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Corona-Ausbruch in Fleischfabrik Kreis Gütersloh bekommt wegen Ausbruch bei Tönnies den Corona-Lockdown

Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies verbieten die Behörden im Kreis Gütersloh unter anderem wieder Sport in geschlossenen Räumen und zahlreiche Kulturveranstaltungen. Quelle: REUTERS

Nach dem massiven Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies haben sich inzwischen mehr als 1500 nachweislich infizierten Mitarbeitern. Um den Infektionsherd einzudämmen, kommt nun der Lockdown für die Region.

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Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies schränken die Behörden das öffentliche Leben im Kreis Gütersloh nun doch massiv ein. Erstmals in Deutschland werde ein Kreis wegen des Corona-Infektionsgeschehens wieder auf die Schutzmaßnahmen zurückgeführt, die noch vor einigen Wochen gegolten hätten, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Dienstag in Düsseldorf. Im Kreis Gütersloh handele es sich um das bisher „größte Infektionsgeschehen“ in NRW und in Deutschland.

Laschet warf dem Branchenriesen mangelnde Kooperationsbereitschaft vor. Daher hätten die Behörden die Herausgabe von Daten der Werkarbeiter von Tönnies durchgesetzt. „Da wurde nicht mehr kooperiert, da wurde verfügt“, sagte Laschet. Die Kooperationsbereitschaft bei Tönnies „hätte größer sein können“. Dass das Unternehmen den Datenschutz angeführt habe, sei kein Argument. Aus Infektionsschutzgründen wäre Tönnies gesetzlich verpflichtet gewesen, die Daten der Beschäftigten zu übermitteln, sagte Laschet.

Die hohe Zahl der Corona-Infizierten hatte im Kreis Gütersloh eine Kennziffer für die Pandemie-Bekämpfung zuletzt deutlich nach oben getrieben. Die sogenannte 7-Tages-Inzidenz zu den Corona-Neuinfektionen ist dort auf den Wert von 263,7 gestiegen. Er zeigt an, wie viele Neuinfektionen in den vergangenen 7 Tagen pro 100.000 Einwohner gemeldet wurden. Die Zahl der nachweislich infizierten Tönnies-Mitarbeiter war nach jüngsten Daten weiter gestiegen. Es gebe 1553 positive Befunde von den Personen, die unmittelbar im Werk tätig sind, sagte der Leiter des Krisenstabes im Kreis Gütersloh, Thomas Kuhlbusch, am Montagabend bei einer Pressekonferenz in Gütersloh. Insgesamt seien 6650 Proben genommen worden. Zuvor hatten die Behörden von 1331 bestätigen Corona-Fällen (Stand Sonntag) in der Tönnies-Belegschaft berichtet. Auch im benachbarten Kreis Warendorf ging der Wert zuletzt nach oben. Dort lag er nach Angaben des nordrhein-westfälischen Landeszentrum Gesundheit zum Stand 22. Juni 0 Uhr bei 41,8.

Bei der Marke von 50 sollen für eine betroffene Region wieder stärkere Einschränkungen in Betracht gezogen werden. Bund und Länder haben allerdings auch vereinbart, dass diese Zahl keine Rolle spielt, wenn es sich um einen lokal eingrenzbaren Infektionsherd handelt.

Bereits am Montag mehrten sich die Stimmen für harte Konsequenzen aus den steigenden Infektionszahlen. Fachleute des Robert Koch-Instituts und andere Wissenschaftler sind im Kreis Gütersloh nach Angaben der Behörden im Einsatz. „Deren Empfehlungen folgen weitere Maßnahmen“, hatte Laschet am Montag noch über den Kurznachrichtendienst Twitter mit, ohne dabei Details zu nennen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte einen kurzen Lockdown mit massiven Tests in der Region und auch der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) nannte einen Lockdown in der Region vorstellbar. „Ich würde sagen ja“, sagte Adenauer am Montagabend auf die Frage, ob es nach einem Lockdown „rieche“. Die mobilen Teams, die in den Wohnungen und den Unterkünften unterwegs seien und auch Familienangehörige ansprächen, stießen jetzt in ein gewisses Dunkelfeld. „Insofern ist das für mich schon eine neue Situation“, erklärte Adenauer. Die mobilen Teams hätten einige positive Fälle bei ihrem Einsatz gefunden. Eine Zahl wollte der Landrat aber zunächst noch nicht nennen, da erst einmal ausgeschlossen werden solle, dass es hier doppelte Zählungen gebe.

Im Kreis Gütersloh ging es am Montag unter anderem um weitere Abstriche bei Haushaltsangehörigen von Tönnies-Mitarbeitern. Erneut waren mobile Teams unterwegs, um Proben zu nehmen und den in Quarantäne befindlichen Menschen Unterstützung anzubieten. Im Kreisgebiet können sich alle Menschen in den nächsten Tagen kostenlos auf das Coronavirus testen lassen. Am Montag seien auf diese Ankündigung schon zahlreiche Menschen zum Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück gekommen, sagte Kreissprecher Jan Focken. Für die angekündigten Corona-Tests der Bevölkerung des Kreises richtet die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe ein Diagnosezentrum ein.

Die vielen Infektionen bei Tönnies-Mitarbeitern sorgten auch dafür, dass die für die Ausbreitung wichtige Reproduktionszahl (R-Wert) für ganz Deutschland deutlich auf 2,88 (Vortag: 1,79) gestiegen ist. Das bedeutet, dass ein Infizierter im Mittel zwischen zwei und drei weitere Menschen ansteckt. Der Anstieg hänge mit lokalen Häufungen zusammen, wobei insbesondere der Ausbruch in Nordrhein-Westfalen eine große Rolle spiele, wie das RKI in seinem Lagebericht mitteilte.

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Sarah Dhem ist Präsidentin des Bundesverbands der Deutschen Fleischwarenindustrie. Im Gespräch mit der WirtschaftsWoche spricht sie über Produktionsbedingungen, bekannte Missstände und die eigenen Erfahrungen während der Coronakrise. Das Interview in voller Länge lesen Sie hier.

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