emissionen aus. Auch der Autozulieferer Continental hat im vergangenen Jahr neue Kategorien in die Berechnung von Scope 3 einbezogen. Mit gravierenden Effekten: Wies Continental 2017 noch rund 11 Millionen Tonnen CO2 in der Wertschöpfungskette aus, waren es ein Jahr später 112 Millionen Tonnen.

Allerdings kann selbst VW nicht sagen, wie viel denn seine Lastwagen oder Schiffsmotoren während der Nutzungsdauer ausstoßen. Ähnliches gilt für Daimler. Der Autokonzern kann für eine Vielzahl seiner Fahrzeuge – zum Beispiel für Lastwagen, Busse und Transporter – gar keine Scope-3-Emissionen ausweisen.

Längst nicht alle zeigen alles


Wie viele Emissionen die Dax-Konzerne 2018 ausstießen

Adidas, Covestro, Fresenius und Heidelberg Cement geben gar nicht erst Scope-3-Emissionen aus. Und auch der Gaskonzern Linde und Bayer können keine Zahlen für 2018 vorlegen. Beide verweisen auf große Zukäufe: Bayer hat den Agrarchemiehersteller Monsanto aufgekauft, Linde ist mit dem amerikanischen Konkurrenten Praxair fusioniert. Mit den zusätzlichen Fabriken müssen die Konzerne zukünftig auch neue Massen an CO2 in ihren Bilanzen ausweisen. Der Dax-Neuling Wirecard kann seine Emissionen noch überhaupt nicht benennen.
Das zeigt: Bei allem Gerede über die Klimaziele wissen viele der Großkonzerne überhaupt nicht, für wie viele Treibhausgasemissionen ihr Geschäft verantwortlich ist.

Berechnungsgrundlagen und einbezogene Kategorien ändern sich oft über Jahre – deshalb gibt es bisher nur wenig Vergleichbarkeit. Wir haben deshalb analysiert, wie sich die Emissionen allein im vergangenen Jahr entwickelt haben.

Welche Unternehmen ihre Emissionen am meisten gesteigert haben

Als wäre die Debatte um Flugscham nicht schon genug: Lufthansa, Deutschlands größte Airline, hat im vergangenen Jahr den Treibhausgasausstoß um zwölf Prozent erhöht. Teilweise kommt diese Steigerung dadurch zustande, dass Lufthansa nun auch Brussels Airlines und die von Air Berlin übernommenen Flugzeuge mit einrechnen muss. Man arbeite intensiv an Wegen, Treibstoff zu sparen, erklärte der Konzern. Im vergangenen Jahr habe die Lufthansa nur noch 3,65 Liter Kerosin pro Passagier für 100 Kilometer Strecke benötigt – „der bisher niedrigste Wert in der Geschichte der Lufthansa“. Doch an dem Beispiel zeigt sich auch: Reduzieren heißt noch nicht, dass Emissionen auch vermieden werden. Solange die Lufthansa mehr Passagiere befördert, steigen auch die Emissionen.

Der Sportartikelhersteller Adidas hat bisher anscheinend noch nicht allzu viel Wert auf seine Klimapolitik gelegt. Nicht nur, dass Adidas seine Scope-3-Werte gar nicht erst errechnet. Selbst bei Scope 1 und 2 – also den durch Energieverbrauch und den eigenen Fuhrpark entstehenden Emissionen – hat Adidas im vergangenen Jahr ordentlich zugelegt: sechs Prozent mehr Treibhausgase stieß der Konzern aus.

Ähnlich sieht die Situation bei Covestro aus. Der Kunststoffhersteller – eine Abspaltung des Bayer-Konzerns – steigerte seine Emissionen ebenfalls um sechs Prozent. Covestro macht dafür die Entwicklung des Energiemix an seinen Standorten in den USA und in Deutschland verantwortlich – wenn dort weniger grüner Strom ins Netz fließe, könne Covestro auch weniger nutzen. Um seine Ziele zu erreichen, seien in den nächsten Jahren „verstärkte Anstrengungen“ nötig, erklärt der Konzern selbst.

Andere Unternehmen rechnen erst gar nicht damit, dass sie ihre Emissionen reduzieren können. So teilt die Telekom teilt mit, dass sie in den kommenden Jahren von einem „steigenden Energieverbrauch“ ausgeht. Das hänge vor allem mit dem Ausbau der Mobilfunknetze und benötigten Rechenzentrumskapazitäten zusammen. Auch die Deutsche Post DHL verzeichnete im vergangenen Jahr um über zwei Prozent steigende Emissionen und führt das auf das Marktwachstum zurück. Innerhalb von Deutschland setzt der Logistiker seinen Elektrolieferwagen StreetScooter und Lastenfahrräder ein. Aber zu den Dienstleistungen gehört auch die Expresslieferung per Flugzeug, die einen Großteil der Emissionen ausmacht.

Auffällig ist auch die Entwicklung von RWE: Zählt man Scope 1, 2 und 3 zusammen, hat der Konzern im vergangenen Jahr um mehr als 40 Prozent bei den Emissionen zugelegt. Der Grund dafür liegt in der sich verändernden Struktur des Konzerns: RWE führt ein Tauschgeschäft mit Konkurrent E.On durch und gibt dabei auch die Grünstrom-Tochter Innogy ab. „Nach Abschluss der Transaktion und dem Verkauf der RWE-Anteile an Innogy wird der Ausweis unserer Emissionen wieder entsprechend niedriger ausfallen“, erklärt der Konzern.

Welche Unternehmen ihre Emissionen am meisten reduziert haben

Nivea-Produzent Beiersdorf hat im vergangenen Jahr einen wichtigen Schritt getan und seine Stromversorgung auf erneuerbare Energien umgestellt. Heute bezieht der Konzern 81 Prozent seines Stroms aus Wind, Sonne und Wasser. 2017 waren es erst 45 Prozent. Dadurch senkten sich die Emissionen des Konzerns um 15 Prozent.

Allerdings sind andere schon weiter: SAP zum Beispiel gibt an, 100 Prozent seiner Energie aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. Mitarbeiter bekommen eine Bahncard 100 anstelle eines Firmenwagens, und auf Flugreisen gibt es einen internen CO2-Preis. Allein im vergangenen Jahr hat SAP seinen Ausstoß um 13 Prozent gesenkt.

Relevanter für das Klima dürfte allerdings die Entwicklung von E.On sein: Der Konzern konnte seine Emissionen ebenfalls um rund 13 Prozent reduzieren. Ein Großteil davon entstehe durch Berechnungseffekte, erklärte der Energieversorger selbst. Für die Zukunft verbreitet er Optimismus: „Wir gehen davon aus, dass die Kohlenstoffintensität des bezogenen Stroms weiter abnimmt“, erklärt der Konzern. Der Grund: Auch andere Länder, von denen E.On Strom bezieht, stellen ihren Energiemix auf Grünstrom um.

Drei Konzerne erklären, sie seien schon da, wo die Welt noch hin will: Der Versicherer Allianz, Munich Re und die Deutsche Bank arbeiten angeblich klimaneutral. Der Strom komme aus nachhaltigen Quellen, die Gebäude seien so energieeffizient wie möglich. Was nicht vermieden werden kann, gleichen die drei Konzerne durch freiwillige CO2-Kompensation aus. Allerdings: Alle drei bieten vor allem Dienstleistungen an, haben also keine große Produktion, die Emissionen verursacht. Die Industrie und die großen Produzenten brauchen andere Strategien, wenn sie die Klimaziele einhalten wollen.

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